Gegenseitige Faszination

Wie Grenzen überwunden werden – Über das Leben von Deutschen in Israel und Israelis in Deutschland. Von Gerhild Heyder

Was bringt Menschen dazu, freiwillig – ohne politischen oder existenziellen Druck – ihr Heimatland zu verlassen, um in einem anderen Land zu leben? Die Gründe sind so vielfältig und subjektiv wie die Personen auch; wenn es sich jedoch bei den Auswanderern um Deutsche und Israelis handelt, die im jeweils anderen Land leben möchten, darf man die besonderen historischen Verflechtungen nicht außer Acht lassen, spielen sie doch – bewusst oder unbewusst – in die Entscheidung, die nationalen Grenzen zu überwinden, mit hinein.

Der Autorin Anita Haviv-Horiner ist das Thema aus ihrer eigenen Biografie wohl vertraut. 1960 als Tochter von Holocaustüberlebenden in Wien geboren, verließ sie Österreich mit 19 Jahren und wanderte in Israel ein, nachdem ihr die Mitschuld ihrer Landsleute an der Schoah, für die sie bis dahin ausschließlich Deutschland verantwortlich machte, bewusst wurde. Für die Autorin, Mediatorin und Leiterin der israelischen Agentur „Israel Encounter Programs“, die in der Nähe von Tel Aviv lebt, ist die Auseinandersetzung mit der deutsch-israelischen Geschichte zum lebenslangen Prozess geworden. Mit jeweils acht Personen hat Anita Haviv-Horiner ausführlich gesprochen, indem sie allen dieselben thematischen Punkte vorgab: Die Geschichte der Familie; die eigene Biografie; Gründe für die Einwanderung in Israel oder Deutschland und Reaktionen des Umfeldes in Deutschland oder Israel; Grenzerfahrungen und Überwinden von Grenzen; Bezug zu deutsch-jüdischer Geschichte und Wahrnehmung deutsch-israelischer Beziehungen; Heimat/ Zuhause.

Auf der deutschen Seite wurden Menschen ausgewählt, die nicht aus jüdischen Familien stammen, wobei zwei der Befragten zum Judentum konvertiert sind: ein Wissenschaftler, der mit einer orthodoxen Jüdin verheiratet ist sowie eine seit 1972 in Israel lebende Architekturdozentin. Die sechs anderen Befragten sind eine in der DDR aufgewachsene und mit einem arabischen Israeli verheiratete Mutter zweier Kinder; ein junger Mann, der wegen seines Freundes nach Israel gekommen ist; ein Freiwilliger mit türkisch-alevitischem Migrationshintergrund, der ein soziales Jahr in Haifa absolviert; die Beauftragte der „Aktion Sühnezeichen Friedensdienste“ in Israel; eine seit 1989 in Israel tätige Journalistin und eine in Jerusalem lebende gläubige Christin, die ihr Leben Holocaustüberlebenden gewidmet hat. Auf israelischer Seite sind dies eine Schriftstellerin, die sich mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt auseinandersetzt; ein Musiker, der sich nicht mehr mit der Vergangenheit beschäftigen möchte; ein in Hamburg lebender arabischer Israeli, der sich in Israel benachteiligt fühlte; eine 72-jährige Pädagogin, die sich im jüdisch-christlichen Dialog engagiert; der 80-jährige Gründer der jüdischen Gemeinde in Marburg, der seit 20 Jahren in Deutschland lebt; eine aus den USA stammende orthodoxe Jüdin, die ihrem deutschen Mann nach Deutschland gefolgt ist und eine 30-jährige ehemalige Kibbuzbewohnerin, die das Leben in Israel zu anstrengend fand.

Das „grenzenlose“ Europa wird von jedem befragten Israeli erst einmal als Befreiung wahrgenommen, Deutsche in Israel erfahren Grenzen als etwas Überlebensnotwendiges und begreifen vor Ort und im alltäglichen Leben, was es bedeutet, tatsächlich in Israel zu leben und es nicht nur von außerhalb zu betrachten. Und vielen ist bewusst, dass das physische Überqueren von Grenzen auch ein psychisches und geistiges Überwinden eigener Barrieren beinhaltet. Manche Biografien sind emotional sehr anrührend, auch die Familiengeschichten – wie die von Esther Teichner, 1978 in Brooklyn geboren, deren Großmutter mit ihren Geschwistern aus Polen nach Frankreich fliehen musste. Die Kinder überlebten mit Hilfe katholischer Schwestern in Lille in einem Krankenhaus. Die orthodoxe Jüdin ist mit einem zum Judentum konvertierten Deutschen verheiratet und lebt derzeit in München.

Inge Buhs, die 1960 in Bayern als uneheliches Kind geboren wurde, war gezwungen, nach dem Tod des Vaters sehr früh zum Lebensunterhalt beitragen zu müssen. Mit 22 Jahren bekannte sie sich „bewusst“ zum Christentum und fand Halt im Glauben, der sie dann 1983 nach Israel, ins Heilige Land der Bibel, geführt hat, als Volontärin bei deutschen Christen auf einer Farm. Als Helferin in einer Arztpraxis lernte sie dann 1987 eine Auschwitzüberlebende kennen und begann zum ersten Mal, sich mit der Geschichte des Holocausts zu beschäftigen, die seitdem ihr Leben prägt. Seit 2012 ist die Gründerin und Leiterin des „Hilfsvereins für Holocaustüberlebende Ner Yaakov“ israelische Staatsbürgerin. Die 1943 in Jerusalem geborene, heute in Krefeld lebende Politikwissenschaftlerin Edna Brocke kritisiert scharf die Auswirkungen der 68er-Bewegung und analysiert das oftmals ideologische deutsche Medienverhalten zum Thema Israel: „In beiden Ländern ist man – aus unterschiedlichen Gründen – in eine Deutungsfalle gegangen: Weil die Nationalsozialisten extrem rechts waren und extrem böse, ist alles danach, nur weil es links ist, auch automatisch ,gut‘.“

Der auch in Deutschland bekannte Jerusalemer Historiker Moshe Zimmermann arbeitet in einem längeren Beitrag den historischen und sozialpsychologischen Kontext der Gespräche heraus, der Didaktiker Wolfgang Sander regt die Verwendung des Buches in der Bildungsarbeit an. Es wäre tatsächlich gut geeignet als Schullektüre für die höheren Klassen, zumal bei Jugendlichen oft genug nicht einmal mehr grundlegende Kenntnisse zur Schoah vorhanden sind. Und jeder Israel-Interessierte wird großen Gewinn aus der Lektüre ziehen.

Anita Haviv-Horiner: Grenzen-los? Deutsche in Israel und Israelis in Deutschland. Bd. 1744, 240 Seiten, EUR 4,50. Erhältlich bei Bundeszentrale für politische Bildung Bonn, Adenauerallee 86, 53113 Bonn, Tel 0228-9 95 15-0.

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