Heilsversprechen sind ihm verdächtig

Religion, Geschichtsbewusstsein und Gemeinschaftsgefühl sind Orientierungshilfen gegen totalitäres Denken – Der Philosoph Hermann Lübbe wird 90. Von Christoph Arens
Foto: IN | Hermann Lübbe.

Er ist einer der großen deutschen Philosophen des 20. Jahrhunderts. Dabei gehört er nicht zu den Weltverbesserern. Utopische Politikentwürfe und Heilsversprechen sind Hermann Lübbe ebenso verdächtig wie die Vorstellung einer angeblichen „Gesetzmäßigkeit der Geschichte“.

Im Zentrum seiner Arbeit steht die Frage, wie die moderne, durch Technik geprägte Gesellschaft in Freiheit und Frieden zukunftsfähig gestaltet werden kann. Am Silvestertag wird Hermann Lübbe, im ostfriesischen Aurich geboren und bis 1991 Professor für Philosophie und Politische Theorie an der Universität Zürich, 90 Jahre alt.

Zusammen mit Persönlichkeiten wie Ernst-Wolfgang Böckenförde, Robert Spaemann und Odo Marquard zählt Lübbe zur sogenannten Ritter-Schule: ein Kreis von Intellektuellen mit liberalkonservativem Denken, deren geistiger Mentor der Münsteraner Philosoph Joachim Ritter war. Sie haben in der Nachkriegszeit einen wesentlichen Beitrag zur Rehabilitierung der praktischen Philosophie in Deutschland geleistet.

Lübbe hatte am Krieg noch als Marinesoldat teilgenommen und die Gefangenschaft durchlitten. Von großen Ideen hatte er seitdem genug; Skepsis und Pragmatismus wurden zur bestimmenden Geisteshaltung, auch wenn sie dem Zeitgeist bisweilen zuwiderliefen. Das zeigte sich etwa, als er 1983, 50 Jahre nach der Machtergreifung Hitlers, öffentlich darüber nachdachte, ob es nach 1945 womöglich auch etwas Gutes hatte, dass in Deutschland eher nicht über die Verbrechen der Nazis gesprochen wurde. Dieses „kommunikative Beschweigen“ sei notwendig gewesen, um eine Mitläufergesellschaft zu einer Bürgergesellschaft werden zu lassen.

Lübbe, der Philosophie, Theologie und Soziologie studiert hat, ist ein Grenzgänger: Einerseits beschäftigte er sich mit begriffs- und ideengeschichtlichen Themen wie der Säkularisierung und politischen Philosophie. Zugleich zeichnet sich sein Werk durch großen Aktualitäts- und Praxisbezug aus. Es braucht also Orientierungshilfen: Lübbe sieht Religion, Geschichtsbewusstsein, Gemeinschaftsgefühl und Partizipation als Bollwerke gegen die Versuchungen totalitärer Systeme. In diesem Zusammenhang wendet er sich auch gegen die These vom Absterben der Religion. Sie sei vielmehr ein Modernisierungsgewinner: Sie werde nicht mehr durch die Naturwissenschaften bedroht, weil sie deren Erkenntnisse mittlerweile integriert habe.

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