Guerilla-Kampf in der Waldeinsamkeit

Jochen Rausch fängt die Schreckensbilder aus Afghanistan im Schicksal eines Bergeremiten ein. Von Björn Hayer
Foto: dpa | Einzelkämpfer in Afghanistan.
Foto: dpa | Einzelkämpfer in Afghanistan.

Nächtliche Schüsse, der Puls steigt, außerhalb der verlassenen Hütte eine beklemmende Stille. Seit einiger Zeit macht sich bei Arnold Stein der Eindruck breit, nicht mehr allein auf dem einsamen Berg zu sein. Und in der Tat geschehen mysteriöse Vorkommnisse: Sein Hund wird angeschossen, sein Haus demoliert. Allmählich wird in Jochen Rauschs neuem Roman „Krieg“ klar: Der Titel ist Programm.

Dabei ging es in dem Leben des ehemaligen Lehrers einstmals auch beschaulicher zu: Mit Karen führte er eine liebevolle Ehe, sein Sohn Chris war sein ganzer Stolz, der Traum vom häuslichen Idyll im Taunus schien unerschütterlich. Als ihr Schützling jedoch beschließt, sich als Soldat in Afghanistan zu verpflichten, wird das ferne Grauen aus dem Fernsehbildschirm ganz nah. Obwohl der bewaffnete Einsatz andernorts stattfindet, zieht er mit den Briefen des Rekruten in die heimische Mitte ein. Wohingegen die westlichen Demokratien ihre Freiheit, wie es der verstorbene Politiker und ehemalige Verteidigungsminister Peter Struck einmal pointierte, am Hindukusch zu verteidigen suchen, geht sie im dauerhaft besorgten Familienkreis in Rauschs „Krieg“ verloren. Der zu befürchtende Tod in einem unüberschaubaren Krieg ragt dabei als stetes Damoklesschwert über einem fragil gewordenen Lebensglück.

Von diesen Tagen, die bewegend den allmählichen Einfall des Unheimlichen in eine bürgerliche Wohlstandsgesellschaft dokumentieren, erzählen in Rauschs meisterhaftem Roman nur noch verstreute Mosaiksteinchen. Nachdem der Sohn in einem Schusswechsel umkommt, bleibt ein Scherbenhaufen zurück, den Karen und Arnold nicht mehr zusammenzusetzen imstande sind. Flüchtet sich erstere defätistisch in ein Tal der Tränen und wandelt die eigenen vier Wände aufopferungsvoll in ein kultisches „Chris-Museum“ um, verliert der Protagonist zunehmend den Kontakt zu ihr. Ihr Suizid lässt Arnold als gebrochenen Mann zurück.

Schließlich endet sein Weg als verknarzter Bergeremit. Eine entlegene Hütte bietet Schutz vor einer Welt, die längst nicht mehr die seine ist. Für den Eigenbrötler steht fest: „Das ist sein Stück Erde. Arnolds heiliges Land. Außer ihm hat keiner etwas verloren hier oben.“ Obwohl die Katastrophe um Chris Jahre zurückliegt, beginnt aber erst hier der eigentliche Krieg, der die Schatten der Vergangenheit in die Gegenwart wirft. Ein mysteriöser Täter treibt in den Wäldern sein Unwesen. Während der 50-jährige Witwer sich daher sukzessive für einen Guerilla-Krieg mit alter Flinte rüstet, scheint der Konflikt mit dem unbekannten Vandalen jedoch nur der Spiegel des unverarbeiteten Traumas um den verlorenen Sohn zu sein. Mit sparsamer Wortökonomie und poetischer Nebulosität aus Kalkül verfugt Rausch in zwei sich einander annähernden Erzählsträngen, wie der Schrecken um das persönliche Unglück in Afghanistan längst in das Hier und Jetzt eingedrungen ist. Die Parallelen zum Debüt „Restlicht“ (2008) des 1956 in Wuppertal geborenen Journalisten sind dabei unverkennbar: In ebenso unbehaglicher Atmosphäre schildert er darin den Versuch des Fotografen Bloom, die rätselhaften Umstände um das Verschwinden seiner ersten Liebe Astrid vor 30 Jahren aufzuklären. Die Frage, ob sich dahinter eventuell ein gewaltsames Verbrechen verbergen könnte, steht im Bewusstsein einer nie abzuschließenden Vergangenheit.

In Rauschs aktuellem Kabinettstück um den Asketen Arnold entpuppen sich die Erinnerungen in diesem Sinne als Widergänger, Geister aus der jüngeren Zeitgeschichte, welche im Schicksal von Chris den Krieg als verdrängte Gegenwart widerspiegelt. Umgekippte Skulpturen vor seiner Hütte rufen Assoziationen zu gefallenen Soldaten auf. In klugen Montagen entwirft der Autor einen bestechenden Stellvertreterkrieg aus Verwüstungen und der massiven Bedrohung von Arnolds letztem Refugium. Auf welch beklemmende Weise die Schutzwände der Intimität fallen, veranschaulicht auch Rauschs Erzählband „Trieb“ (2011). Gleich einer abstrakten Macht, wie sie den Leser an Kafkas Romane erinnern dürfte, bricht die Finsternis im Bild von Arnolds letzter Bastion, seiner Berghütte, ebenfalls über unbedarfte Opfer herein. Eine Gruppe von Kindern wird im Sand verbuddelt, eine Nachbarin von einem Alkoholiker erschlagen, eine ganze Familie vom Vater in Brand gesetzt – diese unbarmherzigen Kurzgeschichten beschreiben stilrein und nüchtern, wie das Böse immer schon Teil einer nur oberflächlich heil erscheinenden Alltagswelt gewesen ist.

Die erst leisen Paukenschläge des Fremden, die sich immer deutlicher in unser Gehör vorarbeiten, schlagen sich in „Krieg“ in Schüssen aus der Dunkelheit des Waldes nieder. Aus der Lethargie verwiesen, muss sich der Protagonist seiner bis dato unterbliebenen Aufarbeitung vergangener Tage widmen, um den Spuk eines bis zuletzt sich im Geheimen versteckenden Täters von heute zu lösen. Die nicht unwichtige Frage, was in der Wahrnehmung des alten Mannes tatsächlich als real und was als Halluzination gelten kann, hält dieses luzide Psychogramm bis zum Schluss in der Spannung.

Jochen Rausch, der neben seiner Schriftstellerkarriere derzeit als Programmdirektor des WDR-Hörfunks arbeitet, ist ein hellsichtiger Montageroman um Verlust, Schmerz und Trauerbewältigung gelungen, der nicht nur die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit, Gegenwart und Geschichte, sondern ebenso zwischen den Genres Krimi-, Familien- und Antikriegsroman zu überwinden vermag. Die mediale Realität des Schmelztiegels im nahen Osten zieht in einen literarischen Erfahrungshorizont ein, der uns in Bedachtsamkeit wie Aufwühlung gleichermaßen versetzt. Ein starkes, intensives Buch.

Jochen Rausch: Krieg: Roman. Berlin Verlag 2013, 224 Seiten, ISBN: 978-3- 82701-169-5, EUR 18,99

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