Handreichungen zur Ethik

Otfried Höffe über die guten Gründe ethischen Handelns. Von Barbara Stühlmeyer
Otfried Höffe philosophiert über Glück und Moral
Foto: dpa | Der Philosoph Otfried Höffe mahnt mehr Urteilsfähigkeit an.
Otfried Höffe philosophiert über Glück und Moral
Foto: dpa | Der Philosoph Otfried Höffe mahnt mehr Urteilsfähigkeit an.

Um es gleich vorweg zu sagen, es ist keine verbindliche Ethik oder Morallehre, die Otfried Höffe in seinem Buch über die Macht der Moral im 21. Jahrhundert vorlegt. Hier geht es nicht um ein System von Vorschriften, über deren notwendige Einhaltung in der Gesellschaft oder wenigstens in einigen der sie konstituierenden Gruppen Einigkeit bestünde. Stattdessen offeriert der Autor ein Instrumentarium des Denkens, das dem alten jesuitischen Grundsatz folgt, zunächst herauszufinden, wovon ein Argument seinen Ausgang genommen hat, um die daraus gezogenen Folgerungen beurteilen zu können.

Angesichts einer immer komplexer werdenden Realität ein ebenso logischer wie sinnvoller Ansatz, ermöglicht er doch durch zielgerichtetes zu Ende Denken der zugrunde liegenden Annahmen eine Meinungsbildung hinsichtlich der Moralität der möglichen Folgen einer Handlung. Ein Loblied der Philosophie zu singen, wie es Höffe mit leiser Selbstironie zu Beginn seines Buches unter dem Motto „vom Nutzen des Nutzlosen“ tut, ist also nicht mehr als recht. Denn philosophisches Denken, wenngleich in der heutigen Wissenschaftslandschaft, in der der Hunger nach Wissen merkwürdigerweise nichts mehr gilt, kaum mehr subventioniert, ist gleichwohl notwendig, weil es nämlich, wie der Autor in facettenreichen, viele Bereiche der technischen Entwicklung, der Forschungslandschaft oder des menschlichen Miteinanders abdeckenden, als Denkräume zu bezeichnenden Kapiteln ausführt, im wahrsten Sinne des Wortes notwendig ist, wenn man sich eine fundierte Meinung bilden will.

Höffe mahnt sowohl praktische Grundlegung theoretischen Denkens als auch kreative Urteilsfähigkeit an. Unter praktischer Grundlegung versteht der Philosoph die Rückbindung der postulierten Handlungsgrundsätze an das eigene Tun. Wie beides in Widerspruch geraten kann, beschreibt er unterhaltsam am Beispiel des Utilitaristen Peter Singer, der ein absolutes Tötungsverbot ablehnt, sich für Abtreibung einsetzt und Kindstötung oder nichtfreiwillige Euthanasie für rechtfertigbar hält. Grundlegend ist für Singers Beurteilung der Personbegriff, der laut seinem philosophischen Ansatz nur für sich selbst bewusste, rationale Wesen gilt, wozu er Schimpansen, Wale und Delfine, nicht jedoch Föten, Neugeborene, Kleinkinder, demente oder an Alzheimer erkrankte Personen zählt. Die liebevolle Pflege, die Singer seiner an Alzheimer leidenden Mutter zukommen ließ, stand in pragmatischem Widerspruch zu seinem philosophischen Denken, weshalb Höffe in folgerichtiger und durchaus erheiternd formulierter Zuspitzung von seinem Kollegen eine grundlegende Änderung seiner moralphilosophischen Position verlangt. Was hier für den Bereich des Lebensschutzes konsistent formuliert und zu Ende gedacht dargelegt wird, weitet der Autor auf den Bereich der medizinischen Forschung aus, indem er das von fortschrittsorientierten Forschern präferierte Argument, Embryonen seien für die Stammzellenforschung zur Verfügung zu stellen, weil so das höhere Gut der Gesundheit unheilbar Kranker, die man infolge solcher Forschungen und der aus ihnen resultierenden Ergebnisse künftig heilen könne, folgerichtig als humanitaristischen Fehlschluss bezeichnet.

Neben dem heute besonders wichtigen, weil durch mannigfache tiefgreifende Entwicklungen geprägten Bereich der Medizin wendet sich Höffe auch grundsätzlichen Fragestellungen zu wie „Können Tiere Denken“, „Identität im Zeitalter der Digitalisierung“ oder den Grundfragen der ökologischen Ethik. Hilfreich ist hier, dass der Autor neben dem Instrumentarium des grundlegenden Durchdenkens der Begriffe auch die Geschichte der Philosophie zu Rate zieht, erweist sie sich doch als überraschend reichhaltige Fundgrube von Denkmodellen, die auch in den vielfältigen Debatten unserer Tage ein wegweisendes Korrektiv sein können. Uneingeschränkte Lesefreude löst die Kritik Höffes an einigen seiner Kollegen aus, die ihre Gedanken, unbeleckt von zu tiefgreifender philosophischer Lektüre für neuer halten, als sie in Wahrheit sind – eine in manchen philosophischen Fakultäten bedauerlicherweise mittlerweile verbreitete Krankheit. Zugleich sind diese Abschnitte des Buches höchst informativ, geben sie doch einen Einblick in eine Denklandschaft, die allzu vielen unnötigerweise verschlossen ist.

Höffe bietet hier dank zahlreicher Praxisbeispiele und einer lebendigen, nicht selten unterhaltsamen Sprache einen lesetechnisch niederschwelligen und zugleich intellektuell fordernden Zugang zu wegweisenden ethischen Fragestellungen. Man wird dem Autor nicht in jeder Schlussfolgerung zustimmen können, auch Höffe geht gelegentlich von nicht näher definierten Grundannahmen aus, deren Schlussfolgerung nicht jedermann folgen wird. Doch da der Philosoph in diesem lesenswerten, zum kritischen Denken ermutigenden Buch das notwendige intellektuelle Instrumentarium liefert, kann der geneigte Leser es, wenn nötig, auch anwenden, um sich eine eigene fundierte Meinung zu bilden.

Otfried Höffe: Die Macht der Moral im 21. Jahrhundert. Annäherungen an eine zeitgemäße Ethik. C. H. Beck Verlag, München 2014, Taschenbuch, 203 Seiten, ISBN 978-3-406-6601-6, EUR 22,95

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