Gott, Thor und die Zahnfee

Ohne Religion wäre die Welt besser dran: In Berlin diskutieren Verächter und Anhänger der Religion. Gibt es Moral auch ohne Religion und ist sie gar ein Sicherheitsrisiko? Und steht der Papst im Licht der Aufklärung besehen ohne Kleider da? Am Ende entschied das Publikum. Von Oliver Maksan
Foto: dpa | Ist die Religion an sich pathologisch? Darüber wird seit dem 11. September 2001 heftig diskutiert.
Foto: dpa | Ist die Religion an sich pathologisch? Darüber wird seit dem 11. September 2001 heftig diskutiert.

„Ohne Religion wäre die Welt besser dran“: Eine These, die seit dem 11. September nun wirklich häufig aufgestellt worden ist von Hitchens, Dawkins und Co. In Berlin bildete ihre Diskussion am Donnerstagabend den Auftakt für ein neues Format. Schluss mit deutschen Talkshowscharmützeln, her mit der englischen Debattenkultur. So hatte sich das die gut vernetzte Veranstalterin, Diplomatengattin Jutta Falke-Ischinger, vorgestellt. Kein Wunder nebenbei, dass der Abend ein Stelldichein der Berliner High Society – Friede Springer, Isa Hardenberg et cetera – war. Die Idee: So wie sich der Nachwuchs des britischen Establishments in Oxbridge rhetorisch auf eine Karriere in der Politik vorbereitet, so sollten acht Diskutanden gegeneinander antreten, dabei aber am Schluss das Publikum entscheiden lassen, welche Seite am meisten überzeugt hat.

Indes darf man nicht vergessen: Die vielgepriesene, zugegebenermaßen unterhaltsame, weil thesenmutige Debattenkultur der Angelsachsen ist die Folge ihres Pragmatismus, der wiederum in ihrer im Grunde empiristischen Weltanschauung gründet. Soll heißen: Was man nicht sieht, fühlt und schmeckt und was nicht unmittelbar nützlich ist, ist eigentlich nicht diskursfähig. Gott hat es da schwer.

So wie die Zahnfee. Meint zumindest der Berliner Pressesprecher der Giordano-Bruno-Stiftung, ein gewisser Philipp Möller. Kennst du einen, kennst du alle: Ganz wie Michael Schmidt-Salomon, der Vorstandssprecher und mediale Ideengeber des Atheistenverbandes, gab er den rhetorisch gewieften Rotzlöffel des Abends im Schlabberlook. Seine These: Gott sei weder beweisbar noch unbeweisbar. So wie die Zahnfee auch. Oder die Astrologie oder andere Mythologien. Daher tauge Gott keinesfalls, schon gar nicht der auf eine primitive Hirtenreligion gründende jüdisch-christliche, als falsifizierbare Hypothese. Fort mit ihm deshalb aus dem intellektuellen Diskurs. Vater–Sohn–Heiliger Geist: Warum nicht Vater–Mutter–Kind? Er sei gerne bereit, sich bei einer Flasche Messwein die Nacht mit der Frage nach Gott um die Ohren zu schlagen. „Aus demselben Grund, aus dem Sie nicht an Thor glauben, glaube ich nicht an den christlichen Gott.“ Aber es gebe nun wirklich wichtigere Probleme. Und die zu lösen bedürfe es Aufklärung und Humanismus.

Darin gab ihm Necla Kelek prinzipiell Recht. Die als Islamkritikerin – „seit 1 400 Jahren herrscht Apartheid zwischen Männern und Frauen“ – auch in christlichen Kreisen immer wieder gern als Zeugin der Anklage aufgerufene Soziologin meinte, dass sich noch nicht einmal die schwarzen Löcher auf Dauer der menschlichen Erkenntnis verschließen könnten. Und im Lichte der Aufklärung besehen stünde der Papst nackt da.

Möller war einer derjenigen Initiatoren des Atheistenbusses, der mit dem Slogan „Es gibt (mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit) keinen Gott“ durch deutsche Großstädte tourte.

Das gab dem als Theologen-Dandy vorgestellten Prälaten Wilhelm Imkamp die Vorlage. Der Wallfahrtsdirektor aus dem schwäbischen Maria Vesperbild mit seiner weitausstrahlenden Volksfrömmigkeit konterte: Es ist diese Klammer auf der Busreklame, die das Restrisiko für den Atheisten bildet. So wie wir in Fukushima die Explosion eines Restrisikos erlebt hätten, so könne einem auch die Gottesfrage um die Ohren fliegen. Man habe zwei Optionen: Entweder man lebe mit Gott als Restrisiko oder begreife ihn als Sinnressource für ein ganzes Leben und darüber hinaus. Bester Dienstleister dieser Ressource im Alltag sei die Kirche.

Die hatte die Anwältin Monika Frommel, Mitglied der Humanistischen Union, in ihrem Statement als überflüssig, gar gefährlich erklärt – wie alle organisierte Religion. Es sei der mit ihr verbundene Machtanspruch, der in der Welt soviel Schaden anrichte. Und überhaupt: Wer meine, wir bräuchten die Religion für die Moral, der irre. Deren Stütze seien eine Ethik des Mitleids und die praktische Vernunft. Mag sein, dass die Ethik über Jahrhunderte religiös tradiert wurde. Mittlerweile könne man aber ohne gläubige Umwege – auf der kulturellen Vorfahrtsstraße sozusagen – zu einem guten Miteinander gelangen.

Bischof Wolfgang Huber, früherer EKD-Ratschef, wandte dagegen ein, dass Religion mehr als Moral sei. Gewiss, die Religion habe durch ihr Gottvertrauen auch ethische Konsequenzen wie die Liebe zum Nächsten. Gerade die aber werde durch die organisierten Religionen weitergegeben. Und das sei wichtig, denn Traditionen wüchsen nicht von selber, sondern bedürften der Institution. Vor allem aber halte die Religion die Frage des Menschen über sich hinaus wach. Die Trennlinie verlaufe entlang der Grenze von Fundamentalismus und Toleranz, Unbarmherzigkeit und Barmherzigkeit, nicht aber zwischen Vernunft und Religion. Er, Huber, sehe Aufklärung nicht im Widerspruch zur Religion.

Das wollte der „Welt“-Journalist Alan Posener nicht gelten lassen, schon gar nicht für Papst Benedikt. Der sei es mit seinem Kampf gegen die Diktatur des Relativismus, der den auf dem Relativismus basierenden Pluralismus und damit im letzten die Demokratie selbst gefährde. Und auch er, der Herr Huber, habe schließlich auf eine ökumenische Profilschärfung seiner Kirche gedrungen. Alles eine Verschärfung des Markenkerns das, Machtspiele also. Und überhaupt gelte: Willst du nicht mein Bruder sein, schlag ich dir – oft genug – den Schädel ein.

Moderator Stefan Aust, des „Spiegels“ langjähriger Chefredakteur, hatte Posener als Kader des kommunistischen Studentenbundes vorgestellt – also als „religiösen Menschen“. Matthias Matussek, gleichfalls „Spiegel“, führte das genüsslich weiter. Er sei erstaunt, ihn, Posener, auf der anderen Seite zu finden. Habe er nicht vor ein paar Jahren eine Biografie der Muttergottes geschrieben, die man als Liebeserklärung lesen könne? Habe er nicht von seinem Wunsch, katholisch zu sein, gesprochen? Außerdem: Die Pathologien der Religion würden auf jedem zweiten Katholikentag von der „Kirche von unten“ beklagt. Man solle sich doch bitte den wirklich entscheidenden Fragen zuwenden. Nach Gott fragen, heiße, nach dem Sinn fragen. Wer Michelangelos Pieta betrachte oder Mozarts Krönungsmesse gehört habe – „ich meine wirklich gehört hat“ – der wisse, wovon er spreche. Alles andere sei biologistische Erbsenzählerei a la Dawkins.

Fürstin Gloria von Thurn und Taxis sah das genau so. „Wie kann man meinen, dass ein anfänglicher Urnebel etwa heute jede unserer Empfindungen bestimmt?“

Doch es half alles nichts: Die Atheisten wollten über die Religion sprechen, während die Gläubigen über Gott reden wollten. Möller von der Giordano-Bruno-Stiftung kam dann mit Kirchensteuer und den Leistungen des Staates an die beiden Kirchen. „Wussten Sie, dass die Caritas nur zu 1,8 Prozent von der Kirche finanziert wird? Der Rest kommt aus Steuergeldern, also von uns allen.“ Das sei aber ein Skandal, eine Art öffentlich finanzierte PR für die Kirche. Er als Lehrer im Hartz-IV-Milieu wisse, wofür man das Geld einsetzen könne und brachte es auf den vorher gut einstudierten Slogan: „Bilden statt beten, Pauker statt Pfarrer, Möller statt Mixa.“

Posener versuchte es analytischer und wollte die Religion mit ihrem Absolutheitsanspruch erledigen. Dreisatz: „Sie wissen alles. Das ist aber maßlose Selbstüberhebung. Und die ist die Definition des Bösen.“ Das gab dem Protestanten Huber die Möglichkeit, den religiösen Skeptiker zu geben: „Ich weiß auch nicht alles und zweifle immer wieder.“ Und so weiter.

Ist die Religion jetzt ein Sicherheitsrisiko oder nicht? Das Publikum war in der Endabstimmung dieser Meinung nicht. 58 Prozent sprachen sich dagegen aus. Aber schon am Anfang waren es 56 Prozent gewesen. Auch ein Disput a la anglaise bestätigt also nur vorgefasste Meinungen. Das ist im englischen Unterhaus nicht anders. „Disput Berlin“: ein weiteres Society-Event im Berliner Kalender. Doch gut, dass wir darüber geredet haben.

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