„Größerer Radius als eine Universität“

Am 10. Mai wird in Eibingen die Hildegard-Akademie gegründet. Ein Gespräch mit der Vorsitzenden, Schwester Maura, über die Ziele der Akademie. Von Regina Einig
Altphilologin Schwester Maura Zátonyi OSB

Jahrelang befasste sich die Altphilologin Schwester Maura Zátonyi OSB mit Werken heidnischer Autoren wie Ovid und Catull – eigentlich nichts für fromme Nonnen, wie sie schmunzelnd sagt. Dann bekam sie den Auftrag, die Werke Hildegards von Bingen (1098–1171) zu erforschen. Sie promovierte über die Schrifthermeneutik bei Hildegard in Philosophie. 2012 nahm Benedikt XVI. die Nonne in das Verzeichnis der Heiligen auf und erhob sie zur Kirchenlehrerin.Schwester Maura, am Freitag wird die Hildegard-Akademie eröffnet.

Was bezweckt die Abtei damit?

Wir möchten die Bedeutung Hildegards für die Gesellschaft bekannt machen. Die Akademie besteht aus drei Säulen: Die Hildegardforschung, die Vermittlung der Forschungsergebnisse an ein breites Publikum und – das ist die dritte Säule – die Deutung für unsere heutige Zeit im Sinne einer europäischen Spiritualität. Hildegard ist eine Quelle der Inspiration. Daher haben wir Vertreter aus der Wissenschaft, aus der Kirche und der Politik und Wirtschaft gebeten, uns etwas ins Stammbuch zu schreiben. Die Resonanz hat mich überwältigt.

Von wem ging der Impuls zur Gründung aus?

Von Monsignore Michael H. Weninger, der im Päpstlichen Rat für interreligiösen Dialog im Vatikan arbeitet. Er hat die Äbtissin davon überzeugt und von Anfang an die europäische Dimension mit in die Überlegungen eingebracht. Wir wollen wie Hildegard in die Gesellschaft hineinwirken. Wir verlieren heute das christliche Bewusstsein – und dann kommt die Angst. Wenn wir Christen wissen, wo wir stehen und unsere Wurzeln sind, verliert sich die Angst und wir können aus der Geschichte Europas lernen.

Wie steht es um die Gesamtausgabe der Werke Hildegards?

Seit 2010 sind im Beuroner Kunstverlag zehn Bände erschienen. Damals ahnten wir noch nicht, dass Hildegard zwei Jahre später zur Kirchenlehrerin erhoben würde. Mit der Herausgabe des zehnten Bandes im Jahr 2016 gilt die Reihe offiziell als abgeschlossen. Der Band war eigentlich nicht geplant, er befasst sich mit einer bis 2014 – zugespitzt gesagt – unbekannten Vision Hildegards mit ihrem prophetischen Vermächtnis. Entdeckt wurde sie von einem argentinischen Patrologen, Pater José Luis Narvaja SJ, einem Neffen von Papst Franziskus, der in Sankt Georgen wissenschaftlich gearbeitet hat.

Gibt es weitere Buchprojekte?

Ja. Viele Menschen, die von Hildegard begeistert sind, haben sie eigentlich nicht richtig gelesen. Allerdings erschließen sich ihre Texte auch nicht so leicht. Auf Anregung Kardinal Walter Kaspers wollen wir ein Lesebuch zusammenstellen. Darin sollen Texte mit einer kurzen didaktischen Hinführung erscheinen. Im Herzen habe ich noch ein paar weitere Buchprojekte.

Zum Beispiel?

Mechthild Dreyer und ich haben 2018 eine Studie über Hildegards Briefe veröffentlicht. Sowohl die Überlieferung der Briefe als auch ihre Bewertung ist ein interessantes Thema, die auch mit der Bewertung der Handschriften zusammenhängt. Es wäre daher wichtig, die Briefe neu herauszugeben. Und auch die theologische Bewertung des Werks ist immer eine Aufgabe. Eigentlich steht die Theologie am Schlechtesten da. Sowohl in der Philosophie als auch in der mittelalterlichen Geschichte, der Kunstgeschichte und der Musik wird viel über Hildegard geforscht. Eine weitere Aufgabe ist es, eine Gesamtbibliografie Hildegards zu erschließen, die auch die nach 1998 erschienenen Titel erfasst. Sie soll auch online zugänglich sein.

Wie erklären Sie sich, dass die Theologie am Schlechtesten dasteht?

Hildegards Name wird im Zusammenhang mit der Naturheilkunde oft missbraucht. Das Vorurteil, sie sei lediglich eine Naturheilkundige, wirkt an den Hochschulen nach. Aber Hildegard ist sowohl als Theologin als auch Politikerin attraktiv. Es ist zwar einfacher, sich einen Edelstein um den Hals zu hängen, als ihre unbequemen Lehren zu beherzigen. Aber nur das führt zum wahren Glück. Der Mensch muss sich im Tiefsten ändern. Fastenkuren reichen nicht. Hildegard ist viel radikaler.

Worin besteht Hildegards Radikalität?

Wenn man ihre Werke liest, merkt man, dass sie Gott sehr ernst nimmt. Für sie besteht das größte Problem in der Gottvergessenheit. Sie will aufrütteln und uns bewusst machen, welche Verantwortung wir Menschen tragen. So erklärt sich auch das Bild: Der Mensch steht in der Mitte der Schöpfung – nicht im Mittelpunkt – und bildet auf diese Weise Gott in der Schöpfung am richtigen Platz, am Ort seiner Bestimmung ab. Wir sind Mitarbeiter Gottes. Hildegard sagt: Der Mensch ist größer als die Engel.

Warum?

Weil wir vernunftbegabt und damit gottfähig sind und darüber hinaus auch einen Körper haben. Den haben die Engel nicht. Dadurch können wir in der Welt wirken und das Schöpfungswerk fortsetzen. Das können die Engel nicht. Darum sagt Hildegard: Der Mensch ist das vollkommenste Wunderwerk Gottes.

Wie sehen Sie Hildegard?

Hildegard war Theologin und Politikerin. Sie setzt einen eigenen Akzent gegen die Schultheologie, sodass man durch sie immer eine neue Sichtweise bekommt. Sie hat den Mut gehabt, an die Päpste und an Kaiser Barbarossa zu schreiben – und nicht gerade schmeichelnd. Sie hat sich an den englischen König und die griechische Kaiserin gewandt und sich politisch eingemischt. Man sieht an ihr, dass das christliche Europa durch Dialog entstanden ist. Hildegard tauschte sich auch mit Juden aus. Während Hildegards Zeitgenossen teilweise auf die Waffen der Gewalt setzten, kämpfte sie mit aufrüttelnden Worten, die sie aus dem lebendigen Licht empfing.

Was spricht aus Ihrer Sicht für eine Akademie? Wäre ein Hildegard-Lehrstuhl an einer theologischen Fakultät oder ein Uni-Institut auch denkbar gewesen?

Wir leben nach derselben Ordensregel wie Hildegard. Eine Denkform hängt immer von der Lebensform ab. Das Werk Hildegards lebt aus der benediktinischen Spiritualität. Wenn ich Hildegards Werk lese, fällt mir auf, dass es Punkte gibt, die man an einem Schreibtisch nie entdecken würde. Vieles leuchtet beispielsweise erst ein, wenn man täglich die Heilige Schrift liest und betrachtet. Auch die Liturgie und der Tagesrhythmus spielen eine Rolle. Die Initialzündung kam bei Hildegard aus dem Klosterleben. Es gibt noch einen weiteren Grund: Ein Kloster hat einen größeren Radius als eine Universität. Wenn wir einen Vortrag anbieten, sind alle Gäste erst einmal in die Vesper eingeladen. Wenn Studenten hier ein Wochenende verbringen, besuchen sie nicht nur die Lehrveranstaltungen, sondern sie finden hier noch einen anderen Horizont. Nur aus der benediktinischen Lebensform heraus kann man Hildegards Werk verstehen. Das ist der Mehrwert und auch das Alleinstellungsmerkmal der Akademie.

Sind wissenschaftliche Kooperationen in Sicht?

Ja, die ersten Kontakte mit Sources Chrétiennes (eine französische Reihe für Kirchenväter-Editionen, A.d.R.) gibt es schon. In die Reihe sollen zwei Hildegard-Bände mit monastischen Werken aufgenommen werden. Dadurch sind wir mit einer Benediktinerin in der Nähe von Lyon in Verbindung, die Hildegards Werke ins Französische übersetzt. Und wir haben Kontakt mit einer Forschergruppe der Universität Gent in Belgien, die sich mit kooperativen Autorschaften befasst. Im Mittelalter wurde anders gearbeitet als heute: Man hat diktiert. Hildegards Werk wäre beispielsweise nicht denkbar ohne den Mönch Volmar.

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