Gemeinsame Askese für die Passion

Als Richard Wagner seinen Kunsttempel in die schlecht erreichbare oberfränkische Provinz baute, hatte er nicht zuletzt von Oberammergau gelernt, dass man, will man auratische Unwiederholbarkeit garantieren, die Kunst nicht breit in die Großstädte streuen darf, sondern die Großstädter zur Pilgerschaft nötigen muss. Nachdem aber Wagner nun sowieso fast überall gespielt wird, hilft die neue Bayreuther Leitung mit Public Viewing und Internet-Livestream im Namen von Transparenz und Jeden-mitnehmen-Wollen dem absehbaren Ende des Mythos wenigstens gründlich selber nach.

„Weil Oberammergau von der Welt im Grunde ziemlich wenig wissen will, pilgert die Welt alle zehn Jahre nach

Oberammergau“

Oberammergau ist da anders, sehr anders: Von Public Relation spürt man hier wenig, dafür aber zwischen den mit Heiligenfiguren vollgestopften Holzschnitzerwerkstätten und dem weithin sichtbaren Gipfelkreuz des Hausbergs Kofel viel von alltäglicher Frömmigkeit.

Nichts könnte exklusiver sein als die Passionsspiele: Mitzuspielen ist für kein Geld der Welt käuflich, und das Auskarteln der Rollen und die Organisation hunderter Probenstunden unter arbeitenden Menschen sind für Außenstehende immer noch vollkommen intransparent. Weil Oberammergau von der Welt im Grunde ziemlich wenig wissen will, pilgert die Welt alle zehn Jahre nach Oberammergau. Auch weil hier keine Kunstreligion verhandelt wird, sondern der einzige wahre Mythos. Weil diese redlichen Handwerker schon gespielt haben, als noch niemand zusah. Weil die Passion Gottesdienst ist, nicht Menschenvorführung. Weil sie's nun einmal gelobt haben anno 1633, die Oberammergauer, dass, wenn keiner mehr stürbe an der Pest, man zehnjährlich darstellen würde mit allen verfügbaren Kräften das Leiden und die Auferstehung des Herrn. Oberammergau, dieses basisdemokratische, von einem jahrhundertealten Gelübde besessene bayerische Dorf ist der letzte mythische, auratische, durch und durch sakrale Ort der westlichen Hemisphäre.

Ein Jahr vor dem Großereignis hört man schon viel Amerikanisch und Italienisch in den Gassen, auch die internationale Presse ist schon da. Dabei ist im Passionsspielhaus nur „Die Pest“ zu sehen, das traditionelle Vorspiel zur Passion. Das „Spiel vom Oberammergauer Passionsgelöbnis“ ist zwar deutlich jünger als die Passion, aber ebenso kultisch gedacht: Es erzählt, wie der Schisler Kaspar die Pest von Eschenlohe nach Oberammergau brachte.

Wie die Ätiologie am Ende jedes griechischen Dramas, das auch Theater aus dem Volk für das Volk war, versichert das Pestspiel die Gemeinschaft in der gemeinsamen Askese auf die Passion hin der historischen Begründbarkeit ihres Mythos. Indem die Hauptdarsteller der kommenden Passion und hundertfünfzig weitere Oberammergauer die Geschichte ihrer Vorfahren spielen, beglaubigen sie einander und der Welt, dass sie als redliche Bürger nicht einfach aus kreativem Überschwang das heilige Geschehen schauspielern wollen, sondern dass die Toten der Pest und der letzten 376 Jahre ihnen dabei Kredit geben.

Das ändert nichts daran, dass das Pestspiel selbst doch viel kreativen Überschwang enthält, der unter anderen Umständen ziemlich unverdaulich wäre. Der Text vermischt in der mehrfachen Überarbeitung nach Martin F. Wall Shakespeare mit Mysterienspiel, Büchner mit Symbolismus und reiht aus dem Kontext gerissene Bibelzitate an bedeutungsschwangere Sentenzen. Abstruserweise enthält das Stück sogar reichlich moderne Kirchenkritik: Der Schisler Kaspar als Ammergauer Holzschnitzer vermag nicht mehr an die von ihm gefertigten Standardkruzifixe zu glauben, und der Pfarrer des Ortes ist ein von Sündenwahn, Hexenglauben und Teufelsseherei besessener Fanatiker, der die durch die Pest ausbrechende Hysterie nur verschlimmert.

„Christian Stückl ist

aktuell einer der ganz wenigen Regisseure,

die dem Überlieferten

pralles, kraftvolles

Leben zu geben

vermögen“

Bis schließlich das pfarrerlose Dorf als Gemeinschaft einsieht, dass nicht Gott sie, sondern sie Gott vergessen haben. Enorm charismatisch spielt Andreas Richter den Pfarrer, der sich als einer der beiden Jesus-Darsteller des kommenden Jahres damit deutlich zu einem herrscherlichen Christus prädestiniert. Um die sanften Farben, die rollengemäß hier noch zu kurz kommen, wird man sich wohl auch keine Sorgen machen müssen: Richter ist „im realen Leben“ Psychologe. Der zweitbesetzte Frederik Mayet in der Rolle eines Totengräbers kämpft dagegen noch damit, dass man im 5 000 Plätze großen Passionsspielhaus stets klassisch laut sprechen muss – was älteren Oberammergauern meist grandios gelingt – und sollte in der Hauptrolle des nächsten Jahres darüber nicht die Differenzierungsmöglichkeiten vergessen.

Dass der krude Text kaum zu Buche schlägt, ist vor allem das Verdienst des grandiosen Oberammergauer Theaterbildermachers Christian Stückl. Stückl hat Oberammergau in den letzten Jahren viel Traditionsverlebendigung zugemutet, hat die Aufführungszeit per Volksentscheid bis in den Abend hinausgeschoben und mit einem leichten Jugendwahn bei seinen Besetzungen für ziemlichen Ärger gesorgt. Stückl pokert hoch: Er weiß sehr genau, dass er unersetzlich ist. Und stellt es im Pestspiel erneut unter Beweis. Vom erdüberschütteten Friedhofsboden über die fackel- und mistgabelbewehrte Meute bis zu Pestfeuern und Räucherpfannen klassisches Mittelalter-Düsternis-Setting zwischen „Das siebente Siegel“ und „Der Name der Rose“.

Doch bei Stückl erscheinen die alten Bilder höchst lebendig, voll von packender atmosphärischer Dichte, schlicht: richtig. Christian Stückl ist aktuell einer der ganz wenigen Regisseure, die dem Überlieferten pralles, kraftvolles Leben zu geben vermögen. Die Spannungsbögen sind perfekt, die Massenszenen ein Organisationswunder.

Ein Wunder ist wohl dieses ganze Oberammergau: Für die Erfüllung seines Gelübdes ist es bis hinab in die jüngsten Generationen mit Theatercharakteren gesegnet, wie sie manchem Schauspielhaus Ehre machen würden.

Da ist zum Beispiel Maximilian Stöger, eigentlich auch er deutlich zu jung für den Petrus, und doch in seiner männlichen Kernigkeit, seiner wahrhaft felsenhaften Schnörkellosigkeit schon klar der Fischer aus Galiläa. Während Benedikt Geisenhof über zerbrechliche Innigkeit und Reflexion für den Johannes verfügt, muss man angesichts Martin Schusters komischer Begabung fast bedauern, dass er dieselbe Rolle spielt. Anton Burkhart, der Christus der Passion 2000, beweist als Kaspar Schisler, dass er neben immer noch fesselnder Führungskraft inzwischen auch über die undurchschaubare Abgründigkeit für den Kaiphas des nächsten Jahres verfügt.

„Für jede Facette im Spiel scheint Oberammergau, das immer noch ein Dorf von

Handwerkern ist, den

notwendigen Typ

bereitstellen zu können“

Andrea Hecht lässt mit einem großen Schmerzensausbruch erahnen, dass sie neben Ursula Burkhart, die die Rolle bereits zweimal gespielt hat, eine ergreifende Mater Dolorosa sein wird.

Für jede Facette im Spiel scheint Oberammergau, das immer noch ein Dorf von Handwerkern ist, den notwendigen Typ bereitstellen zu können: Christian Bierling, schon als Dorfvorsteher im Pestspiel ebenso autoritär wie von Unsicherheit geplagt, ist die absehbar perfekte Pilatus-Besetzung, und Barbara Dobner als Maria Magdalena wird zumindest unter männlichen Zuschauern für leichte Fokusprobleme sorgen.

Auf die Passionsspiele im nächsten Jahr darf man sich sehr freuen. Bewaffnet mit einer vierhundert Jahre alten Tradition ist Oberammergau auch ganz ohne Breitenmarketing „hervorragend aufgestellt“.

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