Gott gesucht und nicht gefunden

Der Philosophiehistoriker Kurt Flasch fühlt sich einfach nicht erlösungsbedürftig. Von Stephan Baier
Kurt Flasch,  Philosoph
Foto: dpa | Der Philosoph Kurt Flasch.

Zu einer ungewöhnlichen Adventbegegnung kam es am Mittwochabend im Grazer Bischofshaus: Der aus Mainz stammende Philosophiehistoriker Kurt Flasch, der von sich selbst sagt, dass er „nicht mehr Christ sein kann“, sprach auf Einladung des Grazer Weihbischofs Franz Lackner OFM vor einem mehrheitlich aus Priestern bestehenden Kreis über das Thema „Wenn ich noch Christ wäre: Zu den Stärken des Christentums“. Tatsächlich konnte Flasch, selbst Jahrgang 1930, zwar über den heiteren und gebildeten „politischen Katholizismus“ in seinem von den Nazis bedrängten Elternhaus schwärmen, und er wusste auch so manche Bibelstelle zu referieren, die ihn anspricht und über die er gerne Predigten hören würde. Vor allem aber begründete der auf Antike und Mittelalter spezialisierte Philosophiehistoriker, der von 1970 bis 1995 Professor für Philosophie in Bochum war, seine eigene Distanzierung vom Christentum.

„Ich habe Gott gesucht und nicht gefunden“, sagte Flasch, der seinen Unglauben letztlich damit argumentierte, dass er sich „nicht als erlösungsbedürftig empfindet“. Als Atheist wolle er sich dennoch nicht bezeichnen, denn da müsste er „ja beweisen, dass es Gott nicht gibt“. Vielen Philosophen warf er vor, aus der Religion „einen Unendlichkeitswahn“ gemacht zu haben. Der aus Mainz stammende Gelehrte, der auch Werke über Augustinus, Meister Eckhart und Nikolaus von Kues schrieb, sieht heute eine „Verkümmerung des Christentums im Vergleich zu früheren Jahrhunderten“.

Er nannte dafür mehrere Gründe: Das Wissen darum, dass die Welt nicht 4 000, sondern vier Milliarden Jahre alt ist, habe die Zeiterfahrung der Menschen verändert. Dazu komme die Historisierung des Wissens, von der er nur Logik und Mathematik ausnahm: „Alles ist geworden, alles kann vergehen – auch die christliche Religion.“ Das Dogma über die Geschichte zu stellen, was Flasch der Kirche unterstellte, sei „der Hochmut einer partikulären Gruppe“. Dem frühen Christentum warf er vor, im Zuge der Hellenisierung Jesus vergöttlicht zu haben. Als weiteren Grund nannte er die Veränderung der Körpererfahrung: Das Christentum halte einer veränderten Körpererfahrung der Menschen zum Trotz an dem von Platon entwickelten Leib-Seele-Dualismus fest, welchen auch Thomas von Aquin nicht überwunden habe.

Besonders anstößig scheint dem Philosophiehistoriker die Lehre von der Erbsünde: „Wer glaubt denn, dass Schuld vererbt werden kann?“, rief er, und unterstellte Augustinus, im Geschlechtsakt die Weitergabe der Erbsünde zu sehen. Flaschs Zweifel reichen noch tiefer: „Glaubt Ihr das im Ernst, dass der Tod durch die Sünde in die Welt gekommen ist?“ Am hohen Anspruch des christlichen Glaubens scheint Kurt Flasch resigniert zu haben. Ein Christentum zu ermäßigten Preisen scheint ihn aber erst gar nicht zu interessieren: „Kann man das Christentum bejahen, ohne jeden historisch-faktischen Anspruch?“

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