Gemeinsam statt nur halb-stark

Wäre die Gründung eines neuen Jugendsenders für ARD und ZDF ein Befreiungsschlag? Von Max-Peter Heyne
Foto: dpa | Das ZDF dreht immer wieder mal Filme für Kinder, wie hier „Ein Engel für alle“; aber lassen sich Jugendliche, die sonst im Internet sind, wieder an das Fernsehen binden?
Foto: dpa | Das ZDF dreht immer wieder mal Filme für Kinder, wie hier „Ein Engel für alle“; aber lassen sich Jugendliche, die sonst im Internet sind, wieder an das Fernsehen binden?

ZDF Enterprises, die vor allem für die weltweite Vermarktung der verschiedenen ZDF-Programmmarken zuständige Tochtergesellschaft des ZDF, wird mit einer neuen Organisationsstruktur versehen. Wie der Sender am Dienstag mitteilte, wird das gesamte operative Geschäft künftig in vier Bereiche aufgeteilt, die jeweils für bestimmte Genres stehen: ZDFE.junior meint das Kinder- und Jugendprogramm, ZDFE.drama die Serien und Fernsehfilme, ZDFE.factual die Dokumentationen und ZDFE.entertainment Shows, Musik- sowie Sportsendungen. Damit soll das umfangreiche Programmangebot des ZDF an Spielfilmen, Reportagen und Serien international noch erfolgreicher vermarktet werden.

Doch nicht nur bei der Tochterfirma des ZDF wird eifrig umstrukturiert: Hinter den Kulissen wird in vielen Redaktionen des Mainzer Senders personell und redaktionell gebastelt, wuseln Mitarbeiter von einer Strategiekonferenz in die nächste. Zum Teil mit demselben Ziel wie bei ZDF Enterprises: Der Sender soll fit gemacht werden für eine zunehmend zerfaserte Medienlandschaft, in der nur noch einige einzelne Sendungen wie „Wetten, dass...?“ wirkliche Massenveranstaltungen sind. Zwar konnte das ZDF im vergangenen Jahr gegenüber den Konkurrenten die durchschnittliche Tageseinschaltquote steigern und hinter dem unangefochtenen Dauersieger RTL Platz 2 ergattern. Doch sorgte dafür ein Publikum, von dem man prozentual längst schon genug hat: die Senioren. Das Durchschnittsalter bei vielen ZDF-Sendungen liegt deutlich über 60 Jahre – durchschnittlich wohlgemerkt! Dass große Teile der Werbewirtschaft an diesen Zuschauern kein Interesse hat und entsprechend wenig Spots schaltet – darauf haben sich die finanziell noch immer ausreichend gepolsterten öffentlich-rechtlichen Anbieter längst eingestellt. Und doch ist eine schleichende Vergreisung des Publikums gleichbedeutend mit einer wirtschaftlichen Perspektivlosigkeit. Noch dazu stehen ARD und ZDF unter dem Druck, innerhalb weniger Jahre die Vorgaben der Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten, kurz KEF genannt, einzuhalten und im großen Umfang Personal abzubauen, ohne die verfassungsrechtlich verankerte Grundversorgung mit Information und Unterhaltung zu gefährden. Was also tun?

Zwei entscheidende Schritte zur Stabilisierung der wirtschaftlichen Basis haben die öffentlich-rechtlichen Sender – unter zähneknirschender Zustimmung der Medienpolitiker – bereits getan: Zum einen verlangen sie neuerdings Pauschalgebühren selbst von denjenigen, die ihre Programme gar nicht nutzen. Zum anderen haben sie bereits im letzten Sommer die Verträge mit den großen Kabelnetzbetreibern in Deutschland aufgekündigt, was bis zu 60 Millionen Euro jährlich sparen hilft. Denn bisher mussten die Sender eine im internationalen Vergleich relativ hohe Gebühr für das Einspeisen der Programme in die Kabelnetze zahlen, obgleich die Netzbetreiber – darunter der Branchenriese Kabel Deutschland – aufgrund der geltenden Rundfunkstaatsverträge und entsprechender Länderbestimmungen dazu verpflichtet sind, Netzkapazitäten für die Grundversorgung durch ARD und ZDF freizuhalten. Freilich wurde nie ein genauer Betrag genannt, aber dass auf Einspeisegebühren komplett verzichtet werden kann, wollen die großen, aber auch kleineren Kabelbetreiber nicht einsehen. Sowohl das eine – die Pauschalgebühr – wie das andere – die ersatzlose Kündigung von Kabelverträgen – sind medienpolitisch umstritten und beschäftigen derzeit eine Vielzahl von Anwälten. Gut möglich, dass die öffentlich-rechtlichen Sender jeweils mit einem blauen Auge davon kommen, selbst wenn die höchste gerichtliche Instanz des Landes sich mit diesen Fragen beschäftigen müsste.

Das Problem der Abwanderung der jüngeren Zuschauer bleibt von all dem unberührt und insofern ist für die im letzten Sommer relativ plötzlich verkündete Einstellung altgedienter, in absoluten Zahlen recht erfolgreicher ZDF-Serien wie „Der Landarzt“ das Desinteresse der Jugend an den Mainzern als Grund zu sehen. Auch andere geplante Änderungen im Gesamtprogramm, etwa die Ausdehnung bestimmter Themen auf mehrere Sendungen, sollen das angestaubte Image des ZDF aufpeppen – mindestens. Idealerweise sollen damit auch tatsächlich jüngere Zuschauer angesprochen werden, die nicht mehr nur zu den Privaten, sondern immer mehr ins Internet abwandern, wo sie ihre Interessen eher berücksichtigt sehen. Um die Generation YouTube und Facebook wieder stärker für die öffentlich-rechtlichen Programme zu interessieren, verfolgt auf Seiten der ARD vor allem der Intendant des SWR, Peter Boudgoust, die Initiative eines Jugendkanals. Dieser soll zusammen mit dem ZDF aufgebaut und mit Programm bestückt werden, was inzwischen als sicher gilt, auch wenn die Verantwortlichen des ZDF sich bislang bedeckt halten, insbesondere was den Zeitplan betrifft.

Boudgoust hat es eiliger, vor allem weil die digitalen Spartensender der ARD wie Eins Festival, Eins Extra und Eins Plus – der vom SWR verantwortet wird – sich zu Problemkindern entwickelt haben: Eins Plus erzielt bei relativ hohen Kosten von rund sieben Millionen Euro kaum messbare Quoten, was auch, aber nicht nur an der eingeschränkten Empfangbarkeit des Nischensenders liegt. Das unvorteilhafte Profil, lediglich Abspielstationen und Resteverwerter für ARD-Programme zu sein, muss abgeschüttelt werden, wenn solche Zusatzsender überhaupt noch einen Sinn haben sollen. Boudgoust weiß, dass auch das ZDF bei einer Fusion eines ihrer Spartenkanäle, etwa ZDFkultur, mit Eins Plus zu einem neuen Jugendsender den Spardruck reduzieren und zugleich an Ausstrahlung – auch im wörtlichen Sinn – gewinnen kann. Allerdings sind ZDFneo, ZDFinfo und ZDFkultur eine profiliertere Gruppe als ihre ARD-Pendants und vor allem ZDFneo konnte sich bei Jugendlichen als innovative Alternative zum Mutterprogramm etablieren. Allerdings geht das erfolgreiche Moderatorenduo Joko & Klaas zurück zu den Privaten und ZDF-Intendant Thomas Bellut hat schon im letzten Jahr öffentlich die Frage aufgeworfen, „wie viele Digitalkanäle wir stemmen können“. Peter Boudgoust hat das als Wink mit dem Zaunpfahl aufgefasst. Wenn aber ein gemeinsamer Jugendsender noch 2013 erfolgreich an den Start geht, wie will man dann noch verhindern, dass ARD und ZDF dann zu einem reinen Seniorentreff werden?

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