Geheimnisse der Poetik

Daniel Kehlmann präsentiert ein „Literaturen special“ mit Kurzgeschichten

Das Auftreten frühvollendeter Literaten hat sich verändert. Nicht nur, dass das Buch ein weltweiter Bestseller wurde, er selbst lässt zudem kein Medium und keine Rubrik aus, um seine Ansichten zur Weltliteratur zu verbreiten. Jüngster Coup: Das Literatur-Magazin „Literaturen“, das passend zur Reise- und Ferienzeit als „special“ eine Sammlung von dreizehn Kurzgeschichten herausgebracht hat – „präsentiert von Daniel Kehlmann“.

Es sei keine „repräsentative“ Auswahl, macht Kehlmann im Vorwort deutlich, sondern schlicht eine Zusammenstellung von Geschichten aus den vergangenen hundert Jahren, die er persönlich für „besonders gelungen“ halte. Dabei zeigt sich, dass Kehlmann offenbar ein Faible für die Klassiker der modernen Literatur hat: William Faulkner, Vladimir Nabokov, Ernest Hemingway, Isaak Babel, Jorge Luis Borges, Heimito von Doderer, Gabriel Garcia Marquez, John Updike. Wer solche literarischen Groß- und Urgroßväter auswählt, zeigt nicht nur, an welchen internationalen Maßstäben er sich (zukünftig) orientiert, sondern auch, dass ihm das mitunter provinzielle literatur- und sprachzerstörerische politische Diskussionsgetümmel der deutschen Literaturmacher der 1960er und 1970er Jahre offenbar herzlich wenig interessiert. Kein Böll, kein Grass, kein Walser – die Literaten der Gruppe 47 ignoriert Kehlmann bei dieser Auswahl wie Kurzgeschichten von Schriftstellerinnen – abgesehen von einer Geschichte der amerikanisch-indischen Autorin Jhumpa Lahiri.

Vielleicht – und das wäre nach all den ideologischen Grabenkämpfen in der jüngeren Literaturgeschichte durchaus sympathisch – weil es Kehlmann vorwiegend um das Handwerkliche beim Schreiben geht. Den gut gebauten Plot, die gut gebauten Sätze, das Befolgen der geheimnisvollen Regeln der Poetologie. Darauf deutet jedenfalls die Auswahl der Geschichte „Guy de Maupassant“ von Isaak Babel hin, in der sich folgende Überlegungen finden: „So eine Arbeit ist gar nicht übel. Ein Satz wird geboren – schön und hässlich zugleich. Das Geheimnis liegt in einer kaum wahrnehmbaren Wendung. Der Hebel muss in der Hand liegen und sich erwärmen. Man darf ihn nur einmal drehen, nicht zweimal.“

Was Kehlmann weniger zu interessieren scheint, ist das Geheimnis menschlicher Begegnungen. Die FAZ-Literaturexpertin Felicitas von Lovenberg wies vor einiger Zeit schon darauf hin, dass sich in Kehlmanns bisherigem Oeuvre keine berührenden Liebesgeschichten fänden. Im Vorwort des „Literaturen special“ liefert Kehlmann, während er eine Geschichte von Roberto Bolanos vorstellt, wahrscheinlich unbewusst eine Erklärung dafür: In dieser Geschichte stehen sich nach einer Verfolgung zwei Menschen gegenüber und, so Kehlmann, es „passiert eben jenes Nichts, das in der Wirklichkeit doch meist geschieht, wenn Menschen einander begegnen“. Nun ist sicherlich nicht jede menschliche Begegnung ein Feuerwerk der Liebe, des Geistes oder der gegenseitigen Faszination, doch generell erstmal vom Nichts auszugehen, wirkt doch ein bisschen misanthropisch, nihilistisch. Hat Kehlmann bisher in seinem eigenen literarischen Werk vor allem deshalb Genies auserwählt, weil ihm normale, einfache Menschen zu gewöhnlich oder gar langweilig erscheinen? Dieser Verdacht drängt sich nach einer solchen Bemerkung leider auf. Immerhin scheint Kehlmann gegenüber den erotischen Reizen nicht völlig verschlossen zu sein. Sonst hätte er nicht Gabriel Garcia Marquez' Geschichte „Dornröschens Flugzeug“, in der es um eine Reisegefährtin und einen Schriftsteller geht, ausgewählt. Doch es passiert nichts zwischen den beiden, womit Kehlmanns eigener Anschauung offensichtlich die angemessene Form und Erzählung gegeben worden ist.

Was ihn außer dem Handwerk des Schreibens zu interessieren scheint, wird klar, wenn man bedenkt, wieviel Raum die Selbstreflexion von Schriftstellern oder die Schriftsteller-Perspektive in den ausgewählten Geschichten einnimmt. Bei Doderer erzählt ein Schriftsteller, bei Updike, bei Borges, bei Marquez. Als würden all die erschöpften Manager, Lehrer und Ärzte, die möglicherweise das „Literaturen special“ in den wohlverdienten Urlaub mitnehmen, nur darauf warten, am Strand mehr über die Probleme und Perspektiven dieser künstlerischen Berufsgattung zu erfahren. Bleibt nur zu hoffen, dass Kehlmanns nächster, für das kommende Jahr angekündigter Roman „Ruhm“ den Leser nicht auch in diese monothematische Richtung führt.

Ansonsten fallen bei diesem „Literaturen special“ die vielen weißen Seiten auf. Haben sich neben einem Schweizer Uhrenhersteller, einem Literaturverlag und einem Internet-Anbieter nicht genug Werbekunden für dieses Magazin gefunden? Oder steckt dahinter der puritanische Anspruch, die Kurzgeschichten nicht zu sehr mit kommerziellen Hinweisen zu zerstückeln. Dann hätte man sich bei der Gestaltung des für 9,50 Euro zu erwerbenden Magazins insgesamt ruhig ein bisschen mehr Mühe machen können. Die Herausgabe eines Taschenbuches zu diesem Preis wäre auch denkbar gewesen. Doch wie schreibt Daniel Kehlmann so schön über die Gattung der Kurzgeschichte: Ihr Reiz bestehe darin, „dass Wichtiges ungesagt bleibt und entscheidende Informationen vom Leser selbst gefunden oder erraten werden müssen“. In diesem Sinne mag jeder die Geschichten so lesen und verstehen, wie er will oder nicht will.

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