Hat naturwissenschaftliche Forschung keine Grenzen?

Der Wirbel um den Teilchenbeschleuniger in der Schweiz verdeckt, worum es in der Physik geht

Es gibt in den westlichen Ländern eine öffentliche Meinung vom unbegrenzten Fortschritt der Naturwissenschaften. Sie wird genährt von Nachrichten, die jede Woche von neuen Entdeckungen forschender Wissenschaftler berichten. Gegenwärtig eignet sich besonders das gigantische Projekt am Large-Hadron-Collider (LHC) dazu, schier grenzenlose Erwartungen zu wecken. Zwar wächst in der Bevölkerung die Beunruhigung, dass diese Experimente von noch nie da gewesenem Ausmaß – ganz abgesehen von möglichem menschlichen Versagen – zu Ergebnissen mit unbekannten Größen führen, die der wissenschaftlichen Kontrolle entgleiten können. Doch wird dies von manchen Medien verharmlost, die eine unersättlich wissbegierige Leserschaft voraussetzt und sie mit Vorstellungen einer „Reise zum Big Bang“ unterhält. Die LHC-Anlage wird gar als „Gottesmaschine“ bezeichnet, mit der „das Geheimnis der Schöpfung gelüftet“ werden soll (DT vom 1.4.). Es geht in dem Medienwirbel um eine Mystifizierung der Materie, wozu Christen nicht schweigen können, sondern für das Geheimnis des Schöpfergottes und des Menschen eintreten müssen.

Von philosophischer Seite ist es lohnend, über die Grenzen naturwissenschaftlicher Forschung nachzudenken, wobei an die klassische Auffassung von Wissenschaft und von Forschung anzuknüpfen wäre. Hiernach ist Wissenschaft jene vollendete Form menschlicher Erkenntnis, welche von Phänomenen in jedem Bereich des Realen, also der Dinge dieser Welt, den Menschen eingeschlossen, ausgeht, die uns Probleme aufgeben, um sie aus den ihnen einwohnenden Ursachen zu erklären. Eine der natürlichen Ursachen ist die Materie. Der Begriff (latein. materies, materia) war in der Antike kein Wort der Alltagssprache, sondern wurde durch die Naturphilosophie erstmals eingeführt, bei der Erforschung der Naturdinge auf ihre Ursachen hin. Sie liegt in den Elementen, aus denen die Naturdinge sich aufbauen. Die Forschung geht auf die Auffindung der Ursachen.

Die moderne Physik und die Chemie sind aus der traditionellen Naturphilosophie hervorgegangen und haben durch die Methode des Experiments sehr erfolgreich ihr Objekt, den Bereich der materiellen Natur, erschlossen. Als „empirische Wissenschaften“ haben sie sich dem anwachsenden Erfahrungsmaterial zugewandt und eine Reihe von Gesetzen entdeckt, die bis heute in Geltung sind und sich in den angewandten Technologien bewährt haben. Alle Industriezweige stützen und verlassen sich auf sie. Indes, die Gesetze, mit der Regelmäßigkeit, mit der ganze Reihen von Phänomenen geordnet ablaufen, erfordern eine Erklärung, die sich in der ihnen zugrundeliegenden Ursache findet, in der – mit Bewegungen oder „Energien“ begabten – Materie. Sie ist in den letzten Jahrhunderten immer genauer bestimmt worden: einerseits in der Physik durch die Theorien der Atome und ihrer Elementarteilchen, sowie andererseits in der Chemie durch die Theorien der Moleküle und ihrer Valenzen.

An Naturphilosophie orientieren

Als Laie gewinnt man heute den Eindruck, dass die naturwissenschaftliche Forschung an einem kritischen Punkt angelangt ist: wann sie nämlich als Aufdeckung der Materie als eine Ursache der Naturdinge an ihr Ziel gelangt ist, und wann sie anfängt, diese materielle Grundlage der Natur zu zerstören. Das gegenwärtige Projekt des LHC sieht vor, Elementarteilchen mit großer Wucht „kollidieren“ zu lassen, also zu zertrümmern. Ziel ist, zu einer Urmaterie vorzustoßen, vielleicht zu einer ungeheuren Energie, die am Anfang des Kosmos dagewesen sein mag, die aber nicht mehr die Materieursache der heute sich aus ihr aufbauenden Naturdinge ist. Als solche haben sich im Laufe von Milliarden von Jahren die Atome und Moleküle entwickelt und konsolidiert. Wir können die kosmische Entwicklung nicht mehr umkehren und zum Urzustand zurückkehren, ohne die Materieursache – die Atome und Moleküle – zu zerstören, welche die Grundlage der heute bestehenden Natur ist. Wo es um die Existenz der Menschen geht, dürfen sie nicht schweigen.

Eine parallele kritische Situation könnte man in der Forschung der Biowissenschaft sehen. Sie war bisher sehr erfolgreich in der Auffindung der materiellen Ursache, die in der lebenden Zelle die Bestandteile von Plasma und Kern sind, mit den Chromosomen, dem Genom und den Genen. Wenn nun aber Projekte gewaltsam in sie eingreifen und künstliche Veränderungen schaffen, wie diese beim Klonen und bei Mensch-Tier-Hybriden geplant sind, werden die natürlichen Grundlagen der belebten Natur zerrüttet. Dann überschreitet die Forschung ihre Grenzen und verliert ihre eigentliche Aufgabe. Wiederum steht letztlich auch die Existenz der Menschen auf dem Spiel.

Der eingangs erwähnten Meinung eines endlosen Fortschritts liegt, philosophisch gesehen, ein Empirismus zugrunde, für den das Reale nur das ist, was in die Sinnesanschauung fällt, und der daher jede nicht-materielle Form-, Bewegungs- und Zweckursache leugnet. Francis Bacon, der Vater des neuzeitlichen Empirismus, weist solche Ursachen, in seinem „Novum Organum scientiarum“ von 1620, als bloße Idole zurück. Dies ist zwar verständlich, da er die Naturphilosophie auf die Erforschung der Materie verkürzt, und im materiellen Bereich noch keine Form- oder Zweckursachen vorliegen. Aber der Fehler liegt in dieser Verkürzung der Naturphilosophie, welche ja auch den Bereich der Lebewesen umfasst. Und diese sind mehr als nur Materie; denn sie sind belebt von diesen Ursachen als ihren Lebensprinzipien. Schon vorphilosophisch sagen wir, dass die Lebewesen aus Körper und Seele gebildet sind, und dass der Mensch mehr ist als nur seine Gene. Die Biowissenschaft spricht zwar noch von „Lebensfunktionen“ in der lebendigen Zelle, hat aber als wissenschaftliches Vorbild nur Physik und Chemie und schließt aus ihrer Theorie jedes seelische Lebensprinzip aus. Dadurch geht aber etwas Orientierendes für ihre Forschung verloren, das ihr sagen würde, wann Forschung ihr Ziel erreicht hat, das von den natürlichen Zweckursachen der Lebewesen bestimmt wird, die sich in der Erhaltung ihrer spezifischen Lebensformen erfüllen, und wann sie gegen diese Finalität der Natur experimentiert und sie zerstört.

Die Loslösung von der Naturphilosophie nimmt schon der Forschung der Physik etwas an Orientierung. Als Beispiel kann das Buch von Werner Heisenberg dienen, „Das Naturbild der heutigen Physik“ von 1955. Der um die Entdeckung der sogenannten Unbestimmtheitsrelationen hochverdiente Physiker sieht durch sie die traditionelle Auffassung von der in sich bestimmten Natur, ja der Realität, ins Wanken geraten. Indes, interdisziplinär gesehen, überschreitet die Physik ihr Gebiet, wenn sie über die Natur und die Realität als Ganze spricht (was Aufgabe der Naturphilosophie und Metaphysik ist). Die Atome, das Objekt der Physik, sind nicht die Natur oder die Realität überhaupt, sondern nur eine ihrer Ursachen, nämlich die Materieursache. Diese definiert aber schon Aristoteles als das (sich zum bestimmenden Form- oder Zweckprinzip komplementär verhaltende) unbestimmt-bestimmbare Naturprinzip. Daher ist es nicht zu verwundern, wenn in der Materie Unbestimmtheiten auftreten, als würde dies unser herkömmliches Naturbild verunsichern. Vielmehr ist es verwunderlich, dass in der Materie noch so viel Bestimmtheit liegt, die in mathematischen Formeln ausgedrückt werden kann. Sie zu erkennen und zu erhalten, nicht zu zerstören, dies müsste Aufgabe der Physik sein.

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