Geschichtsfälschung führte zu Fehlurteilen

Die Tagespost-Matinee „Verfälschte Geschichte. Pius XII und Rolf Hochhuth. Ein Rückblick“ im Schloss Charlottenburg in Berlin

Die Berliner Ausstellung über Papst Pius XII. ist bereits ein voller Erfolg – und mit der Matinee vom Sonntag, die die „Tagespost“ im Beiprogramm der Ausstellung veranstaltet hat, erreichte die Schau in Schloss Charlottenburg einen weiteren Höhepunkt. Schauspieler haben höchst eindrucksvoll zwei wichtige Texte aus dem Jahr 1963 vorgetragen – dem Jahr der Uraufführung von Hochhuts „Der Stellvertreter“, die schon damals Rolf Hochhut und sein Theaterstück entlarvt haben. Aber nur wenige haben diese Kritik an Hochhut verstanden. Doch jetzt, seit Beginn der Ausstellung, schreiben fast alle Zeitungen, dass Papst Pius XII. nicht zum Holocaust geschwiegen hat. Das ist eine erstaunliche und schwer erklärliche Wende, wie Ausstellungsleiter Ingo Langner einleitend in der Matinee sagte: Bereits „1963 wurden katholische Gegenstimmen“ zu Hochhut „überhört oder verächtlich gemacht, und in den vier Jahrzehnten danach waren die Stimmen jener Historiker, die die Wahrheit über Pius XII. verbreitet haben, in den Wind gesprochen.“

„Adolph hält es aber

für naiv anzunehmen, der Entschluss

der Bischöfe zu

entschiedenem

Widerstand hätte die Machtposition Hitlers ernsthaft bedroht.

Vielmehr wäre Hitler dann leichter zu dem Entschluss gekommen, „das religiöse Leben innerhalb des

deutschen Volkes

tödlich zu treffen“

Eine Collage aus Walter Adolphs „Verfälschte Geschichte – Antwort an Rolf Hochhut“ (Morus Verlag, Berlin 1963) hat die Bühnenschauspielerin Corinna Kirchhoff in der prächtigen Kulisse der Großen Orangerie in Schloss Charlottenburg vorgetragen. In seiner Einleitung schrieb Adolph, dass Erwin Piscator, der die Berliner Uraufführung am 20. Februar 1963 übernahm, in seinem Vorwort zur Buchausgabe des „Stellvertreter“ „viermal für das Stück den Rang unbestreitbarer wissenschaftlicher Erkenntnisse in Anspruch nimmt. Er schreibt: ,Hochhut breitet wissenschaftlich erarbeitetes Material künstlerisch aus...‘ Weiter qualifiziert er das Stück als ,episch-wissenschaftlich‘ und ,episch-dokumentarisch‘“. Daran entzündete sich in den folgenden Jahrzehnten die öffentliche Diskussion, nämlich dass Kommentator und Autor des Buchs meinten, die geschichtliche Wahrheit sei nicht Selbstzweck, sondern „nur unanfechtbar begründetes Material für das vernichtenden Urteil über Papst Pius XII.“ Nach Adolph hat Hochhut den Papst aus seiner geschichtsgebundenen Situation herausgelöst und ist somit zu seinen Fehlurteilen gelangt, weil die „Grundlage der Verdammung“ des Papstes auf verfälschter Geschichte beruht. Dazu komme noch die persönliche Aversion, die Hochhut gegenüber Papst Pius XII. gehabt habe. Denn nach Pater Leiber, einst Privatsekretär von Pius XII., sei die Voreingenommenheit Hochhuts so stark, dass dieser von einem „leidenschaftlich, fast krankhaften Widerwillen gegen den verstorbenen Papst erfüllt“ gewesen sei, wie Adolph zitiert. Für Hochhut stand einfach fest, dass Pius XII. an seiner Persönlichkeit gescheitert ist. Hochhut schrieb: „Aber allein die Kenntnis der persönlichen Züge des introvertierten Mystikers Pacelli kann letztlich seine Einstellung gegenüber den Deportanten in den Tod erklären.“

Adolph macht aber auch die stilistischen Ungereimtheiten des „Stellvertreter“ deutlich. Die Gegenspieler des Papstes, wie der Sturmbannführer Dr. Fritsche oder der Chef der deutschen Polizei in Rom, Salzer, seien wohl menschenverachtend dargestellt, aber nicht mit dem Ernst des Programms der Endlösung. „Wenn Hochhut schon auf die Höhe der Auseinandersetzung ausgeht“, schreibt Adolph, „dann muss er Hitler, Himmler, Greisler oder Koch mit klarem Bekenntnis zu ihrer menschenfeindlichen Ideologie auftreten lassen.“ Es sei auch inkonsequent, dass Hochhut allein die Millionen Juden als Zeugen der Anklage gegen den Papst aufrufe, und nicht die 55 Millionen Toten des Zweiten Weltkriegs. Die „Schuld“ des Papstes, der Kirche und Bischöfe hätte dann viel höher angesetzt werden müssen. Wie sehr Hochhut die Geschichte missverstanden hat, zeigt Adolph mit folgendem Zitat des Schriftstellers: „Die Endlösung aber wie die Euthanasie sind nicht als Vergehen einer kriegführenden Macht anzusprechen. Man kann einer Legende zugunsten Hitlers keinen größeren Auftrieb geben, als wenn man seinen Plan, ein ganzes Volk zu vergasen, in den Rahmen der Kriegshandlungen und der damit – leider notwendigerweise – stets und allseits verbundenen Verbrechen einbezieht.“

„Eine wichtige

Gegenstimme zu

Hochhut ist auch das Zeugnis Albrecht von Kessels, damals

Widerstandskämpfer im Kreisauer Kreis. Er kannte die Gefahren des Widerstands gegen Hitler und schrieb, ,auch darf niemand von

seinem Nächsten, im biblischen Sinne

gemeint, erwarten,

dass er Märtyrer werde‘“

Hochhut hat offenbar nicht gesehen, dass die Verbrechen zwar nicht notwendig mit dem Krieg verbunden waren, aber doch erst durch ihn ermöglicht wurden.

Auch die Einschätzung Hochhuts bezüglich des tatsächlichen Einflusses von Bischöfen auf Hitler ist nach Adolph völlig verfehlt. Denn die deutschen Bischöfe standen 1933 vor der Wahl, entweder die staatspolitischen Veränderungen zu berücksichtigen oder die bisherige Ablehnung des Nationalsozialismus mit aller Kraft aufrechtzuerhalten. Adolph hält es aber für naiv anzunehmen, der Entschluss der Bischöfe zu entschiedenem Widerstand hätte die Machtposition Hitlers ernsthaft bedroht. Vielmehr wäre Hitler dann leichter zu dem Entschluss gekommen, „das religiöse Leben innerhalb des deutschen Volkes tödlich zu treffen. Denn er hätte für sich das Argument gewonnen, dass er der Kirche großzügige Angebote unterbreite, die Kirche aber sie abgelehnt hätte. Dann wäre es für Hitler von vornherein leicht gewesen, die Kirche als Feind des Staates abzustempeln und sie zu unterdrücken“. Also konnten die Bischöfe nicht in kompromisslose Gegnerschaft zu Hitler treten, wohl aber in kompromissloser Absage an den „Kern der nationalsozialistischen Ideologie“, was auch für den Papst gilt. Und die Gegnerschaft, die in dieser Absage steckte, hat Hitler auch klar erkannt. Er schob bischöfliche Schreiben immer bedenkenloser zur Seite, je mehr er seine diktatorische Macht ausbaute.

Für die Gefahr, die durch „massiven“ Widerstand seitens der Kirche von den Nationalsozialisten drohte, gibt es genügend Belege. So berichtet Adolph von einem gemeinsamen Hirtenschreiben des holländischen Episkopates, das den Menschen die Augen öffnete für die Verbrechen, die verübt wurden. Aber die Verhaftung und der Abtransport von Juden hörte nicht auf. Vielmehr veröffentlichte am 3. August 1942 der Amtsleiter der NSDAP die Mitteilung: „Wenn die holländischen Bischöfe sich so für die Juden einsetzen, dann müssen wir annehmen, dass die katholischen Juden die schlimmsten sind. Deshalb haben wir uns entschlossen, zuerst die katholischen Juden zu verhaften. Das ist geschehen.“

Eine wichtige Gegenstimme zu Hochhut ist auch das Zeugnis Albrecht von Kessels, damals Widerstandskämpfer im Kreisauer Kreis. Er kannte die Gefahren des Widerstands gegen Hitler und schrieb, „auch darf niemand von seinem Nächsten, im biblischen Sinne gemeint, erwarten, dass er Märtyrer werde“. Und über den Papst urteilte er Jahre nach dem Krieg: „Pius XII., den ich schon als Staatssekretär und 12 Jahre später als Papst gekannt habe, war eine große Gestalt, die allerdings, das war damals meine Überzeugung und ist es auch heute, unter der Gewissensnot fast zusammenbrach. Er hat, ich weiß es, Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat um die Antwort gerungen. Keiner konnte ihm die Verantwortung für diese Antwort abnehmen. Wer kann heute, 20 Jahre danach, behaupten, der Papst habe die falsche Antwort gefunden, als er dem Märtyrertum auswich? Und wer darf, selbst wenn die Antwort des Papstes wirklich falsch gewesen sein sollte, den ersten Stein auf ihn werfen?“ Hochhut aber hatte nach Adolph nicht die Argumente, um auf von Kessel überzeugend zu antworten, weil er die historische Lektion nicht verstanden habe. Die Lesung endete mit dem Zitat Adolphs: „Mir ist kein Anspruch der Kirche bekannt, nach dem sie für Vergangenes, Gegenwart und Zukunft erhofft, durch ihr Wort einen Tyrannen von seinem verbrecherischen Tun zurückzuschrecken.“

Die Schauspieler Friedhelm Ptok und Frank Arnold brachten nach der Lesung das „Spiegel“-Gespräch mit Rolf Hochhut, das 1963 unter dem Titel „Mein Pius ist keine Karikatur“ erschien, auf die Bühne. Das war auch durchaus angemessen, weil das Interview von hoher Dramatik war. Es war das Gespräch, in dem Hochhut den zentralen Satz aussprach: „Hitler war nicht der Amokläufer um jeden Preis, zu dem man ihn heute macht.“ Auch in dem Gespräch mit dem Magazin „Der Spiegel“ wird deutlich, dass Hochhut nicht die nötige Perspektive eingenommen hat, um die historischen Fakten zu beurteilen. Über sich selbst sagte er: „Als Protestant bin ich natürlich ein schlechter Advokat der katholischen Kirche. Es ist ohnehin ein Schönheitsfehler, dass ich nicht katholisch bin. Eigentlich kann man Pius XII. nur gerecht beurteilen aus der Sicht der katholischen Kirche.“

Hochhut hat damals nicht in den Archiven des Vatikan nachgeforscht, um sein Stück fundiert schreiben zu können. Auf die Frage, ob er überhaupt ohne den Besuch Roms mit seinen bisherigen Quellen das Drama hätte schreiben können, antwortete er: „Mit denselben Quellen schon, ja.“

„Hochhut: Ich war drei Monate dort und habe mir auch zeigen lassen, wo damals die Juden versteckt wurden, wie die Häuser aussahen, die Dachgärten und so

weiter. Das brauchte ich für eine dramatische Szene, die in einem Modesalon unter einem Dachgarten spielt. – Spiegel: Diese Szene ist aber nicht im Stück. – Hochhut: Die habe

ich später wieder

gestrichen“

Er hatte den Vatikan nur besucht, um die Atmosphäre besser schildern zu können. Dem „Spiegel“ sagte er: „Ich war drei Monate dort und habe mir auch zeigen lassen, wo damals die Juden versteckt wurden, wie die Häuser aussahen, die Dachgärten und so weiter. Das brauchte ich für eine dramatische Szene, die in einem Modesalon unter einem Dachgarten spielt. – Spiegel: Diese Szene ist aber nicht im Stück. – Hochhut: Die habe ich später wieder gestrichen.“ Immerhin ist Hochhut aufgefallen, „dass gerade die Juden in Rom der Meinung sind, der Papst habe sehr viel für sie getan.“ Daraus aber hat der Schriftsteller keine Konsequenzen gezogen. Auch hat Hochhut nicht Pater Leiber, den Privatsekretär von Pius XII., gefragt, obwohl er von ihm wertvolle Informationen hätte bekommen können. Stattdessen hat er sich auf das Werk von Reitlinger „Endlösung“ als Hauptquelle für sein Drama gestützt und fügt hinzu: „Von diesem Werk sagt man heute, es habe viele Fehler und sei stellenweise überholt ... Weiterhin bleibt es aber meines Erachtens das Standardwerk zu diesem Thema.“

Es ist auch symptomatisch für Hochhuts Geschichtsänderungen, dass er das Wort von der „brennenden Sorge“ gemäß der Enzyklika Pius XI. dem nachfolgenden Papst in den Mund legt, aber im Sinne der „brennenden Sorge“ um „Fabriken, Kraftwerke, Bahnhöfe und Talsperren“, wie ihm der „Spiegel“ entgegenhält. Hochhut weicht aber nur aus: „Das ist halb und halb absichtlich geschehen. In erster Linie ist es eine stilistische Frage. Soll man die Leute in Versen oder in freien Rhythmen oder in stark rhythmisierter Prosa sprechen lassen? Wer mehrfach mit höheren Geistlichen gesprochen hat, der weiß, dass sie nicht in Prosa, sondern stilisiert sprechen.“ Dass sich Hochhut am Ende des Interviews auf den Zuspruch von Hans Werner Richter und Günter Grass beruft, ist ebenfalls kein Qualitätsmerkmal des Stücks. Schließlich sagt der Interviewte, dass er keinen Grund sieht, das Stück irgendwie zu ändern.

Dass die öffentliche Meinung in diesen Wochen umgeschlagen ist und Papst Pius XII. endlich gerecht wird, zeigt Rolf Hochhut nun endgültig als „einen Mann von gestern“, wie Ingo Langner zu Beginn der Matinee sagte.

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