Gefühlte Unterwerfung

Die Kontroversen Intellektueller über den Islam sind in Frankreich lebendiger als hierzulande – Sorgen um Kultur und Identität im Nachbarland. Von Felix Dirsch
Philosoph Alain Finkielkraut
Foto: dpa | Der Philosoph Alain Finkielkraut, einer der „Unsterblichen“ der Académie française, hat die Spannungen zwischen Juden und Migranten schon länger vorausgesehen.

In Deutschland wie in Frankreich überschlugen sich in den letzten Jahren die Debatten über Islam und Islamisierung. Allerdings sind es hierzulande eher Außenseiter, die Aufmerksamkeit erregen. Darunter befinden sich einige von ihrer Herkunftsreligion abgefallene Publizisten und Filmemacher wie Hamed Abdel-Samad und Imad Karim. Ebenso zählen dazu Autoren jüdischer Herkunft wie Henryk M. Broder, Michael Ley sowie der 2014 verstorbene Ralph Giordano. Der Islamkritiker mit der stärksten Resonanz ist das ehemalige Mitglied im Vorstand der Bundesbank, Thilo Sarrazin. Er sorgte um 2010 mit seinen Thesen von der angeblichen Selbstabschaffung Deutschlands für viel Konfliktstoff, als er den tendenziellen Niedergang des Gemeinwesens mit Rückgriff auf biologisch-genetische Forschungen fundierte. Jedoch sind seine Unterstützer in akademisch-intellektuellen Kreisen zahlenmäßig überschaubar.

Für prominente Schriftsteller jenseits des Rheins ist der Diskursradius größer. Auffallend ist die kulturpessimistische Grundstimmung, die an die Atmosphäre von Oswald Spenglers „Untergang des Abendlandes“ erinnert. Sie ist auch bei Michel Houellebecq spürbar. Sein Roman „Unterwerfung“ trifft den Nerv der Zeit. Der Inhalt ist schnell erzählt: Der Literaturwissenschaftler und Hochschullehrer François, dessen unmoralische Lebensführung hervorsticht – er scheut nicht davor zurück, mit Studentinnen zu schlafen –, forscht über den dekadenten katholischen Schriftsteller Huysmans. In der Stichwahl zwischen einem muslimischen Präsidentschaftskandidaten und seiner Gegnerin, der FN-Vorsitzenden Marine Le Pen, siegt der islamische Bewerber. Houellebecq zeichnet ein deutliches Bild von den bürgerkriegsähnlichen Zuständen in seinem Heimatland. Er will wohl nicht so sehr den Islam kritisieren – Präsident Ben Abbes wird durchaus mit positiven Zügen dargestellt –, sondern er attackiert das sich auf einem absteigenden Ast befindliche Christentum, besonders in seinen progressiven Spielarten. Erwähnt wird der französische Traditionalist und Metaphysiker René Guénon, der zum Islam konvertiert, weil er dort natürliche Hierarchien, Ungleichheit der Geschlechter und Respekt vor den Alten fand. Nicht zuletzt im Hin- und Herspringen zwischen fact und fiction liegt der Reiz des Bestsellers. Houellebecq blickt tief in die Seele seines Landes, die weithin von kultureller Leere und Ausgezehrtheit geprägt ist. Der Islam füllt nun das Vakuum. Aber auf welche Weise und mit welchen Folgen?

Ein ebenso furchtloser Gesellschaftsdenker wie Houellebecq ist Renaud Camus, der in „Unterwerfung“ im Kontext der Identitären auftaucht. Als angeblicher Vertrauter Marine Le Pens verschrien, steht der Ex-Linke und bekennende Homosexuelle, der über hundert Bücher verfasst hat, ohnehin unter Quarantäne. Diesseits und jenseits des Rheins regt sich Widerspruch gegen den vom ihm belegten „Großen Austausch“ der Bevölkerung. Diese zugespitzte Bezeichnung ist freilich nicht ohne Fundament in der Wirklichkeit. Wer französische Großstädte über Jahrzehnte hinweg beobachtet, erlebt eine Marginalisierung der Herkunftsfranzosen durch Zugewanderte aus fremden Kulturkreisen. Camus hat viele Reflexionen über diese Prozesse angestellt, die er als „Zivilisationsbruch“ charakterisiert. Wer den Ernst der Lage erkennt, ist erstaunt darüber, dass Camus gelegentlich mit der Rechtsextremismus-Keule traktiert wird. Zu bedenken ist jedoch, dass es für die Eliten in beiden Ländern Völker und Nationen nur als Gedankenkonstrukte gibt, die möglichst schnell zu dekonstruieren sind. Im eigentlichen Sinn existiert nur eine Ansammlung atomisierter Konsumenten. Sie wandern – bestenfalls als „Kulturbereicherer“ – in der globalen Zivilisation umher. Der „flexible Mensch“ (Richard Sennett) ist jederzeit ersetzbar.

Die migrationsbedingten Voraussetzungen der Anschläge (Charlie Hebdo, „Bataclan“, „Nizza“ und andere) sind von verschiedenen Seiten analysiert worden. Der namhafte Philosoph Alain Finkielkraut sorgt mit seinen Ansichten zur Identität Frankreichs für Aufsehen. Der Sohn jüdischer Einwanderer aus Polen sieht das Verschwinden französischer Eigenarten. Er verteidigt die Werte von „1789“ gegen multikulturalistische Einwände. Manche betrachten diese Haltung als reaktionär.

Finkielkraut geht von Alltagsbeobachtungen aus. Viele Franzosen verlassen ihre angestammten Stadtviertel, weil sie ihnen – bedingt durch viele Neuankömmlinge – fremd geworden sind. Er verschließt nicht die Augen vor den Schwierigkeiten für die jüdische Minderheit. Vor einiger Zeit machte ein muslimischer Künstler mit bretonisch-kamerunischer Abstammung namens Dieudonné von sich reden. Die Kultfigur vieler Franko-Araber führte den judenfeindlichen „Knödelgruß“ ein und erregte die Gemüter überdies durch markige Sprüche hart an der Grenze zur Strafbarkeit. Derartige multikulturelle Auseinandersetzungen werden nach Finkielkraut den zukünftigen französischen Alltag bestimmen. Die Prophezeiungen des „Unsterblichen“ der Académie française – er ist dort seit 2014 Mitglied – trafen früher als erwartet ein.

Die Flüchtlingskrise ist literarisch vor langer Zeit in Umrissen vorweggenommen worden. Dies zeigt der visionäre Roman „Das Heerlager der Heiligen“ von Jean Raspail. 1973 im Original erschienen, kam 1985 eine erste deutsche Übersetzung auf den Markt. Kürzlich ist eine weitere, erstmals vollständige, erschienen. Die Aktualität ist frappierend.

Um einer Hungersnot zu entfliehen, so der Inhalt, machen sich rund eine Million Migranten aus Indien auf den Weg nach Europa. Sie bilden die Vorhut einer Masse von Armen, die das gleiche Ziel verfolgen. Die Ankömmlinge treffen auf eine Mischung aus Selbstverachtung, schlechtem Gewissen und schwindendem Selbstbehauptungswillen bei der autochthonen Bevölkerung. Der Autor will auf das geringe Selbstbewusstsein der hiesigen Bevölkerung aufmerksam machen, die die Fremden im Freudentaumel begrüßt. Die Invasion wird von realitätsblind-verantwortungslosen Gesinnungsethikern gefeiert. Selten wird die Willkommenskultur von 2015 dermaßen antizipiert wie in Raspails Darstellung. Wie in der heutigen Wirklichkeit herrschen auch im Roman teilweise chaotische Zustände nach und infolge der Ankunft der Neueuropäer.

Gesellschaftliche Bruchlinien sind in Frankreich deutlicher

Der katholisch-konservativ ausgerichtete Raspail, mittlerweile über neunzig Jahre alt, will die abendländische Zivilisation verteidigen. Das Handeln kirchlicher Würdenträger betrachtet er indessen mit Argwohn. Sie schließen sich den Toleranzreden aus innerer Überzeugung an. Derlei Figuren prägen den Roman: Konformistische Kleriker, Gutmenschen aller Art, Xenophile, Dritte-Welt-Fanatiker und andere Zeitgeistapostel bestimmen im Namen einer imaginären Weltmoral die Atmosphäre.

So sehr die Erzählung aktuell ist, weisen einige Rezensenten auf das eher dürftige literarische Niveau hin. Die ruinösen Konsequenzen für das Zusammenleben, egal ob für den rechts- oder den sozialstaatlichen Bereich, sind jedoch in Wirklichkeit gravierender, als es die dystopisch eingefärbte Lektüre vorwegnehmen konnte.

Freilich ist nicht aller Tage Abend für die Beziehung zwischen Orient und Okzident. Von der Zeit der Aufklärung (Montesquieu, Lessing) über Goethe, Rimbaud, Balzac, Bizet und andere bis in die unmittelbare Gegenwart zieht sich der narrative Faden, der die Passion des Westens für die islamische Kultur herausstellt. Der Schriftsteller Mathias Enard, der für seinen Roman „Kompass“ mit dem Prix Goncourt 2015 ausgezeichnet worden ist, reiht sich mit seinem Versuch ein, die wechselseitigen Bezüge der Kulturräume hervorzuheben. Die Feuilletons feierten ihn als „Anti-Houellebecq“. Der Protagonist der Erzählung, der Musikwissenschaftler Franz Ritter, erinnert sich an Orte seiner Forschungsreisen (Istanbul, Damaskus, Aleppo, Palmyra), die er mit seiner großen Liebe, der Islamwissenschaftlerin Sarah, in Verbindung bringt. L'orient c'est nous – so lautet das Motto des Romans. Betrachtet man jedoch die Gegenwartslage, wirkt der Inhalt wie ein Stück volkspädagogischer Verharmlosung. Habt euch lieb, ihr Verschiedenen! Es kann ja nicht schwer sein, die Unterschiede zu überwinden! Solche Appelle wirken eher naiv.

Etliche weitere Intellektuelle wie Richard Millet, Eric Zemmour („Le suicide français“) oder der Historiker Dominique Venner, der sich 2013 aus Protest gegen die Selbstaufgabe Frankreichs das Leben genommen hat, vermessen die Bruchlinien. Die Diagnose mutet existenzieller an, als sie hierzulande erscheint. Wer die Diskussionen in beiden Ländern vergleicht, sieht im Nachbarland eine größere Aufgeschlossenheit gegenüber der Realität.

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