„Hitler besiegen“

Sie behaupten in Ihrem Buch „Hitler besiegen“, die Präsenz des Holocaust blockiere Israel in seiner Alltäglichkeit. Wie ist das zu verstehen?

Wo immer man in diesem Land hinschaut, stets ist man mit dem Holocaust konfrontiert. Schauen Sie etwa nach Jerusalem, wo zurzeit Ultraorthodoxe gegen die Säkularisierung des Staates demonstrieren: Sie bezeichnen die Polizisten als Nazis. Oder beobachten Sie die Proteste gegen die Schwulen-Parade, dann hören Sie, dass man nicht von Homosexuellen oder Lesben spricht, sondern ebenfalls von Nazis. Und wenn Bibi Netanjahu den iranischen Präsidenten Ahmadinedschad zum Thema macht, dann spricht er nicht von der Gefahr der A-Bombe, auch nicht vom Islam gegen die Demokratie, sondern bringt immer wieder den Vergleich mit 1939, als der Zweite Weltkrieg ausbrach.

„Ich habe das Gefühl, in Österreich ist noch immer viel zu viel nicht erörtert worden und somit ungelöst“

Warum haben Sie dann Ihrem Buch „Hitler besiegen“ nicht den Titel gegeben „Hitler hat gewonnen“?

Das war tatsächlich eine Überlegung und der erste Teil des Buches handelt auch von Hitlers Beinahe-Sieg. Aber eines Tages hatte ich ein Gespräch mit meiner Mutter, die politisch immer rechts stand. Sie wurde 1929 bei dem Massaker, das Araber an Juden in Hebron begangen haben, von einer „Gerechten unter den Völkern“ gerettet. Und diese war eine muslimische Araberin. Und wenn heute alle Republikaner, die neuen Konservativen und all diese xenophobischen Menschen sagen, alle Moslems seien schlecht, dann halte ich ihnen entgegen: Hier ist eine Muslimin, die meiner jüdischen Mutter das Leben gerettet hat.

Ein wichtiges Ereignis – hatte es auch nachhaltige Auswirkungen?

Ja, sehr wohl. Meine Mutter hat zu meinem Sohn, der als Soldat am Krieg in Gaza teilgenommen hat, gesagt, dass sie froh sei, dass er keine Bomben auf unschuldige Palästinenser geworfen hat. Nach dieser Geschichte sagte ich zu mir: Wenn meine Mutter, die das Trauma durchleiden musste, dass 1929 die Hälfte ihrer Familie ermordet wurde, noch immer Mitleid gegenüber dem Feind empfindet, dann ist es richtig, meinen Buchtitel in „Hitler besiegen“ zu ändern. Und wenn meine Mutter ein Trauma überwinden konnte, dann kann es auch die Nation.

Zerstören Sie mit Ihrer Kritik an der Holocaust-Industrie nicht einen Mythos Israels, das sich als Zufluchtsort für alle in der Welt verfolgten Juden versteht?

Nein, sicher nicht. Und zwar ist Ihre Frage in einem zweifachen Sinn falsch. Zunächst einmal auf die Gründerväter des Staates bezogen. Die frühen Zionisten des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts sahen in dem Land nicht einen Ort der Zuflucht, sondern ein Land der Herausforderung, wo sie in Souveränität eine politische, kulturelle und religiöse Renaissance des jüdischen Volkes erleben wollten. Erst durch die Todescamps wurde es notwendigerweise zu einem Land der Zuflucht. Und zum Zweiten: Ich verstehe, dass jemand, der ein Trauma durchlitten hat, Jahre braucht, um es zu überwinden. Und bei Nationen braucht es sogar Generationen. Aber mein Buch ist auch nicht über gestern geschrieben, sondern auf einen sehr speziellen Tag in der Zukunft hin. Nämlich jenen, an dem der letzte lebende Zeuge des Holocaust – sei es ein ehemaliger Täter oder ein Opfer – sterben wird. An diesem Tag, der noch zu unserer Lebzeit kommen wird, wechselt der Holocaust von einer persönlichen Erfahrung hinüber zu einer Erinnerung. Und was ich zu offerieren versuche, ist eine Strategie der Erinnerung. Denn an diesem speziellen Tag der Transformation sollen die Nation nicht anfangen, das gestrige Trauma in alle Ewigkeit hinüber zu kopieren. An diesem Tag sollen wir eine lange Reise beginnen, bei der wir uns vom Trauma der Vergangenheit verabschieden und uns zu einem neuen Vertrauen hin bewegen.

Dem widerspricht aber die Rezeption, die der Holocaust in Israel erfahren hat. 1955, nur zehn Jahre nach der Befreiung von Auschwitz, als die Erinnerungen vieler Menschen garantiert noch sehr frisch waren, gedachte man der maschinellen Menschenvernichtung weit weniger als heute. Wie kommt das?

Die Frage, warum dies so ist, werden einmal Historiker behandeln. Ich gebe Ihnen aber eine Antwort aus meinem sehr persönlichen Umfeld: Ich habe drei Freundinnen, die eines gemeinsam haben: Sie wurden alle drei im frühen Alter sexuell missbraucht. Zwei konnten das Trauma nie überwinden, eine hat es geschafft. Aber für alle drei hat es Jahrzehnte gedauert, um sich artikulieren zu können. Das ist Individuen passiert – wie viel länger wird es also in soziologisch komplizierten Geflechten eines Kollektivs dauern? Gemeinsam ist dem Individuum mit dem Kollektiv: In den ersten Jahren wird die Erfahrung unterdrückt, erst im Laufe der Zeit entwickelt sich die Kraft, die Vergangenheit hervorzuholen. Aber sicher ist auch, dass wir zurzeit erleben, dass die Shoah in Israel zu sehr Teil einer nationalen Strategie ist. Und das ist ein Fehler.

Wie ist es, wenn Sie sich als Sohn eines deutschen Holocaust-Überlebenden an Orte begeben, die stark mit Judenhass verbunden sind?

Bei meinem letzten Besuch in Wien im vergangenen Herbst ging ich allein mitten in der Nacht durch die Stadt, durch einige Straßen, die ich kannte, durch andere wiederum, die mir fremd waren. Mich beschlich dabei das Gefühl einer sehr mysteriösen Stadt. So viele Skelette haben auf mich geschaut. Ich fühle mich in Wien ganz anders als in Berlin, für das ich beinahe heimatliche Gefühle hege. Ich habe das Gefühl, in Österreich ist noch immer viel zu viel nicht erörtert worden und somit ungelöst. Man kommt als Jude und Israeli nach Deutschland und dort ist klar: Sie lieben oder hassen dich – wie auch immer. Aber auf jeden Fall liegt alles offen auf dem Tisch. Aber man kommt nach Wien und alles befindet sich unter dem Tisch und hinter verschlossenen Türen oder Fenstern.

Zurück von Wien nach Israel. Ist der Holocaust die soziologische Klammer, die den Staat Israel, in den Juden aus über 90 Staaten der Erde eingewandert sind, zusammenhält?

Das ist eine sehr gute Frage, aber ich bin mir nicht sicher, dass es überhaupt eine einzige gemeinsame Klammer gibt. Aber es stimmt: Auch ich bringe immer wieder ein einziges Argument. Nämlich, dass unsere Feinde, die uns umgeben, ein gemeinsamer Nenner sind. Aber fragen wir uns doch, was passiert, wenn wir im Nahen Osten einmal Frieden haben werden. Dann werden wir Juden uns fragen: Können wir ohne externen Feind überleben? Wenn man uns mit Kriegen, Pogromen bedroht – dann wissen wir genau, was wir tun müssen. Wenn aber der Frieden kommt – wir sind einfach verloren.

„Wir Juden wurden nicht nur von den Nazis hingemordet, sondern auch durch die Gleichgültigkeit der anderen Nationen“

Ist der jüdische Holocaust der einzige Genozid des 20. Jahrhunderts, oder gibt es mehrere, die damit vergleichbar sind?

Nein, wir Juden haben kein Monopol auf das Leiden. Im 20. Jahrhundert wurden etwa 168 Millionen Menschen durch Genozide getötet. Aber als ich diese These in meinem Buch vertrat, begann für mich in Israel eine Zeit, die nicht sehr angenehm war – es ging beinahe bis zur körperlichen Unerträglichkeit. Auschwitz hat nun einmal zwei konträre Typen herausgebildet: Jenen, der sagt, dieses Leid darf Juden nie wieder widerfahren und deswegen sollten wir in Israel die stärkste Armee der Welt mit 200 Atomsprengköpfen haben. Und den zweiten Typ, zu dem auch ich mich zähle, der sagt: Das soll nie mehr passieren – keinem menschlichen Wesen. Daraus ergibt sich eine Verantwortung. Denn wir Juden wurden nicht nur von den Nazis und ihren Kollaborateuren hingemordet, sondern auch durch die Gleichgültigkeit der anderen Nationen. Deshalb liegt es an uns, ein Teil des Weckrufs an die Welt zu sein, wenn etwa in Darfur Menschen umgebracht werden.

Was soll sich also in der Einstellung Israels zur Shoah ändern?

Die Tatsache, dass Israel daraus nicht seine gesamte Sicherheitspolitik und seine Ängste ableitet.

Zur Person: Avraham Burg wurde 1955 als Sohn eines deutschen Holocaust-Überlebenden in Jerusalem geboren. Sein Vater war der prominente Vorsitzende der Nationalreligiösen Partei, Dr. Josef Burg, der in Dresden und Berlin die Ausreise deutscher Juden organisierte, bis er selbst 1939 floh. Nach seinem Militärdienst wurde Avraham Burg in der Protestbewegung gegen den Libanonkrieg aktiv. 1985 wurde er Berater von Premierminister Shimon Peres, und 1988 für die Arbeitspartei in die Knesset gewählt. 1995 wurde er zum Vorsitzenden der Jewish Agency und der World Zionist Organization ernannt und legte sein Knesset-Mandat nieder. 1999 bis Anfang 2003 war Burg Sprecher der Knesset. In dieser Funktion diente er vom 12. Juli bis 1. August 2000 als provisorischer Präsident Israels. Im Oktober 2003 erregte ein Artikel von Burg im Guardian mit dem Titel „The end of Zionism“ Aufsehen. 2004 zog sich Burg aus dem öffentlichen Leben zurück. Er lebt mit seiner Familie in der Nähe von Jerusalem. DT/sei/Foto: Campus Verlag

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