Horror im Menschenmuseum

Die Öffnung des Körperwelten-Museum in Berlin konnte nur per Gericht durchgesetzt werden, aber die Zukunft der Leichen-Show ist noch offen. Von Alexander Riebel
Foto: dpa | Was hat hier die Wissenschaft noch nicht gewusst? Die Leichendarstellung „Paar in Umarmung“ ist im neuen Menschenmuseum am Alexanderplatz in Berlin zu sehen.
Foto: dpa | Was hat hier die Wissenschaft noch nicht gewusst? Die Leichendarstellung „Paar in Umarmung“ ist im neuen Menschenmuseum am Alexanderplatz in Berlin zu sehen.

Eine Phalanx von Fotografen erhellte den düsteren Raum mit einem Blitzlichtgewitter. Am Mittwoch ist das umstrittene Museum Körperwelten am Fuß des Funkturms auf dem Alexanderplatz eröffnet worden. „Menschenmuseum“ nennt es der Sohn und Geschäftsführer Gunther von Hagens, Rurik von Hagens. Blickfang ist da ein Liebespaar bei Geschlechtsakt, ein Turner am Seil oder ein Skateboardfahrer. Eine Tote mit blonder Perücke, deren Rückenhaut wie Flügel ausgebreitet ist, wird definitiv nicht wissenschaftlicher Erkenntnis dienen, wie die Ausstellung beansprucht. Showeffekte sind bei jeder der 20 Ganzkörperdarstellungen dabei; auch die übrigen 200 ausgestellten Körperteile dienen eher dem Gruseln. Der an Parkinson erkrankte Plastinator stand bei der Eröffnung beinahe unbeweglich neben seiner Frau Angelina Whalley. Mit weit geöffneten Augen in rotem Samtjackett und einer Krawattenfarbe, die den plastinierten Toten sehr nahe kommt, bewegte er nur murmelnd die Lippen, während sie die Ziele des Museums angab: „Als Kuratorin des Museums war es besonders wichtig, dass wir hier zur Intensivierung und Bewusstmachung des Lebens beitragen; dass wir darüber nachdenken, was Menschsein einfach bedeutet.“

Damit war das Menschbild der Aussteller offengelegt. Denn Menschsein kann ja nicht bedeuten, Toten ihre Ruhe zu nehmen, sie chemisch umzuformen und im Museum auszustellen. Der Kulturbeauftragte des Erzbistums Berlin, Jesuitenpater Georg Roers, hatte bereits vor der Eröffnung erklärt, das Museum verstoße gegen die Menschenwürde und sei auf Sensationslust aus, zudem fehle es ihm an Wissenschaftlichkeit. Und am Aschermittwoch eine solche Ausstellung zu eröffnen, sei „völlig gedankenlos“.

Auch der evangelische Bischof Dröge hat das Museum scharf kritisiert mit den Worten „Es muss nicht alles gezeigt werden, was gezeigt werden kann.“ Beim „Aschermittwoch der Künstler“ sagte er: „Es müssen keine plastinierten Leichenteile auf dem Alexanderplatz gezeigt werden, die schamlos den Menschen auf seine materiellen Bestandteile reduzieren, ihm eine tröstliche Bestattung vorenthalten und einer würdigen Gedenkkultur berauben.“ Ganz richtig bezeichnete er das Museum als „blamable Visitenkarte“ für Berlin und gab damit die Stimmung der Kritiker wieder. Dröge predigte traditionell im ökumenischen Gottesdienst zum Aschermittwoch in der Katholischen Gedenkkirche Maria Regina Martyrum in Plötzensee und betete mit den Teilnehmern besonders für die im Museum ausgestellten Leichen. Das Aschekreuz zeichnete er dann zusammen mit dem Berliner Diözesanadministrator Tobias Przytarski auf die Stirn der Gläubigen. Noch am Abend der Museumseröffnung hatte Christen mit einer „Trauerprozession“ demonstriert und für die „Wiederherstellung der menschlichen Würde der ausgestellten Leichen gebetet“, wie die Deutsche Presseagentur berichtet hat. Auch die kirchenpolitische Sprecherin der CDU-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, Cornelia Seibeld, kritisierte die Schau gegenüber dem Rundfunk Berlin-Brandenburg: „Die Leichenshow am Aschermittwoch, dem Beginn der christlichen Passionszeit, zu eröffnen, zeugt von wenig Respekt und Pietät.“

Mit den großen roten Buchstaben „Körperwelten“ will die Ausstellung am Alexanderplatz, zu dem täglich Touristen aus der ganzen Welt kommen, anlocken. Doch gleich am ersten Tag blieb der große Besucheransturm aus: Nur 612 Neugierige fanden sich ein.

Gunther von Hagens hat die Eröffnung des Museums per Gericht durchgesetzt, obwohl dessen weitere Existenz noch offen ist. Zwar hatte ihm das Verwaltungsgericht bisher Recht gegeben, aber das Berufungsverfahren läuft und der Streit könnte bis zum Bundesverfassungsgericht gehen. Allerdings ist die endgültige Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts Berlin-Brandenburg über die Wissenschaftlichkeit der Schau noch offen, sie wird frühestens in der nächsten Woche erwartet; dann wird sich auch klären, ob die Ausstellung mit dem Berliner Bestattungsgesetz vereinbar ist. Berlin Mitte wollte die Ausstellung verhindern. Der Bezirk Berlin Mitte wollte im Fall der Ausstellungseröffnung ein Strafgeld von 10 000 pro Tag erheben; das hatte aber das Verwaltungsgericht Bezirk Mitte noch am 10. Februar untersagt. Bezirksbürgermeister Christian Hanke (SPD) sieht in der Schau einen Verstoß gegen die Menschenwürde und das Berliner Bestattungsgesetz. Für ihn handelt es sich bei den ausgestellten Menschen um Leichen, „mit denen wir würdig umzugehen haben“. Hanke kritisiert auch, dass die Einwilligung der Toten für die Plastination nicht vorliege, denn die ist seiner Meinung nach die Voraussetzung für die Ausstellung.

Es sei auch nicht festzustellen, dass durch die Ausstellung irgendetwas Neues entstanden sei. Der Eindruck bestätigt sich durch die Erklärung des Geschäftsführers Rurik von Hagens. Der beschreibt die Leichenschau als einen Weg durch den Körper, mit Ausstellungsteilen über den Stoffwechsel, das Bewegungssystem, die Fortpflanzung und den Blutkreislauf. Der Vergleich von gesunden und kranken Organen in Vitrinen ergänzt das Gezeigte. Neben der Darstellung der Körper gibt es auch einen Erklärungsteil, in dem die Auswirkungen von Stress oder Glück auf den Körper gezeigt werden; dadurch unterscheide sich die Ausstellung von den bisherigen. Doch neue Erkenntnisse hat der Besucher im Zeitalter von Gesundheit und Fitness hierdurch auch nicht.

Offenbar läuft das Geschäft mit plastinierten Körpern gut. Von Hagens gibt auf seiner Internetseite an, dass in seinem Körperspendeprogramm im Heidelberger Institut für Plastination 15 000 Spender vorgemerkt sind. Ausführliche Erklärungen auf der Internetseite zur Körperspende enthalten auch ein Formular zur Verfügung des eigenen Körpers, wo es heißt: „Ich wünsche und bestimme hiermit, dass mein Körper nach meinem Tod für die Plastination zur Verfügung gestellt wird. Mein Einverständnis erkläre ich mit meiner Unterschrift. Ich wünsche keine Beerdigung, und auf eine Obduktion (Körperöffnung in einem pathologischen Institut) soll verzichtet werden.“ Offenbar greift hier der säkulare Wunsch nach Unsterblichkeit.

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