Gehört Autonomie der Kunst den Linken?

Freiheit der Kunst ist zum Thema politischer Debatten geworden – Doch lassen sich Kunstwerke so vereinnahmen? Von Alexander Riebel
Doppelschau von Malerpaar Loy/Rauch
Foto: dpa | Der Leipziger Maler Neo Rauch – hier vor seinem Bild „Die Abwägenden“ – bezieht sich in seinem Werk häufig auf eine Ästhetik um 1800.

Debatten über die Freiheit der Kunst gibt es schon länger. Jetzt aber beginnt sich die Rede über freie Kunst selbst einzuschränken. „Kunst muss autonom sein, davon waren Linke und Liberale lange überzeugt. Doch das verändert sich gerade. Jetzt treten rechts gesinnte Künstler als letzte Verteidiger der Kunstfreiheit auf – mit weitreichenden Folgen.“

Die Lebenswirklichkeit ist vielen nicht so wichtig

Das war der Vorspann zu dem Artikel „Auf dunkler Scholle“, den der in Leipzig lebende Kunsthistoriker und Blogger Wolfgang Ulrich in der „Zeit“ (vom 16.5.) veröffentlicht hat: Sogenannte linke Maler fürchten also, dass ihnen sogenannte rechte Maler die Kunstfreiheit wegnehmen. Doch ist die Argumentation solch abstruser Denkspiele äußerst dünn. Hat das linksliberale Denken nichts anderes mehr zu bieten, als der Reklamierung des Autonomiebegriffs durch„rechtsautonome Strömungen“ entgegenzuhalten: „War das nicht immer schon eine männliche, sehr weiße Idee?“ Solche Hilflosigkeit gegenüber dem historischen Geschehen gesellt sich zu der Feststellung Ulrichs, dass die Kunstautonomie „zwei Jahrhunderte lang das Ideal gerade linker und liberaler Milieus“ war. Warum sehnt er nicht das Ende dieser alten weißen männlichen Idee linker Milieus herbei? Das Schwindelgefühl, das den Leser bei den Ausführungen Ulrichs beschleicht, muss wohl auch dieser Kunsthistoriker gehabt haben. Immerhin hätte ihn seine Einsicht vor seinem Artikel bewahren können: „Autonome Kunst kann und darf mit anderen Weltbilder und Regeln experimentieren. Sie besitzt die Lizenz, beliebige Fiktionen zu entwickeln oder sich allen Erwartungen zu verweigern.“ Also warum nicht gleich so, ein bisschen liberal gegenüber Andersdenkenden zu sein.

Offenbar muss man Linksliberalen – das Anhängsel „liberal“ gilt vielen als Freifahrkarte für eine neue Gesellschaft – wieder erklären, was Dialektik ist. Denn wenn Ulrich Autonomie als etwas Globales, Universalistisches und Internationales auffassen möchte, bleibt doch die Frage, was bei allen abstrakten Bestimmungen das Konkrete ist. Er ist nicht in der Lage zu zeigen, was denn dem Vorwurf der angeblich Konservativen des „Ortlosen“ oder ein „Any-where“ zu sein, entgegenzuhalten wäre. Universales hat aber nur Sinn, wenn es konkrete Lebenswirklicheit begründet; die ist aber im linken Diskurs verpönt, weil man meint, Identitäten von Lebenszusammenhängen nicht zulassen zu dürfen, wobei man Identität mit Heimat identifiziert, oder wie es Ulbricht unwillig ausdrückt, mit „dunkler Scholle“. Ulrich meint „einige Motive rechten Denkens„ bei berühmten deutschen Künstlern zu finden, „allen voran Neo Rauch“. Wo das aber im Werk von Rauch zu finden sei – dazu gibt Ulrich keinen Hinweis. Meint er vielleicht das Motiv der im Werk Rauchs wiederkehrenden Moorlandschaft um Leipzig, was vielleicht auf so etwas wie Identität des Lebensgefühls hindeuten könnte. Bei Linksliberalen, die wie Ulrich argumentieren, muss man auf so etwas gefasst sein. Solche Identitäten des Lebensgefühls gab es als Motive aber auch immer schon bei anderen Künstlern, wie das Meer oder das Gebirge bei Caspar David Friedrich oder die die Zivilisation überwuchernde Wildnis bei Böcklin. Oder stört Ulrich, dass Rauch einmal in einem Interview erklärt hat (Dromos Katalog, 2017), das Vorkriegsdeutschland sei ein „architektonisches Paradies“ gewesen, in dem es nichts Hässliches gegeben habe? „Es gab keine Zumutungen, keine Überspanntheiten, es war alles ganz bei sich und auf sich bezogen, aber gründete natürlich auf den Übereinkünften, die im Bereich des Architektonischen seit Jahrhunderten Gültigkeit hatten, wenn nicht gar seit Jahrtausenden. Erst die Moderne hat den Exzess des Zur-Geltung-Bringens idiosynkratischer Zustände zur Norm erhoben.“

Aber auch ob ältere Lebensverhältnisse, wie Rauch sie schildert, für einen Linksliberalen wie Ulrich ein Stein des Anstoßes ist, darüber wird der Leser im Unklaren gelassen. Immerhin scheint die Moderne ein unkritisierbarer Fortschritt zu sein, und wenn sich der Dresdner Schriftsteller Uwe Tellkamp in einem„Meinungskorridor“ empfinde, ist das für Ulrich Grund zu kritischen Bemerkungen. Der Kunsthistoriker und Feuilleton-Redakteur der „Zeit“, Hanno Rautenberg, wies kürzlich in einem Interview („Es gibt einen kulturellen Klimawandel“, vom 21.5.) in seiner Zeitung auf das Problem hin, dass das Grundgesetz Artikel 5 offen lasse, warum und wozu die Kunst frei sei. Und weiter sagt er: „Deswegen darf man schlussfolgern, dass sie deshalb frei ist, damit ihre Freiheit unbestimmt ist. Und unbestimmt bleibt die Freiheit der Kunst, damit wir frei über die Bedeutung dieser freien Kunst befinden können.“

Ausführlicher behandelt Rautenberg diese Frage in seinem neuesten Buch „Wie frei ist die Kunst? Der neue Kulturbegriff und die Krise des Liberalismus“ (Suhrkamp 2018). Auch Rautenberg sieht also eine Krise des Liberalismus, aber nicht wegen angeblich rechter Maler, sondern eher im Gegenteil. Dass etwa der Maler Balthus aus einem New Yorker Museum entfernt wurde, liegt mehr an der #MeeToo-Bewegung, an political correctness und Antidiskriminierung, also an linksliberalen Denkweisen. So war es wohl, als das Nymphen-Bild des Prärafffaeliten John William Waterhouse in Manchester abgehängt wurde oder beim Zensurvorwurf gegen Balthus in New York, dem Romantisierung der Sexualität von Kindern vorgeworfen wurde. Immerhin hat sich das Metropolitan Museum gegen die Petition von 11 000 Unterschriften gewehrt und hat das Bild „Thérese Dreaming“ von Balthus nicht abgehängt, wie gefordert. Auch hier schlägt die Dialektik gegen die Betrachter zurück – der lüsterne Blick ist nach Balthus der Grund der Kritik; sein Leben lang betonte er, seine Bilder hätten nichts mit Sexualität zu tun; auch wenn das so irrelevant ist, wie Ulrich Künstlerstimmen zitiert. Das Kunstwerk transzendiert den Künstler und geht nicht in dessen Aussagen auf. Keineswegs ist also die einseitige Sicht Ulrichs zu teilen. Der Liberalismus kann auch selbst zum Feind der Kunst werden. Auf Meinungsartikel wie die von Ulrich wird man sich wohl häufiger einstellen müssen. Diese dienen nicht der Erkenntnis, sondern ideologischer Vernebelung und dem Versuch der Zensur.

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Georg Blüml
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