Hier zählt vor allem der eigene Wille

Die Einheit der Nation unter Gott war sein oberstes Ziel: Vor 200 Jahren wurde der amerikanische Präsident Abraham Lincoln geboren

Am 20. Januar 2008 hat sich seine Vision erfüllt: Der Glaube daran, dass alle Menschen in Freiheit leben sollten. Abraham Lincoln hat dieses Credo Zeit seines politischen Lebens wiederholt. Der 16. Präsident der Vereinigten Staaten, in dessen Regierungszeit der grauenvolle amerikanische Bürgerkrieg fällt, der sich an seiner Vorstellung entzündet hat, die Sklaverei müsse abgeschafft werden. Barack Obama löst als erster farbiger Präsident die Verheißung endlich ein: Amerika ist das Land, in dem alle frei sind, sein können. Weder Abstammung noch Bildungshintergrund bestimmen über dein Leben, sondern dein eigener Wille.

Es finden sich Parallelen in den Lebensläufen beider Politiker, Staatsmänner und Visionäre: Lincoln entstammt einer armen, gewöhnlichen Familie. Lincoln erwirbt als Autodidakt ein Anwaltspatent. Lincoln vergisst als Anwalt seine Herkunft nicht, auch nach der Heirat in die bessere Gesellschaft. Er vertritt neben der großen Eisenbahngesellschaft des Landes auch die Farmer der Gegend, die sich wegen einer entlaufenen Kuh streiten. Lincolns wirklicher politischer Aufstieg beginnt in Chicago, Illinois. Als Präsident geht er auf seinen ehemaligen Konkurrenten im Wahlkampf zu und bietet ihm einen Platz in seinem Kabinett, den Posten des Außenministers, an. Lincoln ist Präsident in der schwierigsten Phase der amerikanischen Geschichte. Die Union steht vor dem Aus, die Südstaaten sagen sich los und es beginnt ein erbarmungsloser Bruderkrieg. Obama beginnt seine Regierung in einer Zeit, in der die Finanzkrise die Arbeitslosigkeit in die Höhe treibt, Millionen Amerikaner ihr Dach über dem Kopf verlieren und Schlüsselindustrien wie die Automobilindustrie und die Finanzdienstleistung in die Knie gehen und vor dem Aus stehen.

Lincoln und Obama, sie müssen ihr Volk sammeln: der eine in Zeiten des Krieges, der andere in Zeiten der Finanzkrise. Ihre Amtseinführungen wurden zur Manifestation eines Volkes, das gesammelt werden wollte. Als Abraham Lincoln seine Ansprache an das Volk, das zu vielen, vielen Tausenden vor das Kapitol gekommen ist, beginnt, brandet frenetischer Jubel auf: „Mitbrüder der Vereinigten Staaten“. Der Anruf der nationalen Einheit in einem Moment, in dem 17 der 34 Bundesstaaten ihren Austritt aus der Union erklärt hatten, wird zum Hoffnungsschimmer und zum Versuch, den Bruch nicht vollkommen werden zu lassen.

Warum ist Lincoln die Abschaffung der Sklaverei so wichtig? Warum setzt er mit dieser Frage die Einheit der Nation aufs Spiel? Als Abraham 19 Jahre alt ist, heuert er auf einem Boot an. Ein Ziel, das der Lastkahn ansteuert, ist New Orleans im Süden. Hier begegnet er, so sagen es seine Biographen, zum ersten Mal der Sklaverei: Er sah, wie auf dem Sklavenmarkt Familien auseinandergerissen wurden, der Mann zu diesem, die Frau und die Kinder zu jenem neuen Besitzer. Er sah, wie mit den Menschen umgegangen wurde. Ein Unterschied zum Viehhandel war nicht auszumachen. Für Abraham Lincoln ein Schock.

Lincoln tritt die Reise nach Washington nach der gewonnenen Wahl in einem Zug an. Obama tat es ihm gleich, natürlich bewusst inszeniert. Bei so vielen Übereinstimmungen im Lebenslauf ist die Anleihe aber mehr als ein PR-Gag. Beide Politiker haben sich, über die 200 Jahre, die sie historisch voneinander trennen, vieles zu sagen. Obama hat von Lincoln viel übernommen, selten ist ein Staatsmann der Vergangenheit so bedeutend für die Entwicklungen der Gegenwart geworden wie hier.

Als Abraham Lincoln am 12. Februar 1809 in einer armseligen Hütte in Kentucky geboren. Sein Vater ist ein unbedeutender Kleinbauer, seine Mutter stirbt, als er neun Jahr alt war. Der Junge, der nur sporadisch die Schule besuchen kann, wird schon früh zu einem absoluten Bücherleser. Er verschlingt alles, was er in die Finger bekommen kann. Seine Biographen entdecken darin die Sehnsucht des jungen Abraham, nach einer anderen und besseren Lebensweise und eine innere Migration vor dem hässlichen und anstrengenden Leben auf dem Land. Der Junge ist sensibel. Als er 1832 in einem Krieg gegen die Indianer kämpfen muss, erlässt er dem einzigen Ureinwohner, dessen er habhaft wird, das Leben. Das Jagen, der Gebrauch von Schusswaffen, liegen ihm nicht. Er ist groß und schlaksig von Gestalt, sein Äußeres, die tiefsitzenden Augen vor allem, wirken auf die Menschen, die ihm begegnen, melancholisch.

Seine Liebe zum Lesen wird neu aufflammen, nachdem er nach 1831 der Chef einer lokalen Poststation in einem kleinen Dorf in Illinois wird, das New Salem heißt. Sein Job eröffnet ihm das Privileg, die Zeitungen, die in dem Ort ankommen, zu lesen. Hier kommt er zum ersten Mal richtig mit politischen Ideen und politischen Parteien in Berührung. Von da an ist in seinem Leben nichts mehr so wie es war. 1839 lernt er seine Frau Mary Todd kennen. Sie stammt aus einer angesehenen Familie in Kentucky. Sie gilt als Cholerikerin, er als Melancholiker. Das ungleiche Paar (er ist groß und schlank, sie ist klein und proper) heiratet gegen den Willen ihrer Familie. Mary Todd, die für die Politik eine ähnliche Leidenschaft hervorbringt wie ihr Mann, hat in Abraham Lincoln den Partner fürs Leben gefunden. Gemeinsam werden sie vier Söhne haben. Die Heirat mit Mary Todd ermöglicht es Lincoln, in die besseren Kreise der Gesellschaft vorzudringen und sein rhetorisches Talent und seinen politischen Sachverstand unter Beweis zu stellen.

1847 erhält er einen Sitz im Repräsentatenhaus. Lincoln strebt 1858 in den Senat in Washington. Er kann sich aber gegen seinen Kontrahenten nicht durchsetzen. Bekanntheit verschaffen ihm aber die Debatten, die er mit dem Demokraten Stephen Douglas führt. Auch hier geht es vor allem um die Sklaverei, deren Abschaffung Lincoln im Sinn hat. Der Wahlparteitag der Republikaner geht zugunsten von Abraham Lincoln aus: Austragungsort war Chicago, Illinois. Die Bewohner machten sich für „ihren Abe“ stark. So wurde Lincoln zum Kandidaten seiner Partei. 1861 ist er endlich am Ende seines Strebens angelangt und hat doch eine immense Last zu tragen. Als er Springfield im Zug Richtung Washington verlässt, bricht es aus ihm heraus: Die Last auf seinen Schultern ist mächtiger und drückender als jene, die George Washington zu tragen hatte.

So tritt am 4. März 1861 ein neuer Präsident vor das Volk in Washington, der weiß, dass sein Land kurz vor dem Beginn eines blutigen Bürgerkriegs stehen wird. 620 000 Menschen sterben in den vier Jahren Bruderkrieg, der kurz nach der Amtseinführung Lincolns beginnen wird. 1863 hebt Lincoln die Sklaverei in den Südstaaten auf – die nicht unter seiner Kontrolle stehen. Immer wieder wurde die Frage gestellt, warum er das nicht für seinen eigenen Machtbereich, den Norden, getan habe.

In der berühmt gewordenen Gettysburg Adress, einer Ansprache, die 272 Seiten lang ist und die jedes Schulkind in den USA auch heute noch memorieren kann, gibt er eine Antwort darauf: Sein Ziel, die Einheit der Nation, ist das oberste Gebot der Stunde. Diesem Ziel ist alles andere unterzuordnen, auch die Frage nach der Sklaverei. Mit diesem Schachzug nimmt er Kritikern den Wind aus den Segeln, die die Abschaffung der Sklaverei als den einzigen Kriegsgrund wittern. Zudem war in einigen der Nordstaaten, die mit Lincoln verbündet waren, die Sklaverei selbst noch üblich. Am Ende der Gettysburger Ansprache wird aber unmissverständlich deutlich: Lincolns Traum ist ein Amerika, in dem alle, in einer Nation unter Gott, frei geboren und leben sollen. Mitten im Krieg, 1864, wird Abraham Lincoln als Präsident wiedergewählt. Am 31. Januar 1865 hebt der Kongress die Sklaverei vollends auf. Lincoln wird wenige Tage nach Kriegsende, am 14. April 1865, während eines Theaterbesuchs aus nächster Nähe in den Kopf geschossen. Er stirbt einen Tag danach an den Folgen des Attentats.

Die Amerikaner haben diesem großen Präsidenten viele Denkmäler gewidmet und Straßen und Plätze nach ihm benannt. Die bekannteste unter diesen Erinnerungsstätten ist das Lincoln Memorial im Herzen Washingtons. Hier hielt Martin Luther King im August 1963 seine bewegende Rede „I have a dream“, in der er die Vollendung der Vision von Abraham Lincoln forderte: Zwar seien die Schwarzen nun vor dem Gesetz frei, so King, im Alltag und im gesellschaftlichen Leben seien sie immer noch marginalisiert und diskriminiert. An dieser Stelle gab es einen Tag vor der Amtseinführung von Barack Obama ein Konzert mit dem Titel „We are One“. Das Versprechen Lincoln ist jetzt, 200 Jahre nach seinem Geburtstag, eingelöst worden.

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