Henryk Sienkiewicz - Polen gehört die Zukunft

Das Werk des polnischen Nobelpreisträgers Henryk Sienkiewicz zeigt, dass religiöse und nationale Identität kein Widerspruch sein müssen. Von Felix Dirsch
Schriftsteller Henryk Sienkiewicz porträtiert vom Maler Kazimierz Mordasewicz.
Foto: culture.pl | Das Gute gewinnt: Der polnische Schriftsteller Henryk Sienkiewicz, porträtiert vom Maler Kazimierz Mordasewicz.

Das Verhältnis zwischen katholisch-universaler und nationaler Identität ist seit jeher umstritten – in der unmittelbaren Gegenwart vielleicht mehr denn je. Obwohl das allumfassende Heilshandeln der Kirche zu den fundamentalen Grundsätzen des Glaubens zählt und von niemandem ernsthaft in Frage gestellt wird, ist doch ebenso evident, dass die konfessionellen Prägekräfte im Hinblick auf die Nationen sehr unterschiedlich sind.

In kaum einem europäischen Land war und ist das Ringen um eine adäquate Synthese von katholischem Glauben und nationaler Identität so stark wie in Polen. Aus den dramatischen Wendungen der eigenen Geschichte, den Teilungen und ihren Überwindungen resultiert diese Verbindung. Die weltgeschichtliche Persönlichkeit des heiligen Papstes Johannes Paul II., eines überzeugten Patrioten, verkörpert sie wie kein zweiter. Das Wort „Gott schütze Polen“ war ihm vertraut. Während in früheren Jahrzehnten viele Polen ihre Identität von Berlin und Moskau her gefährdet sahen, fürchtet in der unmittelbaren Gegenwart ein signifikanter Teil die Kolonialisierung der eigenen Lebenswelt durch Brüssel. Hauptstreitpunkt ist die Verteilung von Migranten.

Wirft man einen Blick in die polnische Literaturgeschichte, so stößt man unter den Schriftstellern auf einen Mann, der den Konnex von nationaler Identität und katholischem Glauben in den Mittelpunkt seines Werkes gestellt hat: Gemeint ist der Autor Henryk Sienkiewicz, der schnell zu einem der gefeierten Nationalhelden avancierte. Deutlich wurde das im Jahr 1900, als er das fünfundzwanzigjährige Jubiläum seiner Literatenkarriere feierte. Viele Geschenke erhielt er, der Bischof von Warschau hielt eine flammende Predigt, die seine Verdienste herausstrich. Die so sehr Geknechteten bekamen einen neuen Hoffnungsträger, auf den sie ihre Wünsche, Sehnsüchte, Ängste und so fort projizieren konnten.

Als Sienkiewicz 1846 unweit von Warschau aus landadeligem Geschlecht das Licht der Welt erblickte, war die Einheit für viele Polen eine Herzenssache. Die Zerstückelung des eigenen Landes durch Preußen, Österreich und Russland dauerte bereits Jahrzehnte an. Einem Aufstand der Freiheitsliebenden 1830 folgte eine umso schlimmere Unterdrückung. 1863 wurde eine erneute Revolte gegen die Besatzer niedergeschlagen. Das Resultat: Einschränkungen und Schikanen aller Art. Die Unterjochten mussten sie noch über ein halbes Jahrhundert ertragen. Nach relativ kurzer Periode freier Lebensverhältnisse im Anschluss an den Ersten Weltkrieg folgten abermalige Gewaltregime. Erst 1989/90 brach ein neues Zeitalter an.

Wenn die Polen unter sich waren, unterhielten sie sich natürlich in ihrer eigenen Sprache. Tauchte an den Schulen ein Schulinspektor auf, war es unvermeidlich, dass die Schüler die Gedichte in einer fremden Sprache vortrugen, etwa auf Deutsch. In vielen zeitgenössischen Biographien scheint die Schmach der Besatzung immer wieder auf. Auch im Lebenslauf der berühmten Physikerin und Nobelpreisträgerin Marie Curie, deren 150. Geburtstags man kürzlich gedachte, werden entsprechende Demütigungen sichtbar. Die große Zahl von Emigrationen spricht Bände.

Bereits in jüngeren Jahren verfasste Sienkiewicz etliche viel beachtete Texte, darunter die Novelle „Janko der Musikant“. Ein mittelloser Dorfjunge träumt von einer Karriere als Musiker. Er entwendet eine Geige, um den Wunsch realisieren zu können. Dabei ertappt, wird er überaus hart bestraft und stirbt schließlich unter den Schlägen eines Adelsschergen.

Am Beispiel dieser Schrift lassen sich einige Auffassungen des Verfassers, der öfters als Moralist eingestuft wird, verdeutlichen. Sienkiewicz' kritische Vorbehalte gegen die so dominanten Krautjunker sind bekannt. Weiter spricht er sich für Liebe und Barmherzigkeit aus – gerade seitens derer, die zu den sozial Begünstigten gehören. Die evolutionäre Überwindung der Klassenschranken gehört zu seinen Zielsetzungen. Nicht nur in diesem Punkt kommt er der katholischen Soziallehre nahe, die sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts besonders in Deutschland herausbildete. Ein Roman, der stark weltanschauliche Gehalte transponiert, erschien 1890 mit dem Titel „Ohne Dogma“. Vordergründig geht es um einen Tunichtgut namens Ploszowski. Dieser Müßiggänger erinnert ein wenig an Figuren, die Dostojewski in seinen berühmten Schriften konturiert. Manche deuten ob des romantischen Einschlages den Protagonisten als partiellen Wiedergänger Werthers. Jedenfalls ist der Hauptdarsteller einer der vielen Zweifler und Grübler seiner Zeit. Er gerät schnell auf Abwege der Unmoral. Die Schlussfolgerungen, die Sienkiewicz zieht, leuchten jedem Leser ein: Wo der Glaube fehlt, tauchen in kurzer Zeit Dämonen auf.

Im Hintergrund von „Ohne Dogma“ scheint die Auseinandersetzung mit einflussreichen Doktrinen auf: Die Lehren des Franzosen Auguste Comte und die des Briten Herbert Spencer werden zurückgewiesen. Beide Denker stehen paradigmatisch für den „revolutionären Bruch im Denken des 19. Jahrhunderts“, den der Philosoph Karl Löwith bleibend gültig herausgearbeitet hat. Der eine vertritt eine technizistisch-szientistische Ersatzreligion, die in Wissenschaft und Positivismus den Höhepunkt der Weltgeschichte gekommen sieht. Comte als Erbe der Aufklärung betrachtet religiöse Symbole und Vorstellungen als Relikte einer vergangenen Zeit, die ohnehin bald verschwinden würden. Die Zukunft gehört demnach der Soziologie, die über die Theologie triumphiert. Spencer hingegen propagiert früh sozialdarwinistische Theoreme. Ihnen zufolge ist die Auslese der Schwachen und Unangepassten auch auf dem Gebiet der Gesellschaft, der Moral und der menschlichen Population ein Faktum. Der „Fitteste“ überlebt. Die methodische Vorgehensweise Darwins, der gezögert hat, seine Erkenntnisse auf den Menschen anzuwenden, wird so ausgeweitet. Erst den Zeitgenossen des 20. Jahrhunderts werden die Gefahren des Missbrauchs offenkundig.

Dass eine heute eher marginal erscheinende Gestalt der Wissenschaftsgeschichte wie Comte, dessen Rezeption im späten 19. Jahrhundert vor allem in Südamerika beträchtlich war, bei Sienkiewicz eine wichtige Rolle spielt, leuchtet angesichts seiner Biographie ein. Der Dichter wirkte in seiner Frühzeit als Positivist. Damit sind nicht nur Repräsentanten des literarischen Realismus etikettiert, dem auch Sienkiewicz angehörte; vielmehr bezeichnet dieser Begriff auch eine Reihe von zeitgenössischen Reformern, die gesellschaftspolitische Veränderungen anstrebten. Positivismus war ein Stück weit identisch mit einem modernistischen Grundcredo. Darunter fällt auch das Ziel der Unabhängigkeit. Der Wandel sollte auf evolutionärem Weg erreicht werden.

Der große Historienroman „Quo vadis“ erfüllte schnell die Merkmale eines Klassikers der Weltliteratur. 1895 erstmals veröffentlicht, kamen binnen kurzer Zeit Übersetzungen in viele Sprachen auf den Markt. Besonders in den USA verzeichnete er hohe Verkaufszahlen. Dass der Erfolg in Polen besonders groß war, hängt nicht zuletzt mit den Parallelen zwischen dem Inhalt des Bestsellers und der Lage des eigenen Volkes zusammen. Die Vertreter des frühen Christentums in Rom werden in der bald berühmten Erzählung als ebenso integer wie sittlich vorbildlich beschrieben. Als Mitglieder einer kleinen Minderheit sind sie natürlich ohnmächtig. Jeder Rezipient dieser Darstellung weiß, dass der Aufstieg der ursprünglich marginalen Gemeinschaft unvermeidlich ist und großartig verlaufen wird, ungeachtet des langen Zeitraums bis zum Sieg. Die junge Kirche nimmt das Leid und die Gewalt, die an ihr verübt wird, als notwendiges Übel hin, um dem Gekreuzigten gleich zu werden. Das Opfer wird mitunter sogar als Glück betrachtet, weil man damit in die Seligkeit eingehen kann. Das Blut der Märtyrer ist der Samen neuer Christen, so heißt es bei einem bekannten frühchristlichen Apologeten. Die Hoffnung bleibt. Man muss ausharren.

Die Botschaft des Autors könnte kaum eindeutiger sein: Beide Gemeinschaften, die frühen Jünger Christi und das polnische Volk, sind jung. Ihnen gehört die Zukunft. Was den Gläubigen noch bevorsteht, ein grandioser Aufstieg, werden auch die (zumeist gläubigen) Polen noch erleben. Haltet aus! Die Herren der Finsternis, sei es die herkömmliche römische Gewaltmaschinerie, deren Niedergang bereits abzusehen ist, seien es die Gegner Polens mit ihrer Macht der Bajonette, insbesondere das zaristische Russland, sind auf dem Rückzug. Für die Rezipienten eine Botschaft, die hoffnungsstiftender kaum sein könnte. Der Inhalt von „Quo vadis“ – die Erzählung erlebte mehrere Verfilmungen, darunter die erfolgreiche mit Peter Ustinov in der Hauptrolle – ist schnell erzählt. Der junge Patrizier Vinicius verliebt sich beim Besuch eines Veteranen in eine Geisel des Kaisers namens Lygia. Die hübsche Frau, die in der christlichen Familie lebt, wird beschützt von dem hünenhaften Sklaven Ursus.

Ein Grundkontrast durchzieht das Meisterwerk: Die alte, zunehmend dekadente Herrschaft, basierend auf dem Schwert und längst vergangenem Ruhm, wird herausgefordert durch die junge, für die Umwelt so geheimnisumwobene Liebesgemeinschaft der Christen. Der infantile Regent Nero und seine Claqueure, die sich zunehmend von ihm abwenden, personifizieren den Niedergang des einst mächtigen Reiches. Der charismatische Anführer der neuen Glaubensrichtung, Petrus, verkörpert den Gegensatz zum Lyra spielenden ersten Mann Roms. Letzterer bringt seinen Größenwahn mit den Plänen zum Ausdruck, die angeblich übelriechende Stadt durch eine visionäre neue zu ersetzen. Das brennende Troja wird ihm zum Vorbild. Am Ende des Romans finden Vinicius und Lygia trotz der völlig unterschiedlichen Welten, in denen sie leben, zueinander. Sie können aus Rom fliehen, während Nero am Schluss alleine dasteht und Selbstmord begeht.

Der Nobelpreis 1905 bedeutete den Höhepunkt im erfolgreichen Leben Sienkiewicz'. „Quo vadis“ schreibt man manchmal sogar den Charakter eines Nationalepos zu. Der Roman wird gelegentlich als katholisches Pendant zum nationalistisch-gründungsmythologisch aufgeladenen, partiell sozialdarwinistisch ausgerichteten Werk von Felix Dahn „Ein Kampf um Rom“ bezeichnet.

Die Wiederauferstehung Polens hat Sienkiewicz nicht mehr erlebt. 1916 starb er. Das „Symbol des Vaterlandes“ (Georges Albert-Roulhac) über einen langen Zeitraum hinweg gilt als kultureller Wegbereiter der Zweiten Republik, die formell Ende 1918 begann. Seine Verdienste um den katholischen Glauben werden nicht zuletzt an seinem Begräbnisort deutlich: Sienkiewicz fand seine letzte Ruhestätte im Warschauer Dom, an der Seite der Erzbischöfe Polens. Die Frage „Wohin gehst du?“, die im Neuen Testament an Petrus gerichtet wird, hat er für sich klar beantwortet.

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