„Glut des Schauens“

Das Werk von Romano Guardini spiegelt die Herrlichkeit der Schöpfung. Von Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz.
Romano Guardini
Foto: KNA | Dem einzelnen Menschen helfen, dass er den richtigen Weg zu Gott findet – das hatte sich Romano Guardini zum Ziel gesetzt.

Wer einen der größten deutschsprachigen Lehrer des Christentums im 20. Jahrhundert noch hören konnte, erinnert sich der leisen, konzentrierten Sprechweise, der ausgewogenen Themenentfaltung, der behutsamen Augenöffnungen. Aber „leise“ heißt nicht „leidenschaftslos“. Es gehört zu den bezwingenden Merkmalen Guardinis, dass er in seinen Klärungen und Erhellungen des Daseins etwas Unausgesprochenes verbarg, ja sogar „geheime Erdbeben“. Er ist einer der wenigen Theologen des letzten Jahrhunderts, der die gefährlichen Herausforderungen der Moderne biblisch durchdachte, so die Macht der Technik, die empfundene Sinnlosigkeit des Daseins, den Tod, den Nihilismus, die Gottferne. Aber wunderbar nachvollziehen lässt sich dann mit ihm die Auflösung des Bedrohenden im Vertrauen auf Christus – das ist echt und groß geleistet, zumal Guardini selbst von Schwermut heimgesucht war. „Angefochtene Zuversicht“ ist die ergreifende Haltung dieses großen Vordenkers.

Gleichwohl wäre es einseitig, nur Abgründe zu vermuten, wo die freudigen Bewegungen, die Erschütterungen der Gnade, die fruchtbare Bedrängnis durch Bilder und Erkenntnis zugleich auf der Hand liegen, ja, sogar aufrauschendes Glück. Dazu gehört immer wieder Guardinis Begegnung mit dem Licht – vor allem im Engadin oder im Allgäu. „Gewalt von Herrlichkeit“ oder „inbrünstige Wirklichkeit“ nennt er das, was im Licht aufsteigt, gewaltiger aber und noch tiefer steigt es aus der Offenbarung auf.

Seine „Glut des Schauens“ führt zu ungewöhnlichen Texten. Sie spiegeln die Geheimnistiefe der Welt, die von Licht erleuchtet und zugleich durch das Licht selbst anziehend wird. Sie spiegeln mehr noch die Herrlichkeit des Schöpfers dieser Welt, tiefer die Schönheit des Erlösers, erregender die Fülle des Geistes.

Damit wird christliche Theologie zur Sprache der Leidenschaft. Guardini verdünnt den Herrn nicht rationalistisch; in genauer Lesung der Evangelien und Paulusbriefe zeichnet er seine unerschöpfliche Gestalt nach. Christus wird blutvoll. Und dabei wird etwas Seltenes sichtbar: dass auch Gott sein Schicksal am Menschen fand, nicht nur umgekehrt. Solche Auslegung erschüttert; sie zeigt die oft unterschätzte Freiheit, die verdeckte Größe des Menschen. Und sie führt von selbst zur Anbetung.

Wer war der Mann, der so ungewöhnlich an Christus heranführen konnte? Seit den postum herausgegebenen Berichten über sein Leben wissen wir von der merkwürdig verschatteten Kindheit Guardinis in Mainz, wohin die Kaufmannsfamilie mit dem einjährigen, am 17. Februar 1885 in Verona geborenen Knaben umsiedelte. Obwohl im Elternhaus fast ausschließlich italienische Sprache und Kultur gepflegt wurden, wuchs der älteste von vier Söhnen unverlierbar in Sprache und Geistigkeit Deutschlands hin-ein – welche Spannung er nur durch den übergreifenden Gedanken an Europa in sich zu einem Ausgleich bringen konnte. Als ein solcher Europäer lehrte er die deutsche Jugend an den Universitäten Berlin (1923–1939). Tübingen (1945–1948) und München (1948–1962), nicht minder erfolgreich aber zwischen 1920 und 1939 auf der Quickborn-Burg Rothenfels am Main, die heute noch in der Kapelle seine Handschrift trägt. In „katholischer Weltanschauung“ stellte er große abendländische Gestalten unter das Maß Christi: Sokrates, Augustinus, Dante, Shakespeare, Pascal, Hölderlin, Kierkegaard, Dostojewski, Nietzsche, Rilke, Kafka und Freud. Mit ihnen blickte er prüfend auf das Christentum und umgekehrt prüfte er sie an der Offenbarung. 1939 wurde er seines Berliner Lehrstuhls enthoben, im Sommer darauf wurde auch Burg Rothenfelde enteignet; Guardini war nur noch auf den Schreibtisch begrenzt. Dazu kam 1943 bis 1945 sein „Exil“ bei dem Freund Josef Weiger in Mooshausen im schwäbischen Allgäu.

In den Nachkriegsjahren war Guardinis Denken mit der geistigen Überwindung der europäischen Kulturkrise beschäftigt. Seine Tübinger und Münchner Vorlesungen kreisten um Ethik, Anthropologie und schließlich um die Gottesfrage. Die letzten, schmerzlich von einer Gesichtsneuralgie verdunkelten Jahre zeigen im Tagebuch Wahrheit des Denkens – Wahrheit des Tuns (1976) und in den Theologischen Briefen an einen Freund (1980) einen Mann, der in seinem Alter mit der Endlichkeit ringt.

Guardini starb am 1. Oktober 1968, im ominösen Jahr der Studentenunruhen, in München. Seit 1997 liegt er in St. Ludwig, seiner Predigtkirche im Herzen der Münchner Universität. 20 Jahre später wurde der Seligsprechungsprozess für ihn eingeleitet.

Guardini gehört – beginnend 1918 mit dem Werk „Vom Geist der Liturgie“, fortgesetzt mit „Vom Sinn der Kirche“, „Der Herr“ und „Vom Ende der Neuzeit“ – mittlerweile zu den theologischen Klassikern. Bereits 1914 schreibt er in einer Selbstbesinnung: „Ich will ein Doppeltes: Von den Brennpunkten der Offenbarungsvermittlung, dem canon aus, von Tradition, heiliger Schrift und von einer echten Psychologie geleitet die göttliche Wahrheit erfassen, klar, tief, schlicht, dass die Menschen draus denken und leben können, denen ich sie darzubieten habe. Und weiter, mit allen Mitteln, die Philosophie, Kunst, Erfahrung mir darbieten, sie zu erschließen suchen, um sie als das darzuzeigen, nach dem alle sich sehnen. Und das lehren, klar und so, dass ein Glaube draus wird... Zugleich aber dem einzelnen Menschen helfen, dass er auf den Weg komme, den Gott ihn führen will, zu seiner eigenen Freiheit und Klarheit.“ (Brief an Weiger) So war er immer anziehend für Hörer auch am Rande des Glaubens. Ihnen legte er den Unterschied von Religion und Glauben frei: Religion wird häufig Handlangerin eigener Wunscherfüllung, Glaube aber ist Vertrauen auf Gottes Vollendungskraft. In seiner unvollendeten Autobiographie schrieb Guardini im Blick auf manche Seminare, gänzlich uneitel: „Die Wahrheit ist eine Macht; aber nur dann, wenn man von ihr keine unmittelbare Wirkung verlangt... Wenn irgendwo, dann ist hier die Absichtslosigkeit die größte Kraft... Manchmal, besonders in den letzten Jahren, war mir zumute, als ob die Wahrheit wie ein Wesen im Raum stünde.“

Von diesem Verlangen nach Wahrheit aus ist Guardinis Theologie nicht, wie heute üblich, zuerst Anthropologie, sondern zuerst Rede vom göttlichen Logos, zuerst Rede von der Offenbarung, zuerst Rede von dem sich mitteilenden Großen. Zu Gott hat der Mensch die Knie zu beugen und in ihm herrlich zu werden. Im offenbaren Gott wird sich der Mensch offenbar – denn er ist sich selbst ein Geheimnis. „Rätsel, Probleme sind dafür da, dass sie gelöst werden; dann gibt es sie nicht mehr. Hier ist nicht Rätsel, sondern Geheimnis. Geheimnis aber ist Übermaß von Wahrheit; Wahrheit, die größer ist als unsere Kraft.“

Guardini hat den lebendigen Gott als Kraft des Werdens gedacht und erfahren. Als Kraft des dreifachen Anfangs: erst der Schöpfung, tiefer noch als Anfang der Erlösung: „Und wenn schon das Schaffen, welches macht, dass das Nichtseiende werde, ein undurchdringliches Geheimnis ist, so ist allem Menschenblick und Menschenmaß vollends entrückt, was das heißt, dass Gott aus dem Sünder einen Menschen macht, der ohne Schuld dasteht... (Diese) Unbegreiflichkeit trifft das Herz.“ Von diesem zweiten Anfang her wird das Werden des Menschen skizziert, der sich in das „Werk“ Gottes einsetzen lässt. „Werk“ ist das Wort, auf dem die Arbeit von Burg Rothenfels und die lebenslange Ausfaltung der christlichen Existenz fußen, ein Wort, in dessen eschatologischen Weitblick Guardini die Hörer mitnahm.

Denn alles Tun Gottes und des Menschen läuft auf den dritten Anfang zu: die neue Welt der Apokalypse – jene gänzlich erneuerte Welt, die so wenig das christliche Bewusstsein bestimmt. Aber sowohl beim zweiten wie beim dritten Anfang ist die Aufgabe des Menschen sehr groß gedacht: Ohne sein Mittun mit Gott vollendet sich nichts. Es ist die Gnade, die ausdrücklich die Mitwirkung des Menschen wünscht.

Im Werden jetziger Geschichte liegt Freiheit, in der Freiheit entscheidet sich Schicksal, und Guardini wagte es, vom Schicksal Gottes am Menschen zu sprechen. Daraus erhebt sich lebendig die Passion – Leiden und Leidenschaft – Gottes, und darin wird auch der Mensch lebendig, der sich in den Lichtraum seiner Initiativen stellt. „Gott ... hat die Fülle der fordernden Wirklichkeit und zu erratenden, mit rechter Initiative und Schöpferschaft zu erfassenden Möglichkeit erzeugt. Die Welt wird tatsächlich so, wie der Mensch sie macht.“ Einigen gelingt die Zumutung des Neuen, vielen auch nicht: „Die Bedeutung der Heiligen... liegt darin, dass in ihrem Dasein der Vorgang der Neuwerdung, bei uns überall verhüllt und gestört, mit einer besonderen Deutlichkeit, Energie und Verheißungskraft durchdringt.“

Bis zum letzten unvollendeten Werk „Die Existenz des Christen“ läuft die Frage mit, zu welcher Umgestaltung denn das christliche Bewusstsein und das christliche Tun herausgefordert und befähigt seien. „Werden“ geschieht bereits im rechten Gebet: „Etwas von Christus zu erkennen oder in der Nähe des Herrn zu weilen, ist in sich schon ein heiliges Geschehen. So oft irgendein Zug seiner heiligen Gestalt lebendig wird, oder ein Wort von Ihm uns berührt, bedeutet schon das ein inneres Werden.“

Was in den Hörsälen, in der Kapelle von Rothenfels, in den Universitätsgottesdiensten durch Guardini geschah und was eine glaubensferne und gebetsmüde Zeit mit ihren Ersatzversuchen mühsam anzielt, könnte bei einer Neulektüre nochmals geschehen: das Aufleuchten der verborgenen göttlichen Wahrheit und das lebendige Antworten darauf.

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