Hauptaufgabe der Erziehung

Zwischen Loyalität, Zugehörigkeit und Eifersucht: Die Bindungswurzeln in den Jahren Drei bis Fünf. Von Maria Elisabeth Schmidt
London
Foto: dpa | Zwei Kinder aus dem Londoner Stadtteil Southbank malen ein Herz in den Sand.

Läuft alles normal, verfügt das Kind im dritten Jahr über eine gute Portion Emergenz. Das ist diese Aufbruchsenergie, in dem das Ich erwacht und das Kind erlebt, dass es gar nicht in allem gleich ist wie Mutter oder Vater. Hier kommt die dritte Bindungswurzel ins Spiel; sie ermöglicht eine Bindung über Zugehörigkeit und Loyalität. Die Fähigkeit, sich auf diese Weise binden zu können, verhindert, dass die Erfahrung, anders zu sein, zu einer bedrohlichen Trennungserfahrung für das Kind führt. Das Kind will jetzt gefallen, gerne helfen, es verteidigt die Eltern und stimmt ihnen zu. Es ist sogar gehorsam. Zweijährige können das noch nicht. Die Fähigkeit zur Loyalität ist noch nicht da, und so wird es oft passieren, dass das Kind keinen Impuls verspürt, zu helfen. Anders das Dreijährige, es ist beseelt davon. Aber – das ist die Rückseite dieser Medaille – es wird auch schnell eifersüchtig. Manche Mutter kann ein Lied von der Eifersuchtsszene des dreijährigen Kindes singen, wenn sie mal länger als fünf Minuten telefoniert oder wenn nach dem dritten Geburtstag ein Geschwisterchen zur Welt kommt. Wichtig ist dann, dass das Kind beteiligt wird, dass es die Flasche halten oder beim Wickeln zusehen darf. Jedenfalls sollte man sich wegen solcher „Eifersuchtsszenen“ keine Sorgen machen. Das Kind leidet deswegen nicht an einer Persönlichkeitsstörung, vielmehr darf man sich über seine gesunde Entwicklung freuen. Aus demselben Grund kommt es vor, dass Jugendliche später einen Kumpel aus ihrer „Gang“ nicht verraten, selbst wenn er eine große Dummheit begangen hat. Viele Jugendliche sind noch unreif und nicht tiefer als über die dritte Bindungswurzel gebunden. Wenn sie über Loyalität an ihren Freund gebunden sind, werden sie zu ihm halten und ihn nicht verraten. Hier sind starke Emotionen im Spiel. Die Unreifen binden sich, indem sie zusammen herumhängen (Bindung über die Sinne), die gleiche Kleidung tragen und Musik hören, genauso reden und gehen, wie ihre Freunde (Bindung über Gleichheit), füreinander einstehen, besitzergreifend und eifersüchtig sind, sich nicht verpetzen (Bindung über Zugehörigkeit und Loyalität). Diese Dynamiken entstehen aus der Kraft oder Schwäche der Bindungsstrukturen aus der Kindheit. Kinder brauchen weitere, tiefere Wurzeln, um einen festen Charakter zu entwickeln und zu stabilen Persönlichkeiten heranzureifen, deren Beziehungen gelingen können.

Im vierten Jahr wird dem Kind klar, dass Mama und Papa das nahehalten, was ihnen lieb und wichtig ist. An dem Tag, an dem der Vierjährige das erkennt, beginnt seine lebenslange Suche nach Bedeutsamkeit. Die Vierjährigen wollen gewertschätzt werden, sie sehnen sich danach, dass wir stolz auf sie sind. Sie können nicht oft genug hören, wie sehr wir uns auf ihre Geburt gefreut haben. Wie gut kann man das Heranwachsen dieser Wurzel nähren, indem man das Kind selbst und seine Handlungen bestätigt! Etwa, indem das Kind hört, wie wichtig es den Eltern ist und wie sehr sie es genießen, ihm beim Spielen oder Malen zuzuschauen. Das Kind sollte spüren, dass es nicht nach Leistung bewertet wird, sondern weil es da ist und weil es so ist. Es ist für ein vierjähriges Kind (und auch für das ältere) ein himmelweiter Unterschied, ob man sein Bild mag oder lobt, weil es so schön geworden ist, oder ob man es mag, weil es gerade und nur von diesem Kind gemalt wurde. Die Anerkennung ist fruchtbringender Dünger für das Wachstum dieser Bindungswurzel. Das Lob für ein Bild allein kann von dem Kind als positiver Druck erlebt werden und die Befürchtung auslösen, einmal ein Bild zu malen, das misslingt. Das würde (aus Sicht des Kindes) zur Folge haben, dass die ersehnte Wertschätzung ausbliebe. Das wiederum kann Ängste verursachen, nicht mehr geliebt oder gewertschätzt zu sein und deshalb verlassen zu werden. Dann kann es durchaus vorkommen, dass das Kind sein Bild spontan zerreißt. Dieses Kind braucht dann aber keinen Termin beim Psychiater – es braucht nur die Wertschätzung der Eltern.

Im fünften Jahr will das Kind sich öffnen und sein Herz verschenken. Jungs wie Mädchen malen Herzen, lieben ihre Eltern, die Oma, den Opa, das Haustier und vieles mehr. Oft will es alle heiraten, die es lieb hat. Das heißt schlicht, dass es den geliebten Personen immer nahe sein will, so wie Mama und Papa, die auch verheiratet und zusammen sind. In diesem fünften Jahr sollte das Kind oft hören und erleben, dass man es liebt. Es sehnt sich danach wie frisch Verliebte, die diese Worte nicht oft genug hören oder andere Liebeserweise erleben wollen. Es geht um emotionale Nähe und Affektivität.

Das ist ein bedeutsamer Prozess. Freud hat das missverstanden und falsch interpretiert; Harlow bewies es mit seinen berühmten Affentests. Als er seine Schimpansen unter Stress setzte, hörten sie auf, zu essen und suchten die Nähe zu ihren Artgenossen. Der Bindungshunger ist relevanter und hat für das Gehirn eine höhere Priorität als der Hunger des Magens. Das leuchtet aus entwicklungspsychologischer Sicht auch ein. Denn Hunger ist zunächst nicht lebensbedrohlich, er zeigt einen Mangel an; der Unreife jedoch, der noch angewiesen ist auf eine verantwortliche Bezugsperson, braucht diese Bindung zwingend, weil sie es ist, die sein Überleben sichert. Das autonome Nervensystem kennt zwei Zustände, die alternativ aktiviert sind. Es handelt sich um das sympathische (System der Arbeit) und das parasympathische Nervensystem (System der Ruhe). Solange die Bindung zur Bezugsperson fehlt, bleibt das Gehirn im Arbeitsmodus und arbeitet solange an Bindung, bis diese hergestellt ist. Das bedeutet: In diesem Zustand wird sämtliche Energie in Bindung investiert und solange dafür verausgabt, bis diese als gesichert gilt. Reifeentwicklung geschieht aber immer nur aus einer Situation der Ruhe heraus. Das erklärt, warum die Hauptaufgabe der Erziehung darin liegt, die Bindung für das Kind so sicher zu machen, dass es sich darum nicht zu kümmern braucht. Dann kann seine ganze Energie in Wachstum, vor allem in das emotionale und psychologische Wachstum fließen, und es wird prächtig gedeihen können.

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