Götter und Maschinen

Die Centrale Montemartini lässt nicht nur das Herz eines jeden Antikenfans höherschlagen, sondern schafft eine unbeschreibliche Atmosphäre, die jeden Besucher sofort in ihren Bann zieht – Ein Geheimtipp für den nächsten Rombesuch. Von Natalie Nordio
Foto: Museum | Skulptur und Maschine scheinen eine Symbiose einzugehen.
Foto: Museum | Skulptur und Maschine scheinen eine Symbiose einzugehen.

Wer kennt sie nicht, die großen Museen und Sammlungen der italienischen Hauptstadt. Da kommen einem natürlich allen voran die Vatikanischen Museen, die Galerie der Villa Borghese oder die auf mehrere römische Gebäude verteilten Sammlungen der Kapitolinischen Museen in den Sinn. Genau einer dieser ausgelagerten Teile der Kapitolinischen Sammlung verdient es, näher unter die Lupe genommen zu werden.

An der antiken Konsulstraße, der Viale Ostienese im Stadtteil Garbatella gelegen und nur wenige Gehminuten von der gleichnamigen Metrostation entfernt, haben mehr als vierhundert Objekte der römischen Antike in der Centrale Montemartini ein neues Zuhause gefunden.

Ursprüngliche Gründe für die Auslagerung waren neben dem Platzmangel – die Reservatenkammern der Kapitolinischen Museen platzten aus allen Nähten – vor allem die mehr als dringenden Renovierungsarbeiten des Konservatorenpalastes und des Braccio Nuovo auf dem Kapitolhügel, dem Hauptsitz der Museen. Lange hatte man in Rom nach passenden Ausstellungsräumen gesucht und fand diese schließlich in dem ehemaligen Elektrizitätswerk der Centrale Termoelettrica Giovanni Montemartini, Roms erster öffentlicher Einrichtung zur Erzeugung von elektrischem Strom, das im Jahre 1912 feierlich eingeweiht wurde und bis 1963 die Stadt versorgte.

Die Umwandlung des ehemaligen Elektrizitätswerks in ein Museum war Teil eines Projektes, das dazu dienen sollte, den sehr gewerblich geprägten Stadtteil Garbatella aufzuwerten und ihm ein attraktiveres Gesicht zu verleihen. Unter dem Motto „le macchine ed gli dei“ – also „die Maschinen und die Götter“ – öffnete die Sammlung im Jahr 1997 ihre Tore der Öffentlichkeit. Ursprünglich nur als vorübergehender Aufbewahrungsort geplant, so lange, bis die Renovierungsarbeiten auf dem Kapitol beendet sein würden, entschloss man sich 2005 dagegen und brachte nur einen Teil der Sammlung wieder an den Hauptsitz zurück. Die Centrale Montemartini wurde eine dauerhafte Zweigstelle der Kapitolinischen Museen.

Das Wechselspiel der beiden Welten, der industriell-maschinellen und der antik-skulpturalen, schafft eine völlig ungewöhnliche Atmosphäre. Vor den tiefschwarzen monströsen Maschinerien erheben sich die feingliedrigen antiken Skulpturen aus weißem Marmor. In der Vorstellung wirkt diese Gegenüberstellung eher befremdlich, Skulpturen und Maschinen – das passt nicht. Doch scheint es, als würden sich beide gegenseitig bedingen, eine Symbiose eingehen, um so gemeinsam und doch jede für sich eine vollkommen neue, nie dagewesene Wirkung auf den Betrachter zu erzielen.

Die Sammlung erstreckt sich über zwei Stockwerke. Im Eingangsbereich befinden sich zum größten Teil Fragmente von Grabinschriften und anderen Epigrafen sowie Votivgaben und Sarkophage aus republikanischer Zeit, die bei Ausgrabungen Ende des neunzehnten Jahrhunderts gefunden wurden. Wie ein roter Faden zieht sich die Wechselbeziehung von Maschine und Skulptur durch alle Ausstellungsräume. An jeder Ecke blitzt ein Überbleibsel des Elektrizitätswerks in Form von Rohren, Kabeln oder für die Bedienung der Maschinen nötigen Schaltarmaturen hervor. Dem Besucher, meist kein Antikenforscher, wird die Reise durch die römische Antike mit Hilfe zahlreicher Schrift- und Bildtafeln mehr als leicht gemacht. Schritt für Schritt erklären sie die Entwicklung der Stadt von der Republik bis ins späte Kaiserreich. Ein Ausstellungsraum ist ganz den Luxusartikeln der Antike vorbehalten. So gelingt es dem Betrachter mühelos, sich den Alltag der antiken Oberschicht vor Augen zu rufen.

Ein Paradebeispiel der spätrepublikanischen Porträtkunst dagegen versteckt sich am Ende eines der Gänge im unteren Museumsbereich: der sogenannte Togato Barberini. Eine mit einer Toga bekleidete männliche Skulptur trägt links und rechts gleich zwei Marmorbüsten in den Händen. Die Skulptur spielt auf das in der Antike den Patriziern vorbehaltene Gesetz der ius imaginum an, dem Recht, Porträts der Ahnen anfertigen zu lassen und diese im eigenen Haus aufstellen zu dürfen.

Eine Stahltreppe führt hinauf in den oberen Ausstellungsbereich. Von dem Spektakel, das sich dem Betrachter hier oben bietet, werden nicht nur Antikenliebhaber begeistert sein. Vor allem Technikbegeisterte kommen beim Anblick der teilweise über zehn Meter hohen Stromaggregate und monumentalen Stahl- und Eisenkonstrukte auf ihre Kosten. An der Stirnseite der riesigen Halle haben die fragmentarischen Fundstücke des Timpanos des Apollo Sosianus-Tempels, von dem noch drei Säulen an seinem ursprünglichen Aufstellungsort vor dem Marcellus-Theaters in Rom zu sehen sind, einen würdigen Rahmen erhalten. Etwas erhöht muss man einige Stufen erklimmen, um so auf Augenhöhe vor den Skulpturen zu stehen, die ursprünglich einmal die Dekoration des Dreieckgiebels gebildet hatten und kämpferische Amazonen darstellen. Hinter der Tempelfront mit Amazonenschlacht, die Stufen wieder hinabsteigend, kann man die erhaltenen Reste des Tempelinneren erforschen. Allen voran befindet sich in diesem Bereich die dem Tempel seinen Namen gebende Skulptur des Apoll sowie verschiedene architektonische Versatzstücke des Eingangsportals.

Der letzte Teilbereich steht ganz im Zeichen der sogenannten Horti, der antiken Gartenanlagen, die sich vornehmlich rings um den Esquilinhügel befanden. Da zu solchen Gartenanlagen neben einem Skulpturenpark meist auch ein Palais oder eine Villa gehörte, vermitteln diese Räume vor allem einen Eindruck der antiken Wohnhausdekorationen in Form von Bodenmosaiken und Wandfresken.

Im Augenblick ist die Centrale Montemartini noch ein Geheimtipp und bietet nicht nur ausgesprochenen Antikenfans viel Sehenswertes. Vor allem vormittags hat man die Skulpturen fast für sich alleine und kann vollkommen ungestört diese ganz eigene Welt für sich entdecken. Nur eine Metrostation vor dem Touristenmagneten San Paolo fuori le Mura gelegen, bietet es sich wirklich an, die Centrale Montemartini bei der nächsten Romreise mit auf den Merkzettel zu setzen und ein bis zwei Stunden Zeit mitzubringen.

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