„Georgien -: Made by Characters“

Die uralte, von christlicher Tradition geprägte Kulturnation Georgien ist Gastland der Frankfurter Buchmesse. Von Gerhild Heyder
Davit Gabunia
Foto: Foto | Drei Charaktere der Frankfurter Buchmesse: Die georgischen Schriftsteller (von links) Aka Morchiladze, Davit Gabunia und Lewan Berdsenischwili.s: dpa

Georgia – Made by Characters“: Das Motto Georgiens als Gastland auf der Frankfurter Buchmesse 2018 klingt auf den ersten Blick sehr allgemein. Nähert man sich jedoch der Literatur des kleinen transkaukasischen Landes, das an der Grenze zwischen Europa und Asien liegt, stellt man fest, dass das Motto tatsächlich zutreffend ist. Die uralte, von christlicher Tradition geprägte Kulturnation hat sich ihre Individualität trotz diverser politischer und kultureller Einflüsse bewahrt.

Die derzeit bekannteste georgische Schriftstellerin, die 1983 in Tiflis geborene Nino Haratischwili, lebt in Hamburg und schreibt auf Deutsch, sie wird zusammen mit Aka Morchiladze die Frankfurter Buchmesse eröffnen.

Ihr letzter Roman „Die Katze und der General“ steht auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2018. Das Werk setzt sich eindrücklich mit dem Tschetschenienkrieg auseinander. Im Sommer 1994 träumt die junge Nura von einem selbstbestimmten Leben. Nur ein Jahr später gerät sie in die Gewalt marodierender russischer Soldaten. Die Autorin befasst sich aber nicht mit dem Opfer, sondern mit einem der Täter, dem Ästheten Malisch, der unter dem Druck seiner Mutter und der politischen Umstände Soldat wird und mehrfach Schuld auf sich lädt. Ein Buch antiker Dimension über Schuld und Sühne, universal gültig für alle Kriegsregionen der Welt.

Der zweite Hauptredner in Frankfurt, der 1966 in Tiflis geborene Aka Morchiladze, ist einer der meistgelesenen Autoren Georgiens. Sein Roman „Der Filmvorführer“ handelt von einer Freundschaft in Zeiten der Umbrüche. Von einem Tag auf den anderen verschwindet der junge Beso aus Tiflis. Er lässt Aufzeichnungen zurück, die vom Aufwachsen in den 1970er Jahren im ländlichen Georgien erzählen und von der Freundschaft mit dem viel älteren Sultanow, einem aus seinem Reich vertriebenen Fürsten, der sein einsames Dasein als Filmvorführer fristet. Beso wird zum Militärdienst nach Afghanistan geschickt. Nur dank eines geheimnisvollen Zettels, den Islam ihm mitgegeben hat, überlebt er und kehrt zurück in seine Heimatstadt, wo er sich seinen Platz in einer sich zwischen Tradition und Neuerung verändernden Gesellschaft suchen muss, die bereits von den Umwälzungen der Perestroika erfasst wird. Morchiladze erzählt auf wenigen Seiten die geheimnisvolle Geschichte einer ungleichen Freundschaft, die uns in das Georgien der 70er und 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts versetzt, in eine fremde Welt am Scheideweg.

Heiliges Dunkel – Humor und Ironie im Gulag

Eine besonders ungewöhnliche Form der eigenen Vergangenheitsbewältigung gelingt dem 1953 in Batumi geborenen Lewan Berdsenischwili in seiner autobiografischen Geschichte „Heiliges Dunkel. Die letzten Tage des Gulag“. Von 1984 bis 1987 war er als politischer Häftling wegen „antisowjetischer Agitation und Propaganda“ in einem Gefangenenlager in Mordwinien inhaftiert, und er schafft den Balanceakt, aus den Gräueln des Erlebten mit Humor und Ironie eine Welt zu schaffen, die sich auf die Eigenarten seiner Mithäftlinge konzentriert, auf den Zusammenhalt einer Schicksalsgemeinschaft, die an eine unfreiwillig zusammengekommene Wohngemeinschaft erinnert.

17 Kapitel, beginnend in einem amerikanischen Hospital mit dem zwischen Leben und Tod schwebenden Autor, dem plötzlich klar wird, dass er über seine Erfahrungen schreiben muss und sich mit dieser selbstgestellten Aufgabe ins Leben zurückkämpft, endend mit ihm selber und seiner Rolle in der Gulag-Welt. Dazwischen liegen die 15 Schicksale seiner Mitinsassen (darunter auch sein jüngerer Bruder). Es erschließt sich der Kosmos eines eigenen Universums mit höchst individuellen Bewohnern, die gezwungen sind, miteinander auszukommen.

Berdsenischwili charakterisiert sie trefflich in ihren Eigenarten, Begabungen, Schwächen und ihrem Verhältnis untereinander, und wir als Leser lernen etwas über Literatur, Mathematik, Chemie, Physik, das Schachspielen, Fußball, politische Visionen, Utopien und Religion. Schwankend zwischen Lachen und Weinen. „Sollte Gott noch einmal in Menschengestalt auf der Erde auftauchen, wird er sicher einer von uns, einer aus dem anderen Ufer sein.“ Das „andere Ufer“ ist der Lebensraum einer vollständig anderen Welt, die der Debütroman „Das dritte Ufer“ des 1982 in Tiflis geborenen Luka Bakanidze beschreibt, eine Welt der Verlorenen am Rande der Gesellschaft, am Abgrund des Lebens, Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre. Und doch gibt es auch hier, bei den „Karussellleuten“ – den Obdachlosen, Drogensüchtigen, Aidskranken, Straßenmusikern eine „Familienzugehörigkeit“, Verantwortung, Liebe und Hoffnung. Der gestrandete Ex-Student Gioland und seine Freunde – ein Gitarrist und ehemaliger Krimineller, tiefgläubiger Christ, eine Tattoo-Künstlerin und ein Aidskranker, ein sechsjähriges kleines Mädchen, um das sie sich alle kümmern, leben auf der Straße, mit allem, was gerade so da ist. Das klingt alles nicht besonders sympathisch und auch nicht neu und ist doch eines der lesenswertesten Bücher des georgischen Herbstes.

Ruska Jorjoliani, 1985 in Mestia geboren, lebt in Palermo und hat ihren ersten Roman „Du bist in einer Luft mit mir“ (der Titel stammt aus einem Gedicht von Boris Pasternak) auf Italienisch geschrieben. Es ist eine nicht ganz unkomplizierte Spielart der Vergangenheitsbewältigung, die offenbar auch die nachkommende Generation beschäftigt: Wir befinden uns zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Zwei Kindheitsfreunde machen von klein auf alles gemeinsam, bis der eine den anderen verrät. Eine Tat, die nicht nur ihr Schicksal, sondern auch das ihrer beiden Söhne besiegelt. Die Autorin (beeinflusst von den großen russischen Dichtern Pasternak, Puschkin, Turgenjew) erzählt, alles leichtfüßig miteinander verbindend, von den Wechselfällen der Geschichte: von der Zarenzeit, der russischen Revolution, Lenin, Stalin und der Sowjetunion. Immer mit der Frage im Hintergrund, die alle umtreibt, die mit Diktatur und Terrorregime konfrontiert waren: wie kommt man dazu, Verrat zu üben, warum lässt man die Unterdrückung zu? Kann es Vergebung geben?

Ganz in der Gegenwart befindet sich der Roman des 1982 in Poti geborenen Davit Gabunia, der mit „Farben der Nacht“ die Geschichte von Surab, einem arbeitslosen Vater von zwei Kindern erzählt, der aus Langeweile den neu eingezogenen Nachbarn erst beobachtet und dann schließlich die Geschehnisse in der gegenüberliegenden Wohnung fotografiert. Immer tiefer gerät er in den Bann eines fremden Lebens. Der Nachbar empfängt nachts einen Liebhaber, in dem Surab einen (verheirateten) hohen Staatsbeamten erkennt. Es ist die Zeit zwischen dem 18. August und dem 22. September 2012, in dem sich ein Machtwechsel in Georgien vollzieht. Surab schaut zu und fühlt sich abgehängt vom Leben, unfähig teilzunehmen.

Die fantastische Erzählkunst übernehmen die georgischen Frauen. „Die Stadt auf dem Wasser“ von der 1986 in Kutaisi geborenen Salome Benidze verbindet Realistisches mit Magie, Alltägliches mit Märchenhaftem. Es sind einzelne Geschichten von Frauen, ihrer Liebe, dem Tod, Identität und Zerstörung, die aber alle miteinander verbunden sind durch ein geheimes Band und das Wasser, das sie alle umgibt. Erzählte Dichtung, sehr hübsch illustriert mit Zeichnungen von Tatia Nadareischwili, bei der erst am Ende alle Mosaiksteinchen ineinander fallen und ein poetisches Gesamtbild ergeben.

Der Zauber des miteinander Verwobenen

Auch die Erzählungen der 1978 in Tiflis geborenen und seit 1999 in Deutschland lebenden Iunona Guruli, die als Übersetzerin bekannt wurde, versprühen den Zauber des miteinander Verwobenen. Der Titel „Wenn es nur Licht gäbe, bevor es dunkel wird“ lässt schon vermuten, dass es sich nicht um heitere Episoden handelt. Die düsteren Geschichten hängen alle zusammen, sie kreisen um eine junge verlorene Frau, die versucht, ihrer Drogensucht zu entkommen, sie gehen zurück in eine schreckliche Vergangenheit, in ein Kindheitstrauma aus dem Krieg, das dieses junge Mädchen nicht loslässt und das ihr Leben für immer zerstört hat. Zwar scheint manchmal ganz zaghaft ein leiser Hoffnungsschimmer auf, Erinnerungen an Märchen, die der verlorene Vater erzählt hat und die sie durch die Dunkelheit führen – er kann sich nicht durchsetzen, zu tief sind die Wunden.

„Bittere Bonbons“ versammelt in verschlungenen Erzählsträngen Geschichten von 13 jüngeren georgischen Autorinnen, herausgegeben von der Übersetzerin Rachel Gratzfeld. Sie stammen aus allen Regionen Georgiens und sind alle nach 1968 geboren. Bestimmend sind die Themen Natur, Heimat (vor dem Hintergrund der wechselvollen Geschichte ihres Landes), selbstbestimmtes Leben, Tradition und Familie, Träume und Desillusion. Alle Geschichten sind mit ihrer üppigen Bildsprache für westliche Leser ungewohnt und öffnen die Tür in ein fremdes Land, das zur Entdeckung einlädt.

Die Lektüre der immer anspruchsvollen und ernsthaften Literatur lässt nur einen Schluss zu: in die Reihe der bekannten „kleinen" europäischen Länder mit „großen“ Schriftstellern, hier seien nur pars pro toto die Niederlande genannt, gehört jetzt auch Georgien.

– Nino Haratischwili: Die Katze und der General. Frankfurter Verlagsanstalt 2018, 750 Seiten, EUR 30,–

– Aka Morchiladze: Der Filmvorführer, aus dem Georgischen von Iunona Guruli. Weidle Verlag, Bonn 2018, 140 Seiten, EUR 19,–

– Lewan Berdsenischwili: Heiliges Dunkel. Die letzten Tage des Gulag. Deutsch von Christine Hengevoß. Mitteldeutscher Verlag, Halle 2018, 264 Seiten, EUR 25,–

– Luka Bakanidze: Das dritte Ufer, aus dem Georgischen von Katja Wolters. Klak Verlag, Berlin 2018, 284 Seiten, EUR 16,90

– Ruska Jorjoliani: Du bist in einer Luft mit mir, aus dem Italienischen von Barbara Sauser. Edition Blau im Rotpunktverlag, Zürich 2018, 216 Seiten, EUR 22,–

– Davit Gabunia: Farben der Nacht, aus dem Georgischen von Rachel Gratzfeld. Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2018, 192 Seiten, EUR 20,–

– Salome Benidze: Die Stadt auf dem Wasser, aus dem Georgischen von Iunona Guruli. Aviva Verlag, Berlin 2017, 160 Seiten, EUR 16,–

– Iunona Guruli: Wenn es nur Licht gäbe, bevor es dunkel wird, aus dem Georgischen von der Autorin. btb Verlag, München 2018, 219 Seiten, EUR 20,–

– Rachel Gratzfeld (Hrsg.): Bittere Bonbons. edition fünf Verlag Silke Weniger, Gräfelfing/ Hamburg 2018, 256 Seiten, EUR 22,–

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