Großer Anhänger des Marienkults

Der christliche Expressionist Wilhelm Morgner in einer Sonderschau in Bremen – Der Künstler fiel 1917 an der Westfront. Von Rocco Thiede
Foto: Thiede | Wilhelm Morgner: „Kreuzabnahme mit Mann im Frack“, 1912.
Foto: Thiede | Wilhelm Morgner: „Kreuzabnahme mit Mann im Frack“, 1912.

Wilhelm Morgner war ein Ausnahmetalent. Heute zählt er zu den Hauptfiguren des Westfälischen Expressionismus und zu den Wegbereitern der Abstraktion, dessen Werke von den Nazis als entartet eingestuft wurden. Bereits mit 20 Jahren beteiligte er sich an bahnbrechenden Ausstellungen der Neuen Secession in Berlin, des Blauen Reiter in München oder des Sonderbunds in Köln. Es waren seinen Künstlerfreunde Franz Marc und Wassily Kandinsky, die ihn 1912 zur zweiten Ausstellung des Blauen Reiter einluden. Dort wagte Morgner mit ornamentalen Kompositionen den Sprung in die Abstraktion. Sein malerisches Werk entstand in nur vier Jahren und ist durch große Formate mit außergewöhnlichen Motiven gekennzeichnet, die er mit figürlichen oder abstrakten Formen in teils leuchtenden Farben umsetzte. Der junge Künstler galt bereits seinen Zeitgenossen als kompromissloser Sucher.

Der Schriftsteller Theodor Däubler schrieb 1917 einem Nachruf auf den Freund. Darin stellt er Morgners künstlerische Entwicklung als „frühlingshafte Verheißung“ und seinen Weg „Ins unermesslichste Vielleicht!“ heraus – so wie auch der Titel von Ausstellung und anspruchsvollem Katalog lautet, die bis zum 14. Juni im Paula Modersohn-Becker Museum in Bremen zu sehen ist.

Geboren wurde Wilhelm Morgner am 27. Januar 1891 im westfälischen Soest. 1908 besucht er die private Kunstschule von Georg Tappert in Worpswede, wo er Grundlagen der Maltechnik lernte. Bereits mit 18 Jahren hat er seine erste kleine Ausstellung in einer Soester Farbenhandlung. „Das Schreiben ist mir verhasst geworden. Einen Brief bekommt man nicht wieder, und das ist eine ganz verdammte Schweinerei“, schrieb Wilhelm Morgner im September 1916 an seinen Lehrer und Mentor Georg Tappert. So wie seine Korrespondenz war seine Kunst ein offener Seelenspiegel: intensiv, frisch, direkt und expressiv-derb. Bemerkenswert sind in diesem Kontext auch Werkgruppen mit biblischen Motiven. Morgner zeichnet und malt die Himmelfahrt Christi. Er bearbeitet die Verspottung Jesu sowie seine Kreuzigung. In der Ausstellung wird eine „Kreuzabnahme mit Mann im Frack“ von 1912 gezeigt – ein Beispiel seiner eigenwilligen Umdeutungen von christlichen Motiven, genauso wie die „Himmelfahrt“ aus demselben Jahr in Öl- und Temperafarben oder „Prophet I“ in Öl auf Pappe. Ob die „Mutter mit Kind auf blauem Korb“ von 1911 sich an Madonnendarstellungen anlehnt, ist nicht sicher. In seinen Briefen finden sich aber Hinweise auf Maria: „Ich bin immer noch der Ansicht, dass der katholische Marienkult der reinsten Kultur am nächsten kommt.“

Die kunsthistorische Forschung sieht heute in seiner Beschäftigung mit christlichen Motiven einen Reflex auf seine eigene Außenseiterrolle in seiner Heimat. „Ich selbst bin der Gekreuzigte“, schrieb er in einem Brief am 19. Januar 1913. Morgners Landschaften und Menschen, wie Lehmarbeiter oder Brunnenbauer, belegen durch Pinselführung, die intensive Farbigkeit und Motivwahl Anleihen bei Jean-François Millet oder van Gogh. Darüber hinaus zeigen die Kompositionen in jenen Monaten eine Empfänglichkeit für die pointilistischen Methoden der französischen Neoimpressionisten. Er traf im Januar 1912 in Berlin Franz Marc, der von seinen Zeichnungen so beeindruckt war, dass er gleich ein Konvolut zu Wassily Kandinsky nach Bayern schickte. Zwanzig Blätter werden daraufhin in München präsentiert und einige in den Almanach „Der Blaue Reiter“ aufgenommen. Morgners Bildsprache wird in dieser Zeit abstrakter und ornamentaler. Neben stilisierten Familien- und Mutter-Kind-Szenen, Aktkompositionen und Tierdarstellungen entstehen in dieser Zeit auch figurative Werke.

Doch in seiner Heimatstadt Soest sah sich Morgner mit rückständigen Kunstauffassungen konfrontiert. In der Lokalpresse war unter der Überschrift zu lesen „Gott schütz' die Kunst“, dass Wilhelm Morgner zum Anführer jener „Neutöner … gehöre, die Reste der umgeworfenen Farbentöpfe mit redlichem Fleiß und brausendem Genie durcheinanderschütteln“. Zum Verteidiger Wilhelm Morgners wird sein Mentor Tappert, der auf Morgners künstlerische Ernsthaftigkeit und sein stetig wachsendes Ansehen in der Kunstwelt verwies, sowie die „wütigen Soester Herren“ eindringlich mahnt, ihre reaktionäre Haltung zu überwinden.

Im Herbst 1913 übersiedelt Morgner nach Berlin, um beim Regiment „Königin Elisabeth“ seinen einjährigen Militärdienst zu absolvieren. In dieser Zeit bricht im Sommer 1914 der Erste Weltkrieg aus. Er muss an die Westfront und nimmt am Feldzug gegen Frankreich teil. Im Juni 1916 kommt Wilhelm Morgner als Zeichner für eine „Kommission zur Instandsetzung von Gefallenengräbern“ nach Bulgarien und später nach Zentralserbien. Neben dokumentarischen Auftragswerken sowie seinen Zeichnungen für die „Deutsche Zentralstelle für Gräberaufnahme“ entstehen in seinen letzten Lebensmonaten Skizzenbücher mit Landschaften, Porträts und biblischen Szenen, die weniger expressiv sind. Diese sachlicheren, in filigraner Schraffurtechnik entstandenen Zeichnungen lassen Bezüge zu seinem großen Vorbild Rembrandt erkennen. 1917 wird er erneut an die Westfront versetzt. Während des Sturms auf Langemarck in Flandern fällt Wilhelm Morgner am 16. August. Er gilt zunächst als vermisst. Später entdeckt man sein Gepäck, in dem sich auch sein letztes Werk befindet. Es ist die Radierung „Große Kreuzigung“, Wilhelm Morgner ritzte sie auf ein Dosenblech.

Bis 14. Juni 2015 im Paula Modersohn-Becker Museum in Bremen, Böttcherstraße 6–10, 28195 Bremen. Öffnungszeiten: dienstags bis sonntags, 11–18 Uhr.

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