Geisterstunde der Wissenschaft: Das Gespenst Galilei geht um

Evolution ja, Evolutionismus nein. Gegenüber einem dogmatischen Anspruch neodarwinistischer Evolutionstheorien, die eine wissenschaftliche Rechtfertigung schuldig bleiben, verteidigt der Erzbischof von Wien, Kardinal Christoph Schönborn, das Wesen der Vernunft, der Vernünftigkeit und der eigentlichen Wissenschaftlichkeit. Der Kommentar Schönborns in der "New York Times" (im Wortlaut in der Tagespost vom 14. Juli) schlug hohe Wellen. Aus verschiedenen Richtungen, vor allem aus dem Lager der "Wissenschaft", wurde den Überlegungen des Kardinals eine schroffe Absage erteilt. Die nicht auszurottende Anklage gegen die Kirche, wissenschaftsfeindlich, ignorant und irrational doktrinär zu sein und so direkt an den "Fakten" willentlich vorbeizuschauen, zieht ihre Kreise. Das Gespenst Galileo Galileis geht um, ein Gespenst, das in seinem ideologischen Missbrauch für jede Zeit und jede Polemik gut herhält - bis sich jemand die Mühe macht, sich über das Stöhnen dieses Gespenstes nähere Gedanken zu machen. Was reizte so an den Worten Schönborns, dass zum Skandal geschrien wird? Wie der Kardinal in einem Interview mit der "New York Times" mitteilte, hat er zwei oder drei Wochen vor dessen Papstwahl mit Joseph Ratzinger über die Haltung der Kirche zur Evolution gesprochen. Dabei habe Schönborn zum Ausdruck gebracht, eine klarere Stellungnahme seitens der Kirche zur Evolutionstheorie verfassen zu wollen. Der damalige Präfekt der Glaubenskongregation habe ihn dazu ermuntert, weiterzumachen. Der Grund hierfür sei gewesen, dass Schönborn seit längerer Zeit über katholische Publizisten und Theologen verärgert gewesen sei, die die Stellung der katholischen Kirche so darstellten, als würde sie die Idee der Evolution als Zufallsprozess gutheißen und ihr so zustimmen. In gewisser Weise trägt der Gedankenanstoß Schönborns also das indirekte Imprimatur des Heiligen Vaters. Schönborn bekräftigt erneut mit Johannes Paul II., dass eine materialistische Philosophie und eine wissenschaftliche These oder Theorie auf der Basis einer materialistischen Einheitslehre der Wahrheit des Glaubens in Bezug auf die Schöpfung entgegensteht. Aus einer derartigen theoretischen Voraussetzung könne es nur zu einem vom Zufall bestimmten materialistischen Evolutionsgedanken kommen. Wenn somit die Kirche das Theorem der Evolution positiv aufnimmt, so nicht innerhalb des Mainstreams der neodarwinistischen und materialistischen Evolutionstheoretiker. Kardinal Schönborn hebt hervor, dass die katholische Kirche gegen moderne wissenschaftliche Reduktionismen, die die überwältigende Ersichtlichkeit des Zweckes und des Plans in der Schöpfung leugnen, die menschliche Vernunft verteidigen wolle. Worum geht es also der Kirche in dieser Auseinandersetzung mit den Wissenschaften? Zum einen darum, die Vernunft nicht zum rein analytischen Instrument der empirischen Wissenschaft verkommen zu lassen. Zum anderen sind die Zuständigkeitsbereiche und die Verwirklichungsmöglichkeiten der Vernunft in ihrem Gesamt zu differenzieren. Dabei ist es nicht zulässig, dass eine einzelne bestimmte Anwendung der Vernunft sich selbst dogmatisch zur einzig richtigen erklärt. Dies wird vor allem dann problematisch, wenn anderen Bereichen ihr Wissenscharakter abgesprochen wird und Wissenschaft nur sich selbst vom jeweils Möglichen her definiert. Eine "dogmatische" Wissenschaft, die nur eine begrenzte Vernunft anerkennt und alles andere aus dem Wirklichen ausschließt, wird zu einer Karikatur ihrer selbst. Seit jeher ist es vornehmste Pflicht der Philosophie zu fragen, wie Erkenntnisprozesse zustande kommen, was der Gegenstand einer möglichen wissenschaftlichen Erkenntnis ist und vor allem worin die Berechtigung einer wissenschaftlichen Verallgemeinerung besteht. Wissenschaft und Weltanschauung müssen voneinander getrennt bleiben und sein. Zweifellos sind Wissenschaft, Glaube (Metaphysik) und Kultur eng ineinander verschränkt und in stetiger Spannung. Sie haben vor allem in den letzten 150 Jahren ein neues "Weltbild" geschaffen. Theorie und Praxis der Wissenschaften haben oft den Platz eingenommen, der vormals der Philosophie und der Theologie (Religion) zukam. Das Streben nach einer einheitlichen Formulierung und Begründung des Wirklichen ist zum Gedanken eines nicht mehr hinterfragbaren, experimentell gegründeten und so "realen" Wissens geworden. Die Wissenschaften haben sich nunmehr in ihrem Anspruch und Handeln nicht mehr zu rechtfertigen. Sie produzieren so eine Kultur der beschränkten Vernunft. Wissenschaft wird zur herrschenden Weltanschauung, an der sich alles andere zu messen hat. Wie andere Weltanschauungen auch stellt sie ethische, politische und soziale Ansprüche, die aus ihrem Einheitsdenken herstammen. Die Vernunft der wissenschaftlichen Weltanschauung ist nicht mehr nur eine theoretische, sondern hält sich für ausreichend, wesentliche Grundsätze zu den Hauptfragen der Menschheit aus sich ableiten zu können. Diese Grundsätze treten in einen ernsten Konflikt mit allen anderen. Es ist nämlich die Vorgabe der so gefassten Wissenschaften, keine andere Rationalität als die wissenschaftliche neben sich dulden zu können. Dies wird umso kritischer, wenn die Wissenschaft absolute Aussagen oder All-Aussagen zum System des Lebens im Allgemeinen und dem Leben des Menschen im Besonderen in der Form einer reduktionistischen Evolutionstheorie vorbringt. Zu Recht warnen Johannes Paul II. und Papst Benedikt XVI. vor einem Abdanken der Vernunft und somit vor dem Verlust der Anerkennung der Sonderheit und Würde des Lebens. Dabei geht es nicht darum, eine Theorie im vorhinein abzulehnen. Bereits Pius XII. hob in der Enzyklika Humani Generis (1950) hervor, dass das Evolutionsmodell nicht mit dem Glauben in Spannung tritt, wenn dieses Modell keine absoluten, über die wissenschaftliche Vernunft hinausgehenden Forderungen errichtet. Das heißt: wenn es nicht eine materialistische Philosophie an ihrer Basis ist, die sie begrenzt. Die Legende will es, dass die Kirche dem genialen Wissenschaftler Galileo Galilei Gewalt angetan hat, indem sie ihn zwang, seinen Irrlehren über das Sonnensystem abzuschwören. Dies wird als grober Eingriff einer "Ideologie" (das heißt einer bestimmten Interpretation der kirchlichen Lehre) in die bescheidene, aber empirisch fundierte Wissenschaft gewertet. Ideologie gegen Wirklichkeit, Mythos gegen wahre wissenschaftliche Vernünftigkeit, so fasst man es zusammen. Dies wäre logisch gesehen nur dann richtig, wenn Galileo, jenseits seiner genialen Idee, mit der er im Nachhinein die Welt verändert hat, diese Idee in der Tat in seinem Sinn von Empirie hätte beweisen können. Er konnte das zu seiner Zeit nicht. Der Konflikt Kirche/Galilei war somit kein Konflikt zwischen "empirischer Faktenwissenschaft" gegen "theologisches, aber mächtiges Ammenmärchen". Es war die Auseinandersetzung zwischen einer (noch zu beweisenden) Hypothese und einem (für die Zeit) hinreichenden Erklärungsmodell, das zudem nicht nur von theoretischer, sondern von globaler sozialer Relevanz war. Die Kirche wog Pro und Kontra gegeneinander ab, und sie tat dies vernünftig, das heißt: im Respekt vor der Weite der Vernunft. Heute ist die Situation etwas anders: unter dem Deckmantel der größeren Freiheit, die quantitativ bestimmt wird, wird der Raum der Vernunft seitens der Wissenschaften in ihrer Kreativität einschränkend bestimmt. So kann es nicht anders sein, dass die "Religion des Logos" und somit die Kirche zum Ort der wahren Freiheit des Denkens und Lebens werden. In diesem Ort gilt es, den Menschen und seine Fähigkeiten in ihrem Wesen zu verteidigen, um ihn nicht zum Gefangenen der selbst produzierten Vorurteile werden zu lassen.Autor: VON ARMIN SCHWIBACH

Themen & Autoren

Kirche

Papst in Budapest
Budapest
Umkehr: Die wahre Reform der Kirche Premium Inhalt
In Budapest wurde die Tiefendimension der Kirche sichtbar: Mit Blick auf Christus ist sie jung, dynamisch, fröhlich, ökumenisch, missionarisch und attraktiv. Ein Kommentar.
16.09.2021, 13 Uhr
Stephan Baier