Feuilleton

Genderwahnsinn als Wissenschaft

Was hat Hitler mit dem Feminismus zu tun? Die Wortschöpfungen für die Geschlechter werden immer abstruser. Von Barbara Stühlmeyer
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Foto: dpa | Müssen jetzt neue Worte für Frauen geschaffen werden, um auch schwarze Frauen einzubeziehen? Vertreter der Genderpolitik hatten das gefordert.

Man stelle sich vor, in einer stillen Stunde am heimischen PC zu sitzen, eine heimlich von den Großeltern auf dem Speicher versteckte Ausgabe von „Mein Kampf“ hervorzuziehen und Kapitel 12 zu paraphrasieren. Dabei achte man sorgfältig darauf, hier und da ein paar Modeworte wie Selbstbestimmung, Gender und Feminismus einzustreuen, dem Ganzen einen unverständlichen, aber hipp klingenden Titel zu verleihen, das Elaborat an ein renommiertes Wissenschaftsjournal zu senden und sich schon kurze Zeit später über eine Veröffentlichung zu freuen. Ist das vorstellbar? Die Tatsachen aber sprechen eine andere Sprache.

Denn als James Lindsay, Peter Boghossian und Helen Pluckrose beschlossen, ihre düstere Vorahnung, dass man heute jeden Unsinn veröffentlichen kann, solange er nur unverständlich, aber modern daherkommt, einem Realitätstest zu unterziehen, geschah genau dies. Der Titel ihrer Studie: „My Struggle: Solidarity Feminism as an Intersectional Reply to Neoliberal and Choice Feminism”, was übersetzt: „Mein Kampf: Solidarischer Feminismus als eine intersektionale Antwort auf neoliberalen und Wahl-Feminismus“ bedeutet, klingt jenem Kauderwelsch, den zu sprechen und zu schreiben man den Eleven des Wissenschaftsbetriebes hier und da immer noch abfordert, verdächtig ähnlich. Deshalb fiel – zumal im Englischen – der im deutschen wohl noch eher Reaktionen auslösende Titel „Mein Kampf“ nicht weiter auf. Dass der Text jedoch Unsinn reinster Güteklasse enthielt, aber eben offenbar auch nicht. Das ist bedauerlich, denn dieses krasse Beispiel war nur eines von sieben, mit dem die US Akademiker bewiesen, dass man heutzutage so ziemlich alles auf höchster Ebene veröffentlichen kann, solange es kryptisch formuliert ist, aber mit dem derzeit trendigen Genderthema zu tun hat.

Was aus dem erfolgreich durchgeführten Versuch, Unsinn salonfähig zu machen, gefolgert werden kann, liegt auf der Hand. Die Sucht nach Selbstbestimmung und Selbstdefinition zeigt ihre Folgen in Form einer geradezu babylonischen Sinnvernebelung. Wir verstehen unsere eigene Sprache nicht mehr. Und nicht nur das. Unser Unabhängigkeitsstreben hat uns am Ende jene Freiheit gekostet, aufgrund derer wir alle Bindungen an Werte, Normen oder Vorgegebenes gekappt haben. Genau jener Freiheitsverlust lässt sich derzeit an den Universitäten und im Forschungsbetrieb allenthalben beobachten. Denn obwohl, wie Lindsay in seinem Kommentar zu dem besorgniserregenden Vorfall anführt, „das Studium von Themen wie Gender, Rasse und Sexualität wichtig ist …, ist ein Problem, wie diese Themen studiert werden. Denn es sind nur ganz bestimmte Schlussfolgerungen erlaubt. In dem Feld, mit dem wir uns beschäftigten, wurden soziale Vorannahmen über die objektive Wahrheit gesetzt.“ Das heißt konkret: Wenn die Ergebnisse der Genderlobby nicht in den Kram passen, wird so lange Druck gemacht, bis der Artikel zurückgezogen, das Thema vom Vorlesungsplan gestrichen wurde oder der Professor seinen Lehrstuhl verlassen hat.

Die Blüten, die der Genderwahnsinn treibt, werden immer bunter. So ist es in bestimmten feministischen Kreisen beispielsweise politisch nicht mehr korrekt, das englische Wort für Frau, woman, zu verwenden. Der Grund liegt für die Vertreter sprachlicher Genauigkeit auf der Hand. Woman, so meinen sie, schließe alle farbigen Frauen aus. Nicht so womxn. Man könnte diese neue Wortschöpfung für einen Witz halten, wäre sie nicht mit genau diesem Argument im Rahmen einer Ausstellung des Wellcome Trust, einer gemeinnützigen Treuhand in London, in dessen Museum verwendet worden und wofür es sich entschuldigen musste. Dass die Annahme, farbige Frauen seien nicht mitgemeint, wenn man sie Frauen nennt, ist rassistischer Unsinn, fiel dabei offenbar nicht auf. Wer dies behauptet, dem wird schnell Hassrede unterstellt. In England gilt inzwischen sogar der Lexikon-Eintrag zum Wort Frau, der diese als erwachsene weibliche Person bezeichnet, als hasserfüllt. Bemerkenswert ist allerdings: die Bemühungen um Gendergerechtigkeit finden einseitig auf dem Gebiet der Frauen statt. Denn bislang wartet man – gottlob – vergeblich auf eine Bewegung, die sich für die Einführung des Begriffes mxn für Männer einsetzt, weil dies die einzig inklusive Form sei.

Wie weit der Verlust der freien Rede inzwischen geht, zeigt sich auf dem Gebiet des Humors. Denn er ist beim Thema Gender nur noch denjenigen erlaubt, die für sich beanspruchen, den derzeitigen Mainstream, die einzige wahre aufgeklärte Meinung zu vertreten. Man darf sich nach Kräften über alle lustig machen, die von ihrem Standpunkt abweichen, reagieren aber mit aggressiver Entschiedenheit, sobald sie selbst in den Fokus von Karikaturisten oder Satirikern geraten. Dies nachzuweisen gelang dem Team um Lindsay mit der ebenfalls erfolgreich eingereichten Fake-Studie „When the Joke is on You: A Feminist Perspective on How Positionality Influences Satire – Wenn der Witz auf deine Kosten geht: Eine feministische Perspektive zur Beeinflussung der Satire durch den persönlichen Standpunkt“, die es ebenfalls in ein Wissenschaftsmagazin schaffte.

Nun möchte man meinen, dass den Chefredakteuren und ihren Teams diese Angelegenheit ziemlich peinlich sei und sie umgehend versichern würden, dass sie ab jetzt alles daran setzen wollten, die Veröffentlichung solcher Fakestudien in Zukunft zu vermeiden. Doch weit gefehlt. Als die Times Tracy Roberts, den Direktor von Tailor&Francis, dem Eigentümer mehrerer dieser Journale, zu dem Vorfall befragte, beklagte der nur, durch das Lesen und Beurteilen der angeblichen Studien sei kostbare Zeit von Mitarbeitern verschwendet worden. Dass die offenkundig zu dumm waren, um den Betrug zu bemerken, war für Tracy Roberts kein Thema.

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