Linnich

Glasmalerei ist wie Heilige im gefrorenen Licht

Das Glasmalerei-Museum in Linnich überzeugt mit einer Sammlung christlicher Meisterwerke.
"Der Gekreuzigte",  Eichstätter Dom.
Foto: Drouve | Der Gekreuzigte, eine Kopie von Fritz Geiges, basierend auf einem Entwurf von Hans Holbein dem Älteren für das Kreuzigungsfenster des Mortuariums im Eichstätter Dom.
 

Ein blond gelockter Jesus im leuchtroten Gewand am Ölberg. Die gekrönte Maria, umzogen von schillernden Grüntönen. Der Gekreuzigte, eingefasst in ergreifendes Himmelblau. Was sind das für Farbfluten, die man im Deutschen Glasmalerei-Museum auf sich einstürzen sieht! 

„Glas ist der Zauber des gefrorenen Lichts“, hat der Designer Wilhelm Wagenfeld einmal treffend gesagt. Eine Vielzahl an Glasschätzen hütet Deutschlands einziges Museum dieser Art für Flachglasmalerei. Dennoch ist es eine versteckte, wenig bekannte Kunstadresse: in Linnich, etwa 30 Kilometer nordöstlich von Aachen gelegen. Etwa 6 000 Besucher kommen pro Jahr, weiß Museumsleiterin Luzia Schlösser. Eingerichtet ist das Museum in einer einstigen kurfürstlichen Getreidemühle, unter der bis heute ein Kanal entlangrauscht. Wer die Tür passiert, landet in stillen Räumlichkeiten, die zum Spaziergang durch die Jahrhunderte einladen. Durch die Kunstwerke flutet entweder Naturlicht oder sie sind in künstliche Lichtkästen gefasst. 

Engel, Teufel und ein Schwein 

Ein Höhepunkt der Sammlung – unter sakralen Aspekten – ist die historische Ebene. Hier finden sich Arbeiten des begnadeten Freiburger Künstlers und Restaurators Fritz Geiges (1853–1935), der sich große Verdienste um die Wiederbelebung der Glasmalerei erwarb. Geiges kopierte Werke nach jahrhundertealten Vorbildern und schuf damit „wunderbare Abbilder dessen, was Glaskunst damals bedeutete“, so Museumsleiterin Schlösser, die auch studierte Theologin ist. 

Geiges rettete eine Darstellung Karls des Großen aus dem Hochchor des Freiburger Münsters ebenso über die Zeiten wie aus derselben Epoche des 16. Jahrhunderts ein Nikolaus-Porträt aus dem Dom von Metz. Ungewöhnlich an Nikolaus sind die femininen Gesichtszüge; es hat geradezu den Anschein, als trüge der Heilige Wimpernverlängerungen oder habe zumindest eine Mascarabürste benutzt. In Kirchen sind derlei Buntglasfenster oft weit weg – hier kommt man ihnen ganz nah. 

Wie magisch

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Eine besondere Nachschöpfung Geiges ist die Szene von Christus am Ölberg, dessen Ursprungsentwurf von Albrecht Dürer stammte. Wie magisch ziehen die satten, kontrastreichen Farben hinein, was sich bei einer Kopie vom Kreuzigungsfenster des Mortuariums des Eichstätter Doms fortsetzt; Hans Holbein der Ältere fertigte um 1505 den Entwurf für das Original. 

Ein weltliches Motiv stammt aus einer Grabkapelle des Freiburger Münsters: das sogenannte „Stifterbildnis“. Es zeigt Konrad Stürzel von Buchheim (1435–1509), den Hofkanzler von Kaiser Maximilian I. und Rektor der Universität von Freiburg, in Begleitung seiner Söhne. Sie tragen kostbare Gewänder, teils auch schillernde Ritterrüstungsteile um die Oberkörper. Jeder Einzelne kniet nieder und ist aufs Feinste frisiert. Die Stimmung ist kontemplativ. Dargestellt sind die Männer und Halbwüchsigen als Gläubige, die ergeben dort verharren. Die Profilansicht des Ensembles hebt sich vor einem violetten Damasthintergrund ab. „Man könnte meinen, es handelt sich um eine Tafelmalerei“, befindet Museumspädagogin Hilde Gottfroh. Das Original des Stifterbildnisses schuf der Renaissancekünstler Hans Baldung Grien. 

Auch für jüngere Besucher spannend

„Engelchen und Teufelchen zählen“ – das, so Leiterin Schlösser, ist für Kinder die Aufgabe bei der Betrachtung des „Jüngsten Gerichts“. Wie viele es sind, verrät sie natürlich nicht, führt es aber als Beispiel dafür an, wie „spannend“ die Exponate auch für jüngere Besucher sein können. 

Kleinere Werke komplettieren die historische Ebene, darunter Kopien von Rudolf Geyling aus dem Wien des 19. Jahrhunderts: einmal die Taufe Christi, einmal ein Heiligenmotiv von Katharina und Margareta beieinander. Beim gotischen Motiv „Fremde beherbergen“ trat wieder Fritz Geiges in Aktion, ausgehend von einem Radfenster im nördlichen Querschiff des Freiburger Münsters und dem Ausdruck der Güte und Barmherzigkeit. Kurios: das Monatsbild von der Schlachtung eines Schweins, was ebenfalls Geiges neu festhielt; das Original stammte aus dem ehemaligen Westturm des Freiburger Münsters. Eine Maria von Geiges wirft einen stechenden, achtsamen Blick auf Jesus in ihren Armen – wobei der Sohn deutlich älter wirkt als die eigene Mutter. 

Hingucker in Pastell

Modernere Interpretationen aus dem 20. Jahrhundert zeigen die inhaltlich-formale und technische Weiterentwicklung der Flachglasmalerei. Hingucker sind die Pastelltöne des Kreuzigungszyklus von Johan Thorn Prikker (1868–1932); der niederländische Künstler ließ sich nach der Jahrhundertwende in Deutschland nieder und entwickelte dort – ausgehend vom Jugendstil seiner Anfänge – eine eigene Richtung, die sich auch in Mosaiken und Wandbildern ausdrückte. 

Künstler wie Lüppertz haben Werke geschenkt

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Ein Lieblingsmotiv von Museumsleiterin Schlösser ist der Verkündigungs-Engel von Wilhelm Buschulte (1923–2013). „Getragen sein von Gott“, umreißt Schlösser die Farbsymbolik, bei der sich der grüne Engel zur blauen Umrandung hinwendet. Der Blick des Engels geht am Betrachter vorbei in jene Richtung, in der man sich Maria vorstellen muss. 

Die Abfolge an Meisterwerken setzt sich mit Jochem Poensgen, Ludwig Schaffrath, Georg Meistermann fort. Beachtenswert sind auch die von Heinrich Campendonk (1889–1957) erstellten Vorlagen „Adam“ und „Eva“ (Bleistift, Aquarell auf Transparentpapier) und „Heilige Monika und heiliger Augustinus“ (Deckfarben auf Papier). Ein gänzlich anderes Exponat, datiert auf den Beginn des 14. Jahrhunderts, zeigt ein 6,2 Quadratmeter großes Bleinetz eines Königs aus dem Hochchor des Kölner Doms. Dazu heißt es auf der Infotafel darunter: „Es handelt sich hierbei um ein besonderes Stück, da zahlreiche Bleieinfassungen der Könige aus den Hochchorfenstern bei der großen Restaurierung der Kölner Domfenster in den 1950er Jahren eingeschmolzen wurden und damit typische Zeugnisse für den mittelalterlichen Bleiriss für immer verloren gingen.“ 

Das Museum hat von Schenkungen profitiert, die für die hohe Wertschätzung aus Künstlerkreisen sprechen. So steuerte der weltbekannte Markus Lüpertz die Werke „Herbstfenster“ und „Kosovo“ bei, die zur Auseinandersetzung mit Krieg und Frieden und dem Vergehen der Welt anhalten. Die Museumsstiftung verdankt Johannes Schreiter die Kopie seines blaudurchtränkten „Tauffensters“, hinter dem durch die Glasfront das Grün des Museumsgartens schimmert. Ein kontrastreicher Abschluss, der schöner kaum sein könnte. 


Das Deutsche Glasmalerei-Museum (www.glasmalerei-museum.de)
liegt in Linnich in der Rurstraße 9–11.

 


Öffnungszeiten: Di.–So., 11–17 Uhr.
Eintritt 6 Euro, Familienkarte 14 Euro, Kinder bis fünf Jahre frei. 

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