Gestiegenes Interesse am Kalten Krieg

Eine informative Ausstellung über die unterschiedlichen Ursachen des Kalten Krieges in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts: „Der Kalte Krieg. Ursachen, Geschichte, Folgen“. Von José García
Foto: Bundesstiftung Aufarbeitung | Startplakat der Ausstellung: Der Regierungschef der Sowjetunion Nikita Chruschtschow und der US-Präsident John F. Kennedy messen ihre Kräfte insbesondere auf dem Gebiet der Atomwaffen.
Foto: Bundesstiftung Aufarbeitung | Startplakat der Ausstellung: Der Regierungschef der Sowjetunion Nikita Chruschtschow und der US-Präsident John F. Kennedy messen ihre Kräfte insbesondere auf dem Gebiet der Atomwaffen.

Befinden wir uns vor dem Hintergrund angespannter Ost-West-Beziehungen in einem neuen „Kalten Krieg“? Was etliche Beobachter behaupten, ist für das als gemeinsames Projekt des Hamburger Instituts für Sozialforschung, des Instituts für Zeitgeschichte München – Berlin, der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und der Humboldt-Universität zu Berlin im März 2015 gegründete „Berliner Kolleg Kalter Krieg“ Anlass für die Plakat-Ausstellung „Der Kalte Krieg. Ursachen, Geschichte, Folgen“, die vergangene Woche in der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur eröffnet wurde. Mit ihren Texten, mehr als 160 zeithistorischen Fotos und Dokumenten sowie den sogenannten „QR-Codes“, die zu Filmdokumenten im Internet verlinken, eröffnet die Ausstellung ein Panorama des Kalten Krieges, der als globale Systemkonkurrenz die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts prägte.

Die unter der Projektleitung von Ulrich Mählert, Leiter des Arbeitsbereichs Wissenschaft und Internationale Zusammenarbeit in der Bundesstiftung Aufarbeitung, entstandene und von Bernd Greiner vom Hamburger Institut für Sozialforschung verfasste Ausstellung besteht aus 22 Plakaten, die vom Ende des Zweiten Weltkrieges bis zur Auflösung der Sowjetunion im Jahre 1991 einen Bogen spannen.

Die Ausstellung geht der Frage nach den weltanschaulichen, politischen, militärischen und wirtschaftlichen Ursachen des Kalten Krieges in globaler Perspektive nach. So ist einer von drei Schwerpunkten die Dynamik des nuklearen Rüstungswettlaufs, die als entscheidend für den Ursprung und die Zuspitzung des Kalten Kriegs angesehen wird: „Bis Mitte der 1980er Jahre wachsen die Arsenale beider Supermächte auf über 60 000 Sprengköpfe, genug, um den gesamten Globus und mit ihm die Menschheit gleich mehrmals zu vernichten.“ Ein weiterer Schwerpunkt versucht, der Feststellung „Nirgendwo wird die Kalte Krieg bisher als weltumfassende Geschichte erzählt“, entgegenzuwirken. Sie widmet sich den „heißen Kriegen“ in der Dritten Welt, die bis heute wirksame Traumata sowie demografische und ökonomische Entwicklungsdefizite verursachten: „Nach 1945 werden in der Dritten Welt in rund 150 Kriegen vermutlich 22 Millionen Menschen getötet.“ Ein dritter Aspekt der Ausstellung besteht in den zeitgenössischen diplomatischen und zivilgesellschaftlichen Initiativen, die den Kalten Krieg mindestens zeitweilig eindämmten und abkühlten. So heißt es auf Tafel 16 „Entspannungspolitik“, durch die „Ostverträge“ sei es gelungen, den „Eisernen Vorhang“ durch Handelsverträge, Ausreiseerleichterungen und Besucherabkommen durchlässiger zu machen. Und unter dem Titel „Wege aus dem Teufelskreis“ wird die neue sowjetische Politik unter Michael Gorbatschow ab 1985 gewürdigt.

Bei der öffentlichen Präsentation der Ausstellung betonte Bernd Greiner deren Bedeutung. Denn sie stoße in die „eklatante Lücke in der Vermittlung des Kalten Krieges in der Öffentlichkeit“, die es bislang gegeben habe. Dies sei in der ehemaligen „Frontstadt“ Berlin besonders gravierend. Der ehemalige Regierende Bürgermeister von Berlin, Eberhard Diepgen, der von Berliner Kolleg und Bundesstiftung Aufarbeitung zur Kommentierung der Ausstellung eingeladen worden war, unterstrich vor allem den internationalen Charakter des Kalten Krieges, auf den die Ausstellung hinweist. Zwar herrsche darin vorwiegend eine europäische Betrachtungsweise vor. Aber im Kern des Kalten Krieges habe die weltweite Verbreitung des eigenen Gesellschaftsmodells gestanden. Daher habe der Kalte Krieg wesentlich darin bestanden, die eigenen Einflusssphären auszuweiten. Für Diepgen beginnt die „Zementierung beziehungsweise Neuschaffung von Einflusssphären“ allerdings nicht erst in der Potsdamer Konferenz vom Juli 1945 – wie die Ausstellung erläutert –, sondern bereits in Teheran 1943, spätestens aber auf der Konferenz von Jalta im Februar 1945.

Eberhard Diepgen wies insbesondere auch auf die Bedeutung von Berlin als Schauplatz des Kalten Krieges hin. Auf der einen Seite habe der Bau der Mauer erst-, ja einmalig den Einflussbereich des Westens reduziert, weil der Einfluss der westlichen Siegermächte nach dem Mauerbau auf den westlichen Teil der Stadt beschränkt geblieben sei. Andererseits habe gerade Berlin durch die „agree to disagree“-Politik zu einer Deeskalation der Konflikte beigetragen. Dem pflichtete auch Bernd Greiner bei: „Speziell ab der zweiten Hälfte der sechziger Jahre hat die Konfliktmoderation in Berlin die Konfrontationslogik unterwandert.“

„Der Kalte Krieg“ zielt nicht nur auf eine historische Rückschau. Sie bietet darüber hinaus Anknüpfungspunkte, sich mit aktuellen internationalen Konflikten oder aber mit den Spätfolgen des Kalten Krieges in der sogenannten Dritten Welt zu befassen, mit denen Europa heute konfrontiert ist.

Die Ausstellung wurde in einer Auflage von 1 500 Exemplaren herausgegeben. Sie wird in ganz Deutschland zu sehen sein. Das Auswärtige Amt verbreitet die Ausstellung außerdem im Ausland in mehreren Sprachfassungen, so dass deutsche Botschaften und Kultureinrichtungen wie Goethe-Institute oder deutsche Schulen sie in der ganzen Welt zeigen können.

„Der Kalte Krieg. Ursachen, Geschichte, Folgen“. Eine Ausstellung des Berliner Kollegs Kalter Krieg und der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Die 22 Plakate können bei der Bundesstiftung zum Subskriptionspreis von 30,– EUR bestellt werden.

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