Gottähnliche Superwesen

Die Strömung des Transhumanismus stellt neben Biotechnik und digitalem Kapitalismus fundamentale Anfragen an die Grenzen menschlichen Daseins. Von Felix Dirsch
Toshiba's humanoid robot named Aiko Chihira at a reception desk
Foto: dpa | Humanoide Roboter (links) gibt es schon längst in japanischen Einkaufshäusern wie hier bei Mitsukoshi in Tokio, wo „Aiko Chihira“ an der Rezeption den Weg erklärt.

Trotz des globalen Siegeszuges von Menschenrechten und Menschenwürde, der in toto unstrittig ist, ist deren Achillesferse unschwer zu erkennen. Mit der Unklarheit der Beantwortung der uralten philosophischen Frage „Was ist der Mensch?“ werden auch die Fundamente des humanen Daseins brüchig.

Dass mit Immanuel Kant ein exzellenter Vertreter des neuzeitlichen Geistes diese Frage besonders eindringlich aufwirft, ändert nichts an einer Tatsache: Seit dem 16. Jahrhundert kristallisiert sich mehr und mehr die Tendenz heraus, weniger das Wesen des Humanen eruieren zu wollen, als den Menschen als Handelnden herauszustellen.

Ist der Leib-Seele-Dualismus bis ins späte 18. Jahrhundert noch einigermaßen konsensfähig, so schwindet seine quintessenzielle Bedeutung spätestens nach den bahnbrechenden Entdeckungen Darwins dramatisch. Denker von Nietzsche über die Existenzphilosophen und Existenzialisten des 20. Jahrhunderts bis Peter Sloterdijk fundierten solche Sichtweise in ihrer Disziplin nachhaltig. Nach neueren Forschungen, insbesondere in den Bereichen Bio- und Gentechnologie sowie Psychopharmaka, sind die Grenzen von Humanität und Nichthumanität mehr denn je unbestimmt.

Entscheidend ist das Nachdenken über das Wesen des Menschen. Wo entsteht ein „nachmenschlicher“ Mensch, der mittels technischer Verbesserung ein Uploading erhalten hat? Solange man denken kann, gilt ein wesentliches Streben des Menschen seiner eigenen Optimierung. Länger, gesünder, glücklicher leben – ein alter Traum. Durch Möglichkeiten des Eingriffs in das Erbgut und zahlreiche Gelegenheiten der Verbesserung der Psyche („Neuro-Enhancement“) wird mehr und mehr der Horizont einer nachmenschlichen Zukunft sichtbar. Der einflussreiche US-Intellektuelle Francis Fukuyama, Politologe, Präsidentenberater und Kenner der Bioethik, verfasste schon um 2000 eine dystopisch eingefärbte Studie, die im Deutschen unter dem Titel „Das Ende des Menschen“ erschienen ist. Er präsentiert viele Beispiele von Keimbahnmanipulationen bis zur gentisch-biomedizinischen Klassengesellschaft, die beträchtliche Auswirkungen auf die freiheitliche, auf relative Gleichheit beruhende politische Ordnung erkennen lassen. Er bringt seine Sicht vom Transhumanismus auf den Punkt: Es handle sich um die „gefährlichste Idee der Welt“. Im Rahmen seiner Argumentation kommt der liberal-konservative Bestsellerautor nicht darum herum, eine menschliche Natur anzunehmen, der auch für traditionelle katholisch-moraltheologische Denkfiguren entscheidende Bedeutung zukommt. Kritiker, auch im binnenkirchlichen Raum, haben stets dagegen eingewendet, angesichts der zahllosen Eingriffsgelegenheiten sei die Vorstellung einer Natur als normativer Wert obsolet. Sie sei stark formbar. Auch Transhumanisten können auf eine naturalistische Basis ihrer Weltanschauung nicht verzichten. Einer der Väter, Julian S. Huxley, definierte 1957 Transhumanismus wie folgt: „Der Mensch bleibt Mensch, transzendiert sich aber, indem er neue Möglichkeiten seiner menschlichen Natur realisiert.“ Eugenische Traditionen, die im Nationalsozialismus ihre schrecklichsten Auswirkungen zu verzeichnen hatten, der Kalte Krieg, am Rande aber auch puritanische Versatzstücke sind wichtige Voraussetzungen des Transhumanismus. Er hat freilich erst durch die Fortschritte in der Computer- und Internettechnologie jene Relevanz im wissenschaftlichen Diskurs erlangen können, die sie gegenwärtig besitzt.

Die sehr heterogene Gruppierung der Transhumanisten, deren Radikalität von den Posthumanisten noch überboten wird, geht über den punktuellen Anspruch, humanes Dasein hier und dort medizinisch zu verbessern, hinaus. Wenn der Tod auf verschiedene Weise tendenziell in den letzten Jahrzehnten hinausgeschoben werden konnte, könnte es möglich sein, ihn ganz zu eliminieren. Vor diesem Hintergrund kommt einer der besten Kenner der Post- und Transhumanismus-Thematik, Stefan Lorenz Sorgner, zu der lapidaren Schlussfolgerung: „Alle Transhumanisten streben die Unsterblichkeit an.“ Er relativiert diese Aussage jedoch wieder. Da die Erde bekanntlich entstanden ist und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch wieder vergehen wird, dauert auch ein trans- und posthumanes Dasein nicht ewig.

Streng genommen ist der Trans- vom Posthumanismus zu unterscheiden. Ersterer forciert die Verbesserung der Lebensbedingungen des Menschen auf vielfache Weise, wobei der Mensch als solcher nicht zu überwinden ist. Der Posthumanismus will hingegen ein neues Entwicklungsstadium, das über die bisher bekannte Spezies hinausführen soll. Der „Übermensch“ soll durch die Verschmelzung des biologischen Organismus mit technischen Mitteln erfolgen. Was die Evolution in sehr langen Zeiträumen erreicht, wird mit Hilfe der Technik schneller und punktgenauer bewirkt, so die Meinung. Google-Chefingenieur Ray Kurzweil will die Singularität mittels einer solchen Synthese herbeiführen. Es soll praktisch umgesetzt werden, was die bisher bekannten Typen „Homo“ höchstens träumen konnten. Der digitale Mensch-Computer-Hybrid soll den alten Adam obsolet erscheinen lassen.

In der bioethischen Debatte stehen sich Biokonservative und Bioliberale gegenüber. Erstere bekennen sich implizit oder explizit zum christlichen Standpunkt oder zu den Grundsätzen Kants. Selbst ein politisch und sozial so progressiv eingestellter Theoretiker wie Jürgen Habermas ist in bioethischer Hinsicht als Konservativer einzustufen. Er verwirft Veränderungen der menschlichen Keimbahn, weil sie die Voraussetzungen des Lebens künftiger Generationen gravierend umgestalten, ohne dass die Betroffenen Einspruch dagegen einlegen könnten. Er gehört zu jenen, die darauf verweisen, dass Grenzen zwischen therapeutischen Maßnahmen und bewussten Veränderungen ohne medizinische Notwendigkeiten schwer zu ziehen seien. Die Gattungsidentität stehe auf dem Spiel. Habermas sieht die Antizipation von Lebensentwürfen kritisch. Er weist die Argumente der Befürworter von Interventionen zurück, die jene Zufälligkeit aufheben wollen, wie sie sich bei der Verschmelzung von Ei und Samenzelle ereignen. Das Ende solcher Kontingenzen scheint menschliche Planbarkeit zu garantieren, die wir aus anderen Lebensbereichen kennen. Bioliberale hingegen betonen die Unmöglichkeit, den Menschen auf einen bestimmten Wesenskern festzulegen, der zwingend erhalten werden müsse.

Fukuyama, der ein anderes politisches Spektrum als Habermas vertritt, stimmt derartigen Einsichten weithin zu. Bei allen Wandlungen, die bisher schon möglich sind, bestehen einige Konstanten, die dafür sorgen, dass wir Fühlung mit anderen Menschen halten können, so der frühere Mitarbeiter des State Department. Jede Gemeinsamkeit der Gattung werde, so befürchtet er, unweigerlich verlorengehen. Menschen könnten sich fremder denn je fühlen.

Trans- und Posthumanisten, egal ob Max More oder der verstorbene F.M. Esfandiary, bewegen sich jenseits des breiten Stromes der Geschichte des Humanismus in Europa. Sie wollen dieses Zwischenstadium in den unübersehbar weiten Zeiträumen der Evolution auf Höheres hin, also auf weniger Todesanfälliges hin, überwinden. Trotz unterschiedlicher Vorstellungen von Fortschritt gibt es keinen Zweifel darüber, dass die kulturelle Evolution die Funktionsfähigkeit des Bewusstseins in den letzten mindestens zweieinhalb Jahrtausenden kaum tangiert hat – unabhängig von allen sonstigen massiven Wandlungsprozessen. Daher legen Vertreter dieser Denkrichtung großen Wert auf die Möglichkeit von Bewusstseinsscans. Auf diese Weise sind Bewusstseinsinhalte lange Zeit zu konservieren, sofern sie vom schwachen und relativ schnell sterblichen organischen Material getrennt werden können, so jedenfalls eine gängige Annahme in diesen technikaffinen Zirkeln.

Etliche der Transhumanisten wollen Gott spielen. Sie beabsichtigen, den ultimativen Programm-Code der Evolution zu schreiben. Die biologische Entwicklung soll mittels Informationstechnologie beschleunigt werden. Für die Protagonisten dieser Daseinssicht ist der Homo sapiens, wie er bisher in Erscheinung getreten ist, ein genetisches Mängelwesen, das seine Defizienz indessen durch technologisch induzierte Updates überwinden kann. So entsteht die „Menschheit 2.0“ (Kurzweil). Es deutet aber nichts darauf hin, dass der ob seiner Konstitution stark verbesserungsfähig erscheinende Mensch in der Lage ist, den Absprung auf eine höhere Existenz hin zu schaffen. Ob der Mensch genetisch oder mental in eine höhere Form gebracht werden kann, ist höchst umstritten, zeichnet sich sein Organismus doch durch eine grundlegende Schwachheit aus, die nicht beliebig manipulierbar ist.

Ist in herkömmlichen metaphysischen Lebensentwürfen Gott das höchste Seiende, so erhält diese Position in trans- und posthumanistischen Entwürfen die Evolution. Sie soll durch den Homo faber, der seinerseits mittels „Anthropotechniken“ maßgeblich zu dem geworden ist, der er ist, beschleunigt und vornehmlich durch Bio- und Informationstechniken weiter perfektioniert werden.

Die transhumanistischen Projekte, die als Teil der umfangreichen Programme des Internetgiganten Google initiiert werden, sind nach Meinung des Publizisten Markus Jansen quantitativ umfassender als das Christentum und die totalitären Versuchungen des 20. Jahrhunderts, mithin wahrscheinlich das größte Menschenexperiment aller Zeiten. Der Homo sapiens wird vor diesem Hintergrund immer mehr zur Maschine; sein Leben als Gattung steht langfristig auf dem Spiel. Der alte Adam muss damit rechnen, dem Monströsen der Technik nicht gewachsen zu sein. Es besteht Gefahr, dass ihm schon bald vor Augen geführt wird, nicht der Letzte in der evolutiven Kette zu sein. Diesem gigantischen „Etwas“, das nach ihm kommt, fehlt jedwede „Demut dem Leben gegenüber“ (Jansen), mag man es „Superintelligenz“ oder „Singularität“ nennen. Es handelt sich um lebendiges Nichtleben.

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