Gottes großes Spiel der Gnade

Blitzgescheit und kraftvoll katholisch: Die Philosophin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz erklärt das Befreiende des Evangeliums. Von Stephan Baier
Foto: Jerko Malinar | Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz bei einem Vortrag in Heiligenkreuz. Zu ihrem 70. Geburtstag wird am kommenden Dienstagabend ein Festakt an der TU Dresden stattfinden, wo sie jahrelang als Philosophin lehrte.
Foto: Jerko Malinar | Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz bei einem Vortrag in Heiligenkreuz. Zu ihrem 70. Geburtstag wird am kommenden Dienstagabend ein Festakt an der TU Dresden stattfinden, wo sie jahrelang als Philosophin lehrte.

„Blitzlichter“ nennt die Autorin ihre Auslegungen bescheiden. Tatsächlich sind die Gedanken, die die Philosophin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz zu Stellen des Neuen Testaments hier präsentiert, kurz und kraftvoll wie Blitze – und ebenso erhellend. Ein Gutteil dieser Kommentare geht zurück auf ihre Auslegungen des jeweiligen Sonntags-Evangeliums in einer auflagenstarken österreichischen Tageszeitung. Die enge Zeilenvorgabe zwang die Autorin, aus der Fülle ihres Wissens auszuwählen, zu komprimieren, zuzuspitzen. Die Breite des Publikums zwang gleichzeitig zu einer allgemein verständlichen Sprache, jenseits der theologischen oder religionswissenschaftlichen Fachterminologie. Der Ertrag dieses doppelten Bemühens ist eine Fülle an kurzen, höchst präzisen, erkenntnissatten Betrachtungen: leicht zu lesen und doch gedankenschwer.

In jedem ihrer kurzen Texte kommt die vielseitige Philosophin, Sprach- und Religionswissenschaftlerin, die vor wenigen Tagen ihren 70. Geburtstag begehen konnte, sofort auf den Punkt, immer mit Blick auf die Dimensionen des Menschseins einerseits und das Aufsehenerregende, Atemberaubende des göttlichen Heilshandelns andererseits. „Am Grunde des Brunnens findet sich Angst. Denn furchbar sind die Gottheiten der alten Religionen, schaudererregend“, schreibt sie, um dann das so revolutionär Neue und Andere der Gottesfurcht Israels zu schildern: „Israel ist das Volk, das nicht ein blindes, sondern ein sehendes, erprobtes, durch Feuer und Wasser gegangenes Vertrauen gegen die Angst vollzogen hat. Denn die Macht des einen Allmächtigen wird von Rechtheit und Barmherzigkeit bestimmt.“

Immer wieder beschreibt sie Gottes Weltwirken als Licht, „auf seine leise Art zwingend“, Sein Richten als „Aufrichten“, Sein Kommen in menschlicher Gestalt als Einladung zur Liebe und Befreiung zur Freiheit – ja, wie sie mit Blick auf die Gottesmutter schreibt, „zur biblischen Freiheit eines glücklichen und leidvollen Liebens“. Immer zielen die pfeilgleich zugespitzten Formulierungen in die Mitte der biblischen Botschaft: auf Gnade und Barmherzigkeit, auf Leben in Fülle. „Was mit harter Arbeit, mit Berufserfahrung und Logik nicht zu schaffen war, wird nun nachgeworfen, als Geschenk, im Überfluss. Welcher Regel folgt die Gnade?“, so fragt Gerl-Falkovitz, und antwortet: „Das große Spiel der Gnade unterläuft unsere Abwehr, die Skepsis der Erfahrung, die Bitterkeit des Nutzlosen. Aus ,umsonst geschuftet‘ wird ,umsonst geschenkt‘.“

Mit Blick auf Martha und Maria formuliert sie: „Es gibt eine Tüchtigkeit, die uns vom Leben abhält. Es gibt ein Seinlassen, das geradewegs ins Leben hineinführt.“ Und mit Blick auf Petrus: „Dem Stolpernden streckt sich die Hand entgegen. Nicht im Vollgefühl eigener Kraft – nur stolpernd und schluchzend vor Glück lässt sich bekennen, wer Er ist.“

Und doch drängt die Überfülle der göttlichen Gnade den Menschen nicht in die Passivität, in Hilf- oder Wehrlosigkeit, in die Ohnmacht. Sie drängt ihn vielmehr zur Entscheidung, denn die „Wahrheit macht frei, sie zwingt nicht. Und wer Wahrheit und Gott ineinander münden sieht, kann sich freiwillig öffnen: dem Drängen der Liebe, der Heilung von der Lüge.“ Gott bietet das Leben in Fülle an, aber der Mensch besitzt die Macht, dieses Geschenk anzunehmen oder auszuschlagen: „Nichts ist so schwer, wie seiner innersten Sehnsucht nachzugeben und Gott und dem Glück zu trauen.“ Das gilt nicht nur im Heute, von dem Gerl-Falkovitz in der ihr eigenen Sprachgewalt sagt, es sei „kümmerlich und erwartet Kümmerliches vom Leben“. Es galt auch zur Zeit Jesu, wie sie treffend bilanziert: „Wer mit ihm zu tun hatte, geriet in eine merkwürdige Bedrängnis: sich entscheiden zu müssen für oder gegen ihn. Die Begegnung provozierte Hass oder Hingabe, Selbstverschließung oder Neugeburt, Hut und Bergung, aber auch Gericht und Drohung, rätselhafte und doch ihrer selbst sehr sichere Liebe, aber auch mühsamen Umbau des eigenen Herzens.“

Diese Entscheidung ist von immenser Tragweite. Für den einzelnen Menschen: „Sünde ist Selbstbestrafung, lautet ein kluger Satz der alten Kirche. Peinlicherweise.“ Aber auch für Gott, der das Leben in Fülle nicht wie ein Versicherungsvertreter anbietet, sondern aus der Liebe, die Er ist: „Die Liebe trauert, wenn sie nicht wieder geliebt wird. Und ihr Trauern ist furchtbar.“ Wer sich aber einlässt auf das Gnadenwirken Gottes, wer nicht die Tore seiner Hölle von innen zuhält, der kann die eigenen Ängste überwinden und heimkehren „an das Herz der Welt“. Das ist nicht Jenseitsvertröstung, sondern bereits in diesem Leben befreiend, heilend, angstlösend, aufrichtend, wie Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz anhand des Evangeliums souverän ausbuchstabiert: „Der Auferstandene schüttet uns alle Befreiung vor die Füße.“

Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz: „Blitzlichter auf die Botschaft Christi“. Be&Be-Verlag, Heiligenkreuz 2015, 121 Seiten, ISBN 978-3-902694-85-0, EUR 14,50. Direkter Vertrieb: Klosterladen Stift Heiligenkreuz, A-2532 Heiligenkreuz im Wienerwald; Mail: bestellung@klosterladen-heiligenkreuz.at.

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