Heinrich von Kleist auf der Suche nach dem gemeinsamen Tod: Über den Film

Regisseurin Jessica Hausner und Hauptdarsteller Christian Friedel über den Kinofilm „Amour Fou“. Von José García
Foto: Neue Visionen | In Henriette Vogel (Birte Schnöink) hat der Dichter Heinrich von Kleist (Christian Friedel) endlich jemanden gefunden, der bereit ist, zusammen mit ihm zu sterben.
Foto: Neue Visionen | In Henriette Vogel (Birte Schnöink) hat der Dichter Heinrich von Kleist (Christian Friedel) endlich jemanden gefunden, der bereit ist, zusammen mit ihm zu sterben.
Sie führen erstmals bei einem historischen Film Regie. Wie kamen Sie auf Heinrich von Kleist?

Jessica Hausner: Ursprünglich habe ich zum Thema Doppelselbstmord aus Liebe recherchiert. Das Drehbuch sollte in der Jetztzeit spielen, aber der Entwurf dazu geriet mir zu tragisch. Zufällig las ich, dass Heinrich von Kleist auf der Suche nach einem Partner für den Selbstmord zunächst seinen besten Freund, dann seine Cousine Marie und zum Schluss Henriette Vogel fragte. Im Gegensatz zu der romantischen Vorstellung eines Doppelselbstmords aus Liebe steht die Austauschbarkeit des Liebespartners. Hier entsteht der absurde Humor, der mich interessiert.

Wie haben Sie als Heinrich von Kleist-Darsteller diese Figur entwickelt?

Christian Friedel: Durch meine Theatererfahrung hatte ich eine eigene Sicht auf ihn, die sich allerdings mit der Jessicas (Hausner) etwas beißt. Ich fand es aber spannend, ihrer Vision zu folgen. Danach ist er ein sehr eloquenter und egozentrischer Mensch, aber in seiner Sturheit und in seiner romantischen Verklärtheit eigentlich faszinierend. Diese Farben in die Figur zu bringen, hat sehr viel Spaß gemacht.

Bei Kleist spielte wohl auch eine Rolle, dass er sich Goethe nicht ebenbürtig fühlte. Damit beschäftigt sich der Film jedoch kaum ...

Jessica Hausner: Nur an einer Stelle. Als Henriettes Mutter ihn etwas ärgern möchte, sagt sie: „Da lobe ich mir meinen Goethe“. Da steht noch eine Goethe-Büste, aber mehr beschäftigt sich der Film nicht damit. Ich habe es aber mindestens klein zitiert, weil das Nichtanerkanntsein von Goethe Heinrich von Kleist extrem gekränkt hat. Dies ist sicher auch ein Teil seiner großen Frustration.

Christian Friedel: Die Szene mit der Goethe-Büste ist spontan entstanden – mit einem Augenzwinkern für diejenigen, die diesen Aspekt kennen. Obwohl Kleist Vieles in seinen Werken hinterlassen hat, das bis heute strahlt, bekam er zu seinen Lebzeiten nicht die Anerkennung, die Goethe hatte. Auch besaß er nicht die geldlichen Mittel, die Goethe hatte.

Im Gegensatz zum verbreiteten Bild über diese Zeit ist die Filmausstattung sehr bunt. Wie haben Sie dies gewählt?

Jessica Hausner: Ich wollte der herkömmlichen Darstellung des 19. Jahrhunderts entgehen. Die meisten Filme sind in Braun, Beige und Grau gehalten, ein tausend Mal gesehener Look, der aber falsch ist. Denn Anfang des 19. Jahrhunderts herrschten Preußischblau und ein tiefes Rot vor. Die Ausstatterin Katharina Wöppermann hat Tapetenmuster um 1800 gefunden, die eine Berliner Firma heute noch produziert, wenn auch in neuer Technik.

Der Film sucht einen Mittelweg zwischen einer gestelzten und einer allzu modernen Sprache. Wie haben Sie sich darauf vorbereitet?

Christian Friedel: Es hat geholfen, dass Birte Schnöink und ich vom Theater kommen. Als ich zum ersten Mal mit Kleist in Verbindung kam, musste ich mich auch hineinfinden. Zunächst war ich skeptisch, bis ich irgendwann einmal merkte, dass er vielschichtig ist, dass seine Bilder eine hohe Emotionalität aufweisen. Ich habe in vier Kleist-Stücken auf der Bühne mitgewirkt. Dennoch war es in „Amour fou“ eine Herausforderung. Ich musste es zu Hause ganz oft vorsprechen, damit es in Fleisch und Blut übergeht.

Wie arbeiten Sie mit den Schauspielern, damit sich nicht der Eindruck – wie bei manchen Filmen – einstellt, dass sie „verkleidete“ Darsteller sind?

Jessica Hausner: Das Casting ist ein wichtiger Schritt, um jemanden zu finden, der von seiner natürlichen Ausstrahlung her genau die für die Rolle erforderliche Überzeugungskraft hat. Birte Schnöink besitzt die Schüchternheit, die damals Frauen hatten. Sie hat etwas Altmodisches mitgebracht: rot werden, wenn man spricht, leise sprechen, sich verstottern. Die Kostüme sollen die Person unterstützen. Für Birte Schnöink haben wir weich fallende Stoffe gewählt, die die Weichheit ihrer Figur verstärken.

„Amour Fou“ ist im Jahr 1810–11 angesiedelt. Es ist eine Zeit großer Umwälzungen in Europa ...

Jessica Hausner: Im Film wird auch über die aktuelle politische Lage gesprochen. Nach der französischen Revolution kommt es zu einer Art Paradigmenwechsel. Die Monarchie wurde in Frage gestellt. Es begannen die ersten demokratischen Bewegungen, gepaart mit Kapitalismus. An die Stelle des Kastensystems kommen die heute noch geltenden Paradigmen: persönliche Freiheit, individuelle Rechte. Heinrich von Kleist hat sich damit beschäftigt. Er war mit Adam Müller befreundet. Damals war es modern, konservativ zu sein, die Monarchie zu verteidigen, weil ihrer Meinung nach die französische Revolution nur zu Mord und Totschlag geführt habe. Es ist interessant, dass der Ursprung unseres heutigen Systems von einer anderen Seite betrachtet wurde.

Wie machen Sie sich als Schauspieler mit der Handlungszeit vertraut?

Christian Friedel: Ich versuche zu lesen, mich mit der Kunst und Zeitzeugenberichten zu beschäftigen. Wenn ich zum Set komme, ist es wie eine Zeitmaschine, als würde man sich in dieser Zeit bewegen. Wenn sich die Menschen von damals den Film anschauen würden, würden sie allerdings wahrscheinlich die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Aber ich versuche, die damaligen Gesellschaftsnormen kennenzulernen. Das weckt die Fantasie.

Ihr Film „Lourdes“ (2009) wurde sowohl von Gläubigen als auch von Menschen gelobt, die überhaupt nicht gläubig sind. „Amour Fou“ könnte auch unterschiedliche Interpretationen bieten. Ist dies beabsichtigt?

Jessica Hausner: Ja, auf jeden Fall. Dieser Aspekt interessiert mich in all meinen Filmen: Eine rätselhafte Anordnung von Ereignissen, die verschiedene Erklärungsmöglichkeiten bieten. In meinem Film „Hotel“ (2004) geht es um eine Hotelangestellte, die von irgendetwas verfolgt wird. Obwohl es verschiedene Assoziationen gibt, wird es nicht aufgeklärt. In „Amour Fou“ ist es ähnlich: Auch wenn es schmerzhaft ist, weil man es möchte, kann man in Menschen nicht hineinschauen.

Heinrich von Kleist (Christian Friedel) fühlt sich als „ein Zaungast in diesem Leben“. Der Dichter, der zu Lebzeiten einen zweifelhaften Ruf genießt und deswegen nicht den gewünschten Erfolg hat, empfindet das Leben hauptsächlich als Schmerz. Deshalb möchte er aus dem Leben scheiden – zusammen mit einem geliebten Menschen. Nachdem sich seine Cousine Marie (Sandra Hüller) weigert, diesen Platz einzunehmen, wendet sich Heinrich an Henriette Vogel. Heinrich und Henriette kommen sich näher. Sie scheint sich mit dem Gedanken des Doppelselbstmords langsam anzufreunden. Erst jedoch als die Ärzte bei ihr eine todbringende Krankheit diagnostizieren, willigt sie ein– was wiederum Heinrich enttäuscht. Im Jahre 1811 beging der 34-jährige Kleist am Wannsee in Berlin Selbstmord, nachdem er Henriette Vogel erschossen hatte.

Regisseurin Jessica Hausner geht es kaum um den Literaten von Kleist. Sie konzentriert sich im Spielfilm „Amour Fou“ ausschließlich auf Kleists Wunsch, einen Menschen zu finden, um zusammen zu sterben, was Hausner mit leichter Ironie inszeniert. Ins Auge sticht insbesondere die farbenfrohe, ausgesuchte Ausstattung und Kleidung sowie die gehobene Sprache. Mit wenigen Kamerabewegungen, abgesehen von Schüssen und Gegenschüssen, schafft Kameramann Martin Gschlacht regelrechte Tableaus mit malerischer Anmutung, manchmal in perspektivischer Anordnung durch zwei oder drei Räume hindurch. Die Folie für diese „Amour Fou“ bildet die geschichtliche Umbruchszeit zwischen Französischer Revolution, napoleonischen Kriegen und Restauration nach dem Wiener Kongress. J.G.

Themen & Autoren

Kirche