Gefahren für die Freiheit des Glaubens

Weltweit werden Christen verfolgt – Islamische Staaten im Visier der Anklage Von Benedikt Vallendar

Sind Christen in der Defensive? Ist der christliche Missionsauftrag zur Farce verkommen? Nach der Lektüre von Joachim Feyerabends neuestem Buch „Wenn es lebensgefährlich ist, Christ zu sein. Kampf der Religionen und Kulturen“ (2010), könnte dieser Eindruck entstehen. Auf mehr als 300 Seiten analysiert der langjährige „Spiegel“-Autor, Jahrgang 1940, in sachlich-analytischer Manier die Situation christlicher Gemeinden rund um den Globus. Dabei kommt er zu erschreckenden Einsichten und Ansichten. Die Verfolgung von Christen hat, so Feyerabend, weltweit ein nie dagewesenes Ausmaß angenommen. Vor allem im Vorderen Orient, in Zentralafrika und Teilen Indiens ist die Situation bedrohlich. In der ehemaligen Sowjetunion geraten Christen immer mehr in den Sog radikaler Islamisten, die das Machtvakuum nach dem Zusammenbruch des Kommunismus für ihre eigenen Zwecke missbrauchen. Christen gelten als Freiwild, das Evangelium als Bedrohung für diejenigen, die sich durch die Frohe Botschaft in ihrer Vormachtstellung bedroht sehen. Das Problem: Christen sind als selbstbewusste Bürger diktatorischen Regimen, wie sie im Nahen Osten, mit Ausnahme von Israel, allerorts an der Macht sind, ein Dorn im Auge.

Chinesische Christen haben sich selbst geholfen

Diktatoren wissen um die Kraft der christlichen Botschaft, der in der Vergangenheit schon viele weltliche Herrscher weichen mussten. Etwa in Polen, wo die katholische Gewerkschaft Solidarität 1987 an die Macht kam und zwei Jahre später in der DDR, wo evangelische Pfarrer und kirchliche Basisgruppen die Massenproteste gegen das SED-Regime in Gang setzten. Das Dramatische: Der hoch entwickelte Westen reagiert auf die Verfolgung von Christen von jeher mit Desinteresse und falsch verstandener Liberalität. Zwar geht der Westen mit militärischen Mitteln gegen islamische Terroristen vor, doch kungelt er gleichzeitig mit Regierungen und Regimen, in deren Staaten Christen diskriminiert und unterdrückt werden. In vielen Fällen hat die Kirche das Zepter selbst in die Hand genommen und, etwa in China, im Untergrund Gemeinden und Gemeinschaften gegründet.

Anzeichen für eine Reislamisierung in der Türkei

Doch zumeist überwiegt in der Politik des Westens die Political Correctness unter dem Primat eines missverstandenen Toleranzgebots. Noch immer lassen es europäische Regierungen zu, dass alljährlich Tausende von Menschen aus islamischen Staaten über die grüne Grenzen auf den Alten Kontinent einwandern und das einst christlich geprägte Abendland schrittweise muslimisieren. Das Minarettverbot in der Schweiz deutet der Autor als beredtes Bürgerzeichen gegen schleichende Unterwanderung einer über Jahrtausende gewachsene Kulturgemeinschaft nördlich des Mittelmeers und westlich der Elbe. Eine Tatsache gerät dabei häufig aus dem Blickwinkel: In vielen Staaten ist es längst lebensgefährlich, Christ zu sein. Mord, Vergewaltigung und Verstümmelung von Christen sind etwa in Pakistan, dem Iran, dem Sudan und Teilen Nigerias an der Tagesordnung. Insgesamt leiden mehr als 200 Millionen Christen, also 80 Prozent aller Menschen, die aus religiösen und ethnischen Gründen verfolgt werden, unter Rechtlosigkeit, Diskriminierung, Vertreibung, Gefängnis, Folter oder werden getötet.

Das Recht auf freie Religionsausübung und kulturelle Entfaltung wird meist in islamisch geprägten Ländern beschnitten, aber auch Hindus, Buddhisten, kommunistische und andere totalitäre Regime verfolgen heutzutage Christen sowie andere religiöse und ethnische Minderheiten. In Südamerika sind es Drogenkartelle und korrupte Politiker, denen engagierte Kirchenvertreter und Ordensleute ein Dorn im Auge sind und die nicht davor zurückschrecken, gegebenenfalls mit Gewalt ihre Dominanz zu verteidigen, wie jüngst in Mexiko und Guatemala. Ihren ersten Höhepunkt erreichte die Gewalt gegen lateinamerikanische Christen Ende des 20. Jahrhunderts in El Salvador, wo rechtsgerichtete Paramilitärs 1980 den in der Bevölkerung beliebten Erzbischof Oscar Romero hinterrücks während eines Gottesdienstes erschossen. Der Tod Romeros war der Auftakt zu einem blutigen Bürgerkrieg, dem auf allen Seiten tausende Christen zum Opfer fielen.

Der Islam hat nach Abschüttelung der Kolonialherrschaft Kraft geschöpft und breitet sich seither missionarisch aus, während das Christentum der Alten Welt die Mission zugunsten religiöser Toleranz weitgehend aufgegeben hat. Aufgeklärte Dialogbereitschaft und althergekommene Absolutheitsansprüche prallen im Zeitalter grenzenloser Kommunikation in einem drastischen Kulturgefälle aufeinander. Der Autor spürt der Lage der Christen in den betroffenen Ländern nach und fragt nach Ursachen und Zusammenhängen.

Der mögliche EU-Beitritt der Türkei wird nicht zuletzt daran gemessen, ob es eines Tages selbstverständlich ist, in Ankara, Izmir oder Istanbul einen christlichen Gottesdienst zu besuchen und seinen Glauben frei in der Öffentlichkeit zu praktizieren, wie dies in westlichen Ländern selbstverständlich ist. Resigniert stellt Feyerabend fest, dass die Diskussion um einen möglichen EU-Beitritt der Türkei bereits eine Re-Islamisierung des Landes als Gegenreaktion gegen angebliche Bevormundung aus Brüssel hervorgerufen hat.

Joachim Feyerabend: Wenn es lebensgefährlich ist, Christ zu sein – Kampf der Religionen und Kulturen. München Olzog Verlag 2010, 304 Seiten, ISBN 978-3-7892-8355-0, EUR 24,90

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