Gewinner ohne Glanz

Der Roman „Landgericht“: Der Deutsche Buchpreis 2012 geht an Ursula Krechel. Von Stefan Meetschen
Foto: dpa | Die Schriftstellerin Ursula Krechel.
Foto: dpa | Die Schriftstellerin Ursula Krechel.

Jeder Literaturpreis ist eine Fiktion. Auch der Deutsche Buchpreis, der in diesem Jahr an die Schriftstellerin Ursula Krechel für den Roman „Landgericht“ geht, bildet dabei keine Ausnahme. Ist es doch völlig unmöglich, erzählerische und thematische Qualitäten eines Romans derart zu benennen, dass die Bezeichnung der „beste“ künstlerisch zu rechtfertigen wäre.

Ein jüdischer Richter, der Nazi-Deutschland 1939 verlassen muss, 1947 zurückkommt und in den 1950er Jahren um Wiedergutmachung in Westdeutschland kämpft, das ist zweifelsohne ein interessantes Thema. Doch auch die Themen der anderen fünf verbliebenen Wettbewerbsteilnehmer waren nicht ohne Esprit: „Nichts Weißes“ von Ulf Erdmann Ziegler zum Beispiel, der die Geschichte der Grafikerin Marleen erzählt, die von der perfekten Schrift träumt und all die Hochs und Tiefs der wandelnden Werbe- und Medienwelt erlebt. Gespickt mit einer schönen Milieuschilderung des rheinischen Katholizismus. Oder: Wolfgang Herrndorfs Roman „Sand“, der eine Art existentialistischer Polit-Thriller ist und sich um einen Mann dreht, der – ähnlich wie der an Krebs erkrankte Autor – aus allen Sicherheiten herausfällt.

Nicht zu reden von den bereits vorher ausgeschiedenen Longlist-Teilnehmern und ihren Werken: Darunter immerhin so renommierte Schriftsteller wie Bodo Kirchhoff („Die Liebe in groben Zügen“), Jenny Erpenbeck („Aller Tage Abend“), Sten Nadolny („Weitlings Sommerfrische“) und Patrick Roth („Sunrise“).

Ganz sicher ist Krechels Roman, der im Unterschied zum Vorjahressieger, Eugen Ruges „In den Zeiten des abnehmenden Lichts“, weniger durch unterhaltsame Dialoge und flinke Skizzierung als durch einen eher zähen Archiv- und Dokumentationsstil auffällt, stilistisch und inhaltlich nicht besser als all diese anderen, genannten Romane.

Wieso also geht der Preis an die 1947 in Trier geborene und in Berlin lebende Krechel, die bislang eher als Lyrikerin in Erscheinung getreten ist? „Bald poetisch, bald lakonisch, zeichnet Krechel präzise ihr Bild der frühen Bundesrepublik – von der Architektur über die Lebensformen bis hinein in die Widersprüche der Familienpsychologie“, heißt es in der Begründung der Jury für die mit 25 000 Euro dotierte Auszeichnung. Das Buch sei ist ein „bewegender, politisch akuter, in seiner Anmutung bewundernswert kühler und moderner Roman“.

Betrachtet man die Preisträger der vergangenen Jahre insgesamt, so stellt man fest, dass die jährlich wechselnde Jury offenbar in einem Punkt Kontinuität zeigt: Es dominieren bei den Gewinnern Themen der Zeitgeschichte. Eugen Ruge ging es um die Aufarbeitung der DDR genauso wie Uwe Tellkamp mit dem „Turm“ (2008). Julia Franck erzählt in „Die Mittagsfrau“ (2007) beginnend mit dem Zweiten Weltkrieg von den Lebensstationen einer unglücklichen Protagonistin, während Arno Geiger in „Es geht uns gut“ (2005) eine Wiener Familiengeschichte zwischen 1939 bis 2001 aufrollt.

Ein anderer Kontinuitätsaspekt dürfte der kommerzielle Erfolg sein, der den bisherigen Sieger-Romanen beschert war. Handelt es sich beim Deutschen Buchpreis, der vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels gekürt wird, also mehr um eine verkaufsfördernde Maßnahme, mehr um einen „Marketing-Preis“ als um einen Literaturpreis, wie manche Kritiker behaupten? Das wäre mit Blick auf die Qualität der bisherigen preisgekrönten Romane sicher eine sehr bösartige Unterstellung. Zu befürchten ist dieses Jahr allerdings, dass die geneigten Leser das sprachlich eher schwache Buch zwar kaufen, aber nicht zu Ende lesen werden. Schade also, dass es den Deutschen Buchpreis 1995 noch nicht gab, als Bernhard Schlinks „Vorleser“ erschien. Der eine ähnliche Thematik literarisch bravourös in Szene setzte.

Themen & Autoren

Kirche

Papst in der Slowakei
Bratislava
In das reale Leben eintauchen Premium Inhalt
Die Pastoral muss kreativ begleiten und motivieren. In der Slowakei will die Kirche dafür den richtigen Weg finden. Papst Franziskus ermutigte bei seinem Besuch dazu. Ein Gastkommentar.
18.09.2021, 19 Uhr
Thomas Schumann