Heimholung

Amos Oz (77) gilt als einer der bekanntesten Literaten Israels. Er befasst sich als Jude mit Jesus von Nazareth. Von Wolfgang Sotill
Foto: IN | Jüdisches Denkmal für Jesus: Marc Chagalls „Weiße Kreuzigung“ (1938).
Foto: IN | Jüdisches Denkmal für Jesus: Marc Chagalls „Weiße Kreuzigung“ (1938).

Es waren ein Pilot, ein Spezialist für Shakespeare, ein Reiseleiter, ein Architekt und eine Keramikerin – alles Israelis –, die diskutierten, wer denn der bekannteste Jude aller Zeiten sei. Es war ein aufregendes Gespräch, das auf dem Dach eines Hauses in Mevasseret Zion mit Blick auf Jerusalem geführt wurde. Politiker wurden genannt, Wissenschaftler, auch Künstler, bis man sich schließlich auf Albert Einstein einigte. Der Einwurf, ob es nicht der Jude Jesus aus Nazareth gewesen sei, verblüffte sie, denn der war ihnen als „Christ“ gar nicht in den Sinn gekommen.

Diese keineswegs repräsentative, aber für viele Juden doch typische Diskussion zeigt: Jesus wird innerhalb seines Volkes bis heute nicht als Jude gesehen. Dieser Sichtweise widerspricht ausgerechnet einer der angesehensten Schriftsteller Israels: Amos Oz. In seinem 2015 erschienenen Buch „Judas“, das mittlerweile in 30 Sprachen übersetzt ist, befasst er sich in einer Nebenhandlung mit der Person Jesu. Und zwar verfasst Schmuel Asch, einer der Protagonisten des Romans, eine wissenschaftliche Arbeit mit dem Titel „Jesus aus der Perspektive der Juden“. Damit tut der Universitätsstudent Asch fiktiv genau das, was Professor Joseph Klausner, der Onkel von Amos Oz, in den 1920er Jahren tatsächlich getan hat: Klausner ging der Frage nach, ob Jesus von Nazareth mit seinen Äußerungen und Handlungen noch auf jüdischem Mutterboden steht oder nicht.

Auch wenn sich Klausner des Themas wissenschaftlich angenommen hat, so musste er, der als akademisches Glanzlicht der Hebräischen Universität von Jerusalem gehandelt wurde, ob dieses Themas doch einen deutlichen Knick in seiner Karriere hinnehmen. Jesus war eben in jüdisch-akademischen Kreisen auch vor 90 Jahren noch kein Thema, dessen man sich annahm. Zu stark trug der Mann aus Nazareth das Emblem des vieltausendfachen Todes, der in seinem Namen Juden ereilt hat, an sich.

Wenn Juden überhaupt über den Nazarener gesprochen haben, dann seit dem achten Jahrhundert in Form einer Schmähung. In „Toledoth Jeschu“, der „Geschichte Jesu“, wurden Teilaspekte seines Lebens zu einer Erzählung kompiliert und verzerrt. Damit wollte man den jüdischen Glaubensbrüdern, die nicht selten vom Prunk und Herrschaftlichkeit christlicher Gotteshäuser fasziniert waren, klar machen: Der Mann, auf den sich die Christen berufen, ist keinesfalls Gottes Sohn, nicht einmal ein Prophet, sondern bloß ein „Bastard“. Das würde schon die Herkunft Jesu beweisen. Seine Mutter Marijam hatte sich nämlich während der Menstruation einem römischen Soldaten hingegeben, der den Buben gezeugt hat. Später musste die Familie nach Ägypten fliehen, wo Jeschu das Zaubern erlernt hat, weswegen er später auch alle Bäume in Palästina verhext hat, sodass sich kein Stamm fand, an dem er gekreuzigt werden konnte. Nach seinem Tod – er wurde schließlich an einen Kohlstängel genagelt – wurde er in ein Grab gelegt, von wo ein Gärtner seinen Leichnam – eine Anspielung auf das leere Grab der Auferstehung – entwendet hat.

Mit dieser jahrhundertealten Tradition der Verunglimpfung brach nun Klausner. Zugleich leitete er eine Bewegung ein, die man als Heimholung Jesu ins Judentum bezeichnen kann: Der Jude Marc Chagall setzt Jesu in der „Weißen Kreuzigung“ (1938) ein Denkmal, indem er den Mann aus Nazareth als Typus des leidenden Juden zeigt. Dieses heute im „Art Institute“ in Chicago gezeigte Bild ist übrigens das Lieblingsbild von Papst Franziskus. Nach Klausner sind es in Israel angesehene Theologen wie David Flusser, Schalom Ben Chorin oder auch Pinchas Lapide, die sich mit Jesus auseinandersetzen und den Juden Jesus einer christlichen Leserschaft näherbringen. Das war für die traditionellen Kirchen nicht immer leicht zu verkraften, wie Amos Oz dieser Zeitung gegenüber erklärt: „Mein Onkel hat Jesus als einen Menschensohn und nicht als Gottessohn dargestellt. Zudem bestand er darauf, dass Jesus als Jude geboren wurde und als solcher auch gestorben ist. Er war für ihn auch nicht der Begründer des Christentums, sondern diese Rolle schrieb er erst Paulus zu. Jesus hat sich auch nie bekreuzigt, und er hat auch kein einziges Mal seinen Fuß in eine Kirche gesetzt. Dafür war er häufig in Synagogen zugegen, wo er auch immer wieder für Skandale gesorgt hat. Er hat sich auch nie an einen Sonntag gehalten – welcher Christ war er also?“

Für Amos Oz hat Klausner den intellektuellen Rahmen für das Christentum geboten. Das Verhältnis war aber nicht so eng, dass der Neffe in die Fußstapfen seines Onkels hätte treten wollen. Und so war auch eine ganz andere Begegnung für Amos Oz und seinen Zugang zu Jesus auschlaggebend: Jene mit „zwei wunderbaren Missionarinnen aus Finnland, die während der jordanischen Belagerung von 1948 in Jerusalem verblieben waren, und die Juden in allen möglichen Situationen geholfen haben“. Diese Nächstenliebe, die Oz später auch in seinem umfangreichsten Werk, „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ würdigt, war „der Grund für meine Neugier auf das Christentum. Natürlich habe ich in Jerusalem die Kirchenglocken gehört, und ich habe auch Christen gekannt, aber von ihrem Glauben wusste ich nur sehr wenig.“

Um diese Wissenslücke zu füllen, begann Oz mit 15 Jahren das Neue Testaments zu lesen: „Es war eine faszinierende Erfahrung, sich in den Lesesaal zurückzuziehen, ganz allein dazusitzen und Seite für Seite, Evangelium für Evangelium das NT zu lesen, während die anderen Jungen im Kibbuz zum Spielen gingen.“ Diese literarische Entdeckungsreise des jungen Mannes hatte freilich auch einen ganz banalen Grund, wie er im Interview zugibt: „Da ich ziemlich klein und schmächtig war, war ich beim Basketball nicht besonders gut und kam auch nicht so gut bei den Mädchen an.“ Einige Jahre später wird Amos Oz einen weiteren Grund für die Lektüre der Evangelien entdecken: „Wenn man das Neue Testament nicht kennt, dann wird man die Werke eines Fjodor Michailowitsch Dostojewski nie verstehen und auch nie die Musik von Johann Sebastian Bach.“ Und ganz engagiert setzt Oz nach: „Sie wissen, das Neue Testament wird in Israel bis heute nicht gelehrt – das ist eine Schande.“

Trotz seiner Faszination für die Person Jesu bleibt der mittlerweile 78-jährige Oz bei einer distanzierten Haltung zum Jesus des Glaubens und zu den Kirchen. Vor allem den lange erhobenen Vorwurf der Christen, alle Juden aller Zeiten seien am Kreuzestod Jesu schuld, kommentiert er mit leichter Häme, wenn er Gerschom Wald, eine weitere Hauptperson im „Judas“, eine Episode in einem Zug im Polen der 1960er Jahre erzählen lässt: „Diese junge Nonne glich einer Madonna aus einer Dorfkirche, eine Madonna, mehr Mädchen noch als Frau. Als ich eine hebräische Zeitung aus der Tasche holte, sie ausbreitete und zu lesen anfing, sagte die ältere in feierlichem Polnisch und im Ton erstaunter Enttäuschung: Wie kann das sein, der Herr liest eine jüdische Zeitung. Ich antwortete sofort, dass ich Jude sei und Polen bald verlassen würde, um in Jerusalem zu leben. Ihre kleine Freundin schaute mich an, ihre Augen füllten sich plötzlich mit Tränen und sie schimpfte mit ihrer glockengleichen Stimme: Aber er war doch so, so süß, wie konnten sie ihm das antun? Ich konnte mich nur mit Mühe beherrschen, am liebsten hätte ich gesagt: Zum Zeitpunkt der Kreuzigung hatte ich zufällig einen Termin beim Zahnarzt.“ An einer anderer Stelle im „Judas“ wird Gerschom Wald noch zynischer: „Nicht jeder kann in der Früh aufstehen, seine Zähne putzen und Gott töten.“

Der Jude Amos Oz, so scheint es, hat sich ein ganz persönliches Verhältnis zu dem Juden Jesus geschaffen: „Ich liebe Jesus aus vielen Gründen. Zunächst einmal, weil er ein wundervoller Mensch und auch ein so hervorragender Poet ist, einer mit einem so feinen Sinn für Humor. Er kann fröhlich, berührend, bewegend sein – er ist einfach wunderbar“. Solche und ähnliche Äußerungen haben Oz, der im links-intellektuellen Lager Israels seit Jahrzehnten geradezu hymnisch gefeiert wird, wie seinem Onkel vor 90 Jahren, auch einen Knick in seinen Sympathiewerten eingebracht. Viele seiner Landsleute haben ihn sogar als „Verräter“ beschimpft. „Ist das für Sie eine Kränkung?“ „Nein, ganz im Gegenteil. Es ist für mich eine Ehre, denn diese Bezeichnung stellt mich in eine exzellente Gesellschaft. Wenn ich an Politiker, Staatsmänner, Literaten denke, so ist dies ein Club ehrenwerter Menschen, die als Verräter bezeichnet werden. Ich gebe ihnen ein paar Beispiele: Als sich Abraham Lincoln entschied, die Sklaverei abzuschaffen, haben ihn Millionen als Verräter beschimpft. Ebenso erging es Charles de Gaulle, als er beschloss, französisch Nordafrika die Freiheit zu geben. Und die deutschen Offiziere, die versucht haben, Hitler zu töten, wurden ebenso als Verräter beschimpft wie Michail Gorbatschow. In diesem Club befinden sich auch David Ben Gurion, der der Teilung des Landes zugestimmt hat, und auch Menachem Begin, Shimon Peres und Jitzhak Rabin, der seine mutige Politik sogar mit dem Leben bezahlt hat. Auch Thomas Mann und Alexander Solschenizyn muss man nennen. Damit ist dies ein sehr ehrenwerter Club.“

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