„Herr, ich bette meine Seele auf dein Kreuz!“

Für Gertrud von le Fort war Dichtung Hingabe der Person: Ihre „litteratura crucis“ kann als österliche Literatur gelesen werden. Von Gudrun Trausmuth
Foto: IN | Die Dichterin Gertrud von le Fort.
Foto: IN | Die Dichterin Gertrud von le Fort.

Gertrud von le Fort (1876–1971) ist die Dichterin der „litteratura crucis“. Sie gehört einer literarischen Gattung an, deren Botschaft die von Tod und Auferstehung ist. Leider hatte es die deutschsprachige christliche Literatur ja versäumt, sich einen ähnlich klaren Namen zu geben wie der „renouveau catholique“ in Frankreich. Bereits in ihrem Selbstverständnis als Dichterin setzt sich le Fort deutlich vom Üblichen ab: Für sie ist Dichtung nicht „Ausdruck der Persönlichkeit“, sondern „Hingabe der Person“, nicht Selbstverwirklichung, sondern Dienst. Le Forts Hingabe war jene an die Botschaft vom Kreuz, die sie mit den Mitteln der Literatur in singulärer Weise gestaltete. In den vor 90 Jahren erschienenen „Hymnen an die Kirche“ steht am Ende des Zyklus „Passion“ ein Ausruf, der über der Dichtung le Forts insgesamt stehen könnte: „Herr, ich bette meine Seele auf dein Kreuz!“

Das ist bei le Fort nicht nur ein Satz, sondern die immer wieder gestaltete Wirklichkeit und Wirksamkeit des Kreuzes, des Baumes, der nicht nur Tod und Auferstehung symbolisiert, sondern persönliche Begegnung mit dem gekreuzigten und auferstandenen Sohn Gottes bedeutet.

Der 1938 erstveröffentlichte Roman „Die Magdeburgische Hochzeit“ beginnt mit einer bezeichnenden Kreuzbegegnung: Mitten im 30jährigen Krieg soll der feinsinnige Pastor Bake die Magdeburger gegen das (katholische) Reich und für den schwedischen Sukkurs durch Gustav Adolf entflammen. Auf dem Weg zur Predigt memoriert er die politische Predigt, die er halten soll und tritt dann in den Dom, wo er sich vor dem Kreuz wiederfindet: Mit der narrativen Beleuchtung des Kreuzes tritt im Text eine radikal andere Dimension hervor. Das Räsonieren des unsicheren, getriebenen Bake findet ein Ende, verstummt. Sprachlich macht sich das im Schnitt des vorwärtsdrängenden, unruhigen Stils bemerkbar – die Sprache beruhigt sich, wie aus einer anderen Wirklichkeit schiebt sich der alles Andere belanglos machende Anblick des Kreuzes in den Blick: „Es sah aus, als ob man auf der ganzen Welt überhaupt nichts mehr erkennen könne als dieses große, gleichsam zwischen Himmel und Erde ausgespannte Kreuz.“ Hier öffnet sich ein Raum unwiderstehlicher Kontemplation – aus dem Vagen, Grauen, Unklaren tritt, leuchtend und unauslöschlich, das Kreuz hervor. Im Angesicht des Kreuzes erfolgt eine völlige Umkehr, eine echte conversio. Das Kreuz zieht den von andern funktionalisierten und indoktrinierten Pastor Bake geradezu in einen Raum der Kontemplation hinein, relativiert die Wichtigkeiten der Politik. In der geschilderten Szene hat der Prediger den Eindruck, als ziehe ihn der Gekreuzigte an sich. Bake schöpft aus dieser Innigkeit mit Christus Gottvertrauen und wird zutiefst frei. Die Ansprüche der Welt versinken, Christus allein wird neu als das entscheidende Gegenüber erkannt.

Der Pastor gelangt zur Überzeugung, dass er „einen ganz anderen Sermon werde halten müssen, als er zuvor vermeint hatte.“ Die Begegnung mit dem Kreuz – so scheint es – wird nun zum Kriterium des Sprechens. Dann aber, als der Prediger auf die Kanzel zugeht, „da war ihm plötzlich, als werde er diesen anderen Sermon nicht über die Lippen bringen“. Die vor dem Kreuz gewandelte Predigt verändert sich wiederum, denn der Prediger schaut nun nicht mehr auf das Kreuz – weder äußerlich noch in seinem Herzen – sondern auf die Erwartung der Predigthörer. Er schaut auf die „eigenwilligen und ungestümen Männer“, die „stattlichen Frauen“, er nimmt auf, was sie sind, wie sehr sie den schwedischen Akkord wollen und wie sehr sie erwarten, dass er mit seiner Predigt die Entscheidung bringt. „Und so vertauschten sich ihm abermals die Dinge, nicht wie zuvor im Gebet – er betete ja jetzt nicht mehr, er sah auch nicht mehr den Gekreuzigten an, sondern er sah das inbrünstige Verlangen und Vermögen und Vollbringenkönnen dieser standhaften und streitbaren Lutherfeste und den heiligen Glaubenszorn für das Evangelium – er sah gleichsam das schwertgewordene Wort Gottes in der Hand des rebellierenden und triumphierenden Magdeburgs…“ – und Bake hält schließlich die ursprünglich geplante hochgradig politische Predigt für den schwedischen Sukkurs.

Wenn die Kreuzeserfahrung nicht mit einer Herzensprägung, einer beständigen und entschiedenen Ausrichtung des inneren Blicks am Gekreuzigten und Auferstandenen einhergeht, zerschellt die kurzzeitige Ausrichtung am Kreuz an den nächsten von außen herantretenden Ansprüchen.

Auch eine Kreuzesszene aus le Forts wunderbarem Doppelroman „Das Schweißtuch der Veronika“, der einer Neuauflage harrt, sei hier angeführt. Überwältigt von Trauer um die verstorbene Großmutter, orientierungslos und verlassen, verschlägt es in diesem Rom-Roman die junge Veronika auf das Forum, in die Kirche Santa Maria Antiqua. Innerlich gezeichnet von Schmerz und Tod, macht das Mädchen vor dem alten byzantinischen Kreuz eine Erfahrung der göttlichen Liebe, des Gehaltenseins in seiner ganzen Existenz, eine Erfahrung der Auferstehung: „Was nun vorging, kann ich nicht anders beschreiben, als es vor mir schon viele Tausende getan haben: Die Liebe Gottes brach ganz plötzlich hervor und riss mich an das Kreuz des Heilands heran. Dieses alte, starre, halb erloschene Kruzifix, dieses Kruzifix in der verfallensten aller Basiliken Roms, in dieser, welche so leer von allen Gebeten ist, als sei sie nur noch der heidnische Tempel der Kunstgelehrten (ja, leer und arm, wie meine eigene Seele mir schien!), es breitete mir plötzlich die Arme entgegen und zwang mich auf die Knie nieder. Zugleich war es, als zöge jemand blitzschnell einen Vorhang von meinem Innern, und ich erkannte dort dasselbe Bild, vor dem ich kniete, als ein Brandmal der Liebe: empfangen, verleugnet, vergessen und dennoch unversehrt bewahrt, weil diese Liebe sich mir bewahrt hatte. Von ihr allein war der Ruf in meine Seele gekommen: Sie, dieselbe, die mich einst vor dem Tabernakel als Seligkeit an sich gezogen hatte, sie zog mich heute an sich, als wäre sie um meinetwillen Schmerz geworden. Denn nur ich selbst hatte sie ja verlassen und versäumt; sie selbst war immer dagewesen. --- Als ich Santa Maria Antiqua verließ, war die Welt verwandelt wie an jenem unvergesslichen Morgen nach der Nacht in Sankt Peter. Nicht mehr ein eigenes einsames und ungewisses Ich, sondern ebenjene Ewige Liebe erfüllte meine Seele und gab ihr eine grenzenlose Gewissheit.“

Veronika erlebt das „Hingerissen werden“ vom Kreuz als Sieg über Trauer und Tod, Einsamkeit und Verlassenheit, buchstäblich als Schlüssel zum Seelenfrieden, weil sich ihre Seele in der Kreuzerfahrung auf ihren Ursprung und ihre Heimat hin, auf Gott hin, ausrichtet.

Jeder hat eine Geschichte seiner Seele mit Gott

Die Botschaft vom Kreuz erweist sich als innerste Form, als Seelenprinzip ihrer erzählten Welt. Le Forts Helden sind keine Starken und Unanfechtbaren, es sind Schwache und Angefochtene, die im ersten Kontakt mit dem, was „ihr Kreuz“ werden soll, zurückweichen, dann aber umkehren, eine in großen Wehen geborene Entscheidung treffen, sich einem Willen hingeben, der die menschliche Kraft übersteigt, das „Ja“ des Mensch aber ersehnt.

Ohne es so zu nennen, treten viele Protagonisten den Weg der Nachfolge Christi an, nehmen sie sein Kreuz auf sich. Etwa in der Erzählung „Die Verfemte“, wo die schwangere Witwe Anna-Elisabeth den jungen feindlichen Soldaten rettet, indem sie ihn übers Moor führt – dieser Akt der Menschenliebe bringt ihr die Ächtung durch ihre Familie. Genauso die magisch begabte Anne de Vitré in der wundervollen Erzählung „Das Gericht des Meeres“, die das schlaflose Kind des Feindes nicht in den Tod singt, sondern rettet, sie wird von ihrem Landsmann Budoc ins Meer gestoßen. Oder die kleine ängstliche Blanche de la Force aus der Karmelerzählung „Die Letzte am Schafott“, die im Sieg über ihre Angst den Gesang ihrer ehemaligen Mitschwestern zu Ende singt, als diese hingerichtet werden und dies ihrerseits mit dem Tod durch die Guillotine bezahlt. Schließlich der große Feldherr Tilly in der „Magdeburgischen Hochzeit“, der unter der Standarte der Muttergottes reitend, alles tut, um die Zerstörung Magdeburgs zu verhindern, und dennoch als oberster Befehlshaber vor den Menschen und der Geschichte die Verantwortung dafür hat.

Konsequent vollendet le Fort die Botschaft vom Kreuz in ihrem Werk so, dass der tiefsten, ausweglosesten Nacht, die Auferstehung, eine völlige Umkehrung allen Geschehens folgt. Nach Dunkel und innerer Nacht leuchtet das Kreuz als Zeichen des Heiles und des Sieges auf: „Es grenzt ans Wunderbare, wie unsere Dichterin ein Mal ums andere die große Verwandlung gestaltet und beschreibt, die Verwandlung der Niederlage in den Sieg, des Todes in die Auferstehung und der Passion in die Herrlichkeit.“ (Theoderich Kampmann)

Le Forts Litteratura crucis ist in diesem Sinne österliche Literatur, aus der Tiefe der Kreuzeserfahrung hebt sich – das Geheimnis Christi abbildend – die frohe Botschaft von der Auferstehung, die Botschaft des Sieges über den Tod: „,Sieg im Untergang‘, schärfer ,Untergang als Sieg‘ heißt das kühne, im Johannesevangelium gründende Lieblingsparadox der Dichterin“, wie Nicolas Heinen schrieb.

Dieser paradoxe Umschlag, der sich in allen Werken le Forts nachweisen lässt, bleibt äußerlich oft die demütigendste und grausamste Niederlage – das Kreuz bleibt auch in seiner empörenden Botschaft stehen. Aber es beginnt sich als Weg des Heiles und der Rettung zu offenbaren, denn: Die entscheidende Perspektive, aus der heraus und auf die hin le Fort das Geschehen deutet, ist jene Gottes und der Ewigkeit; vor diesem Hintergrund gestaltet le Fort immer wieder die unerhörte Verwandlung, bei der das tragische irdische Verderben oder Versagen angesichts der Rettung für die Ewigkeit eine radikale Umwertung erfährt.

Einzigartig ragt somit in der Litteratura crucis der Gertrud von le Fort eine metaphysische Dimension in die erzählte Welt hinein, die sich in der Hermeneutik ihrer Texte als tiefste der übereinandergelegten Sinnschichten enthüllt: „Es gibt von jedem Menschen eine Geschichte seines Lebens und eine Geschichte seiner Seele, aber dann gibt es auch noch eine Geschichte seiner Seele mit Gott.“ („Das Schweißtuch der Veronika“)

Durch das Kreuz als innere Form, als Sinngestalt ihrer Dichtung, steht le Fort auf der Schwelle zur Geschichte Gottes mit der Seele, welche sich jenseits des dem Menschen selbst gänzlich erkennbaren Sinns seines Lebens im Herzen Gottes formuliert.

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