Greta & Co

Propheten und Pseudopropheten halten die Menschheit seit Jahrhunderten moralisch auf Trab. Sie drohen und warnen und fordern auf zur Umkehr. Gerade bei den Warnern, in deren Droh- und Weltbild Gott keine Rolle spielt, ist Skepsis geboten – und ein nüchterner Blick auf die wissenschaftlichen Zahlen und Fakten. Von Felix Dirsch
Greta Thunberg mit Weltkugel
Foto: dpa, stock adobe | Weltkugel mit Greta
Greta Thunberg mit Weltkugel
Foto: dpa, stock adobe | Weltkugel mit Greta

Propheten treten in der Regel dann auf, wenn die Not am größten ist. Die alttestamentlichen Schriften legen davon beeindruckende Zeugnisse ab. Amos prangerte mit kaum zu überbietenden Worten die Untaten der reichen Zeitgenossen an, die nicht einmal davor zurückschreckten, den ärmeren Mitmenschen die Schuhsohlen wegzunehmen, um sich auf diese Weise zu bereichern. Der prophetische Rufer tritt als Bote Gottes auf, dessen Verdammungsurteil die Ungerechten unbarmherzig trifft. Häufig ist auch die genuine Gestalt Jesu von Nazareth in diese Traditionslinie einbezogen worden.

Die gesamte Kirchengeschichte wird von Prophetismus und Pseudoprophetismus durchzogen, so sehr auch ein zunehmend gefestigter kirchlicher Institutionalismus versucht hat, überzogener Apokalyptik einen Riegel vorzuschieben und sie ins Sektenhaft-Häretische abzudrängen. Solche Phänomene machen sich von der ekstatischen Glossolalie, dem Zungenreden der Urgemeinde, über den Montanismus in der Alten Kirche und die Franziskanerspiritualen des 13. Jahrhunderts bis in die Gegenwart, etwa in Form selbst ernannter pfingstkirchlicher Erleuchteter, bemerkbar.

Der kalabrische Abt Joachim von Fiore (ca. 1130–1202) verlegte angesichts des ihn faszinierenden Auftretens von Mönchs-Spiritualen die Wiederkunft Christi in das zukünftige „Reich des Geistes“. Ein „Drittes Reich“ sollte demnach nach dem „Reich des Vaters“ (Altes Testament) und nach dem „Reich des Sohnes“ (Neues Testament) zur weltimmanenten Erlösung führen. Bei Joachim taucht der eschatologisch gefärbte Topos „Drittes Reich“ im Kontext der Trinitätsspekulation erstmals zentral auf. Er wird bis ins 20. Jahrhundert eine vielfältige Wirkungsgeschichte erfahren. An der Gefahr der Abirrung vom wahren Glauben ändert auch die Tatsache nichts, dass rechtgläubiges prophetisches Wirken einer institutionellen Erstarrung des kirchlichen Lebens entgegenwirken kann. Als einer der echten Boten Gottes gilt mit Recht der Heilige Franz von Assisi.

Je profaner die Epoche wird, desto weltlichere Propheten tauchen auf. Vor über einem Jahrhundert rief der als Lichtgestalt gefeierte Dichter Stefan George, umgeben von einem Kreis Ehrfürchtiger, einen fünfzehnjährigen Knaben, Maximilian Kronberger, zur epiphanischen Gestalt aus. Der Soziologe Max Weber spottete über diesen ästhetisierten Maximin-Kult mit dem Jugendlichen in Lederhosen.

In Stalins Sowjetunion war die Instrumentalisierung angeblich authentischer Kinderäußerungen nicht unbekannt. So denunzierte der zwölfjährige Pawel Morosow mit seinem jüngeren Bruder ein ganzes Dorf als Feinde des Kommunismus. Die Bestrafung folgte auf dem Fuße.

Der erwähnte Weber typologisierte die charismatische Herrschaft in klassischer Weise. Der Zusammenhang mit dem altkirchlichen Dogma liegt für den „religiös Unmusikalischen“ auf der Hand. Im Gegensatz zur bürokratischen Herrschaft definierte er „charismatisch“ als „spezifisch irrational im Sinne der Regelfremdheit“. Entsprechenden Persönlichkeiten, zu denen er die Propheten zählte, schrieb er „außeralltägliche“ Fähigkeiten zu, die von ihren Anhängern anerkannt werden müssten und ansonsten rational nicht zu belegen seien. Weber stellte besonders die revolutionäre Macht prophetischen Handelns in traditionalen Gesellschaften heraus. Gegenwärtig wird jedoch eher deutlich, dass auch eine tendenziell traditionskritische, stark technisch-rational fundierte Gesellschaft in Infantilität umkippen kann, wenn die Überbringer erwünschter Botschaften die richtigen Worte finden.

Besondere Gnadengaben wird man bei der als „Klima-Greta“ bekannt gewordenen sechzehnjährigen schwedischen Schülerin Greta Thunberg nicht entdecken. Im Gegenteil: Sie leidet unter dem Asperger-Syndrom. Diese Krankheit schadet ihrem Ansehen nicht, erscheint sie doch aus diesem Grund erst recht zur Seherin, zu einer zeitgemäßen Sibylle prädestiniert, die ein Wahrnehmungssensorium besitzt, das Gesunde entbehren müssen. Die Galionsfigur der FridaysForFuture-Schulstreiks verkörpert ein schlichtes, von Zweckrationalismus unbelecktes Gemüt, das sich für jede Weltrettungsaktion einspannen lässt. Sie appelliert an das schlechte Gewissen vornehmlich der Erwachsenenwelt, die dafür verantwortlich sein soll, dass „wir“, die Nachwachsenden, keine Zukunft mehr haben, so die Anklage. Diese lässt sich an moralistischer Heftigkeit nicht einmal von den großen mittelalterlichen Bußpredigern übertreffen, die die ob des menschlichen Fehlverhaltens vermeintlich unausweichliche Apokalypse bilderreich vor Augen führen, sofern keine Umkehr erfolgt. Dass die Katastrophe gegenwärtig als rein menschengemachte betrachtet wird, gilt im Allgemeinen nur als nebensächlicher Unterschied. Eine Rechtfertigung ist schnell gefunden: Warum lernen, wenn der Untergang wahrscheinlich ist? Wo immer Greta auftaucht, überall blickt sie in Kameras. Die globale Propagandamaschinerie liefert permanente Rechtfertigung, besonnene Stimmen sind im Chor der öffentlichen Meinung hingegen marginal. Es ist selten, dass es einem Publizisten wie Gregg Easterbrook („Warum die Welt einfach nicht untergeht: Sieben Endzeitszenarien und wie wir sie abwenden können“) gelingt, nüchtern gegen die allgemeine Panikmache zu argumentieren.

In Wirklichkeit existieren neben Gretas Familie Heerscharen von Umweltorganisationen und Medienteams, die ausreichend Hilfestellung geben. Führende Politiker signalisieren gern ihre Zustimmung zu den Aktionen – so auch die deutsche Bundeskanzlerin. Gern schwimmt man auf der Woge medialer Zustimmung. Auch Franziskus („Laudato si'“) nahm sich neulich in Rom Zeit für einen kurzen Plausch mit dem Mädchen, das selbst am Karfreitag das Streiken nicht lassen konnte.

Waren die biblischen Propheten religiös und beriefen sich auf göttliche Autorität, so reicht heute eine gutmenschliche Haltung als Qualifikationskriterium. Auch auf säkulare Weissager bevorstehenden Unheils, die von katholischen Bischöfen beklatscht und gern mit Jesus parallelisiert werden, trifft die Definition Webers zu, der im prophetischen Wirken einen „einheitlichen Aspekt des Lebens, gewonnen durch eine bewusst einheitliche sinnhafte Stellungnahme zu ihm“ wahrnimmt. Interessant ist weiterhin Webers Feststellung, der Prophet offenbare Züge eines „sozialethischen Lehrers“, der zur „Schöpfung einer ethischen Ordnung“ aufrufe.

Diese Bestimmungen treffen den Nagel auf den Kopf. Die Klimaproblematik ist längst die integrative Erzählung nach dem Ende der großen Narrationen geworden. Die Schuld der Menschen (Klimakatastrophe!) fordert Buße (riesige finanzielle Umverteilungen, Selbstschädigung durch Fahrverbote, partielle Deindustrialisierung). Vergebung setzt eine breit angelegte Umkehr voraus. Die Bereitschaft der Staaten dazu ist durchaus unterschiedlich. Dass die deutschen Entscheidungsträger mit dem Credo „Hurra, wir retten die Welt!“ an der Spitze des globalen Umverteilungsaktivismus stehen, bestätigt sich fast täglich. Gesinnungsethik hat sich noch nie an den Tatsachen orientiert, die nun einmal in diesem konkreten Fall besagen, dass selbst eine vollständige Reduktion des deutschen Kohlendioxid-Ausstoßes die weltweite CO2-Bilanz nur sehr gering verändert. Schon gar nicht stehen die finanziellen Aufwendungen in einem vernünftigen Verhältnis zu einer derartigen Unternehmung.

Greta ist das Gesicht der globalen Klimabewegten. Sie trifft sich gern mit Vertretern der weltweiten Eliten. Allem gutmenschlichen Alarmismus zum Trotz wird der Kern der Problematik selten sachlich erörtert: nämlich die Erfassung des menschlichen Anteils am Klimawandel. Man muss den anthropogenen Faktor an der Erderwärmung keineswegs vollständig leugnen; dennoch liegen kaum Hinweise vor, dass er über eine eher geringe Größe hinausgeht. Längst ist akribisch belegt, dass lange vor dem ersten humanen Fußabdruck die Temperaturen auf Erden höher gewesen sind als in den letzten Jahrhunderten.

Die Zahl der Einwände gegen die Thesen des „Weltklimarates“ IPCC, für den der Klimawandel ausschließlich menschlichem Handeln entspringt, ist beachtlich. Kurz sollen einige Argumente herausgegriffen werden. Denn es ist notwendig, die faktengesättigten Relationen zur Kenntnis zu nehmen, die angesichts des Klimaspektakels gern übersehen werden. Rund 60 Millionen Gigatonnen Kohlendioxid sind im Erdgestein gebunden. 38 000 Gigatonnen befinden sich in den Weltmeeren, 800 Gigatonnen in der Atmosphäre. Als menschenverursacht dürfen etwa 30–40 Gigatonnen gelten. Der entsprechende Prozentsatz ist leicht auszurechnen.

Ebenso sind die kausalen Beziehungen von Kohlenstoffdioxid- und Temperaturanstieg keinesfalls eindeutig; vielmehr legen neuere Arbeiten, etwa von Fritz Vahrenholt und Sebastian Lüning („Die kalte Sonne“) nahe, dass eine durch veränderte Sonnenzyklen erhöhte Temperatur den CO2-Ausstoß vergrößert. Vermehrtes CO2 tritt so in vielen Fällen (bei Prüfung der Korrelationsreihen) als Wirkung der Temperaturerhöhung auf, nicht als Ursache. Zudem widerspricht die These vom Treibhauseffekt dem Newton’schen Abkühlungsgesetz, nach dem sich kein Körper in einer kälteren Umgebung erwärmen kann.

Greta, so bleibt festzuhalten, wird als (Pseudo-)Prophetin einer menschengemachten Klimareligion aufgebaut. Gott-Vater ist längst nicht mehr ihr Bezugspunkt, sondern Mutter Erde. Die Gebote werden im neuartig-universellen Kult umgeschrieben: Du sollst an den Klimawandel glauben, was ohnehin kein Problem ist, da die Veränderung von Temperatur, Niederschlägen und Luftdruck eine Konstante seit vielen Millionen Jahren ist.

Auch säkularisierte Katholiken versuchen über den Schöpfungsbegriff anschlussfähig zu bleiben. Sie tappen mit Vorliebe in die Falle einer der vielen verlockenden Ersatzreligionen samt dazugehörigem Götzen. Er kann auch in weiblicher Form auftreten. Mit Blick auf die Geschichte könnte man gewarnt sein.

Weitere Artikel
Themen & Autoren
Bibel Bischöfe Das dritte Reich Erderwärmung Franz von Assisi Fritz Vahrenholt Intergovernmental Panel on Climate Change Jesus Christus Josef Stalin Katholikinnen und Katholiken Kinder und Jugendliche Kirchen und Hauptorganisationen einzelner Religionen Kirchengeschichte Max Weber Propheten Stefan George Äbtissinen und Äbte

Kirche

Papst in der Slowakei
Bratislava
In das reale Leben eintauchen Premium Inhalt
Die Pastoral muss kreativ begleiten und motivieren. In der Slowakei will die Kirche dafür den richtigen Weg finden. Papst Franziskus ermutigte bei seinem Besuch dazu. Ein Gastkommentar.
18.09.2021, 19 Uhr
Thomas Schumann