Geld füllt das Konto, Liebe erlöst

„Slumdog Millionär“ inszeniert mit den Mitteln des indischen Kinos ein Menschheitsthema zum Thema Glück

Bei der diesjährigen Oscar-Verleihung (DT vom 24. Februar) räumte er regelrecht ab: „Slumdog Millionär“ gewann insgesamt acht Statuetten, darunter die zwei wichtigsten für „Besten Film“ und „Beste Regie“.

Dass die Mitglieder der Hollywood-Industrie lieber einem in einer fremden Kultur (Indien) spielenden Film als einer Produktion aus dem eigenen westlichen „Lager“ den Vorzug gaben, stellt sich jedoch als Missverständnis heraus. Denn „Slumdog Millionär“ besitzt alle Elemente einer im besten Sinne des Wortes klassischen Kinogeschichte, die überall auf der Welt angesiedelt sein könnte.

Der universale Charakter der Handlung wird bereits durch deren Rahmen deutlich. Das Studiodesign und die Erkennungsmelodie der Sendung „Wer wird Millionär?“ sind mittlerweile in mehr als 100 Ländern der Erde bekannt. Für den Identifikationseffekt spielt keine allzu große Rolle, dass die auf der Leinwand gezeigte Sendung nicht in Hürth bei Köln, sondern in Mumbai stattfindet.

Auf dem Kandidatenstuhl der indischen „Wer wird Millionär“-Sendung sitzt der eher einfältig wirkende Jamal (Dev Patel), der sich bis zur letzten Frage vorgearbeitet hat. Nur noch eine Runde trennt den als Teejungen arbeitenden, ohne jegliche Schulbildung aufgewachsenen Jamal davon, den Hauptpreis von zwanzig Millionen Rupien zu gewinnen. Ausgerechnet in dem Augenblick ist die Sendungszeit vorbei. Weil aber Showmaster Kumar Prem (Anil Kapoor) nicht glauben kann, dass ein „Slumdog“ wie Jamal wirklich fähig sein soll, alle Fragen zu beantworten, lässt er ihn nach der Sendung von der Polizei abholen.

Unter Folter wird Jamal von einem feisten Polizisten verhört. Im Gespräch mit dem Polizeiinspektor (Irrfan Khan) erzählt Jamal mit entwaffnender Einfachheit, wie er die richtigen Antworten wissen konnte. Denn eine jede Frage, die ihm in der Sendung gestellt wurde, ist mit seiner eigenen Lebensgeschichte verknüpft.

So erfährt der Zuschauer in bunten, meistens in ein goldgelbes Licht getauchten Rückblenden, die zur bläulichen Farbenanmutung im Studio von „Wer wird Millionär“ deutlich kontrastieren, Jamals Lebensgeschichte: Nach dem gewaltsamen Tod der Mutter zieht Jamal zusammen mit seinem Bruder Salim und der Freundin Latika durch das Land. Als sich die zwei Brüder knapp aus den Fängen einer Bande befreien können, die Kinder zum Betteln anstiftet, verlieren sie Latika aus den Augen. Aber Jamal kann sie nicht vergessen. Mehrfach wird er im Laufe seines noch jungen Lebens seine große Liebe wiederfinden und sich von ihr trennen. Die Teilnahme an der Quizsendung stellt sich als verzweifelter Versuch heraus, Latikas (Frieda Pinto) Aufmerksamkeit zu erregen.

Das auf dem Roman „Rupien, Rupien“ des indischen Autors Vikas Swarup beruhende Drehbuch von Simon Beaufoy verwebt mehrere Zeitebenen im Leben Jamals. Der hervorragende Schnitt von Christopher Dickens verknüpft geschickt diese episodenhafte Lebensgeschichte mit den zwei weiteren Ebenen, die in der „Jetzt-Zeit“ angesiedelt sind, dem Verhör durch die Polizei und Jamals Auftritt in der Quizsendung.

Regisseur Danny Boyle erzeugt von vorne herein ein Gefühl der Unmittelbarkeit dank der eindrucksvollen Kameraarbeit von Anthony Dod Mantle. Der versierte Kameramann wechselt mit schlafwandlerischer Sicherheit zwischen panoramaartigen Landschaftsaufnahmen und mit Handkamera aufgenommenen Sequenzen klaustrophobischer Enge in den Slums und in den Straßen der Großstadt. Zum betörenden Gesamteindruck von „Slumdog Millionär“ trägt darüber hinaus die beschwingte Musik von Allah Rakha Rahman wesentlich bei.

„Slumdog Millionär“ erzählt letztendlich eine moderne Version von Charles Dickens „Oliver Twist“, wobei insbesondere die Episode mit der bettelnden Kinderbande an Fagins „Klaukinder“ in „Oliver Twist“ auffällig erinnert. Auch der moderne Oliver Twist Jamal hat sich trotz der schrecklichen Erlebnisse in seinem jungen Leben ein gutes Wesen bewahrt, während sein Bruder Salim in die Kriminalität hineingeschlittert ist.

Szenen von brutalem Realismus halten sich mit einer märchenhaften Lebensfreude das Gleichgewicht. In ihrer Wahl zum „Film des Monats“ urteilt die Jury der Evangelischen Filmarbeit: „Im Traum vom Aufstieg vom ,Slumdog‘ zum Millionär spiegeln sich die Wünsche von Millionen nach gesellschaftlicher Teilhabe und individuellem Glück. Die Überzeugungskraft des Films lebt davon, diese Wünsche als Quelle von Gerechtigkeit und Liebe ernst zu nehmen.“ Die Liebe zu Latika gibt Jamal die Kraft, sich aus den ärmlichen Verhältnissen herauszuarbeiten. Erlösung durch Liebe, das Kinothema schlechthin. Diese universale Botschaft macht „Slumdog Millionär“ zu einem außergewöhnlich, zu einem wahrlich großen Film. J.G.

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