Gedanken zur Nacht

Die Jünger am Ölberg, die nachts einschlafen. Die lange Nacht des Karsamstags für die Christen. Die Osternacht und die Christmette um Mitternacht. Die Nacht im religiösen Verständnis hat viele Gesichter – das weiß Edith Stein am besten. Von Monika Gatt
Foto: dpa | Licht und Finsternis – diese Urbilder des menschlichen Daseins spielen an Ostern eine gewichtige Rolle.
Foto: dpa | Licht und Finsternis – diese Urbilder des menschlichen Daseins spielen an Ostern eine gewichtige Rolle.

Die Nacht spielte im Leben der Edith Stein eine doppeldeutige Rolle. Einerseits war die Nacht für sie eine Zeit des Gebets, des In-sich-gehens und des aktiven Glaubens. Eine Zeit von Demut und innerer Reinigung. Sie suchte Schutz in der Dunkelheit. Aber andererseits ereilten sie gerade nachts die schlimmsten Erfahrungen ihres Lebens: der Kriegsdienst in einem österreichischen Feldlazarett, wo sie die Kranken der Typhusstation pflegte und das Sterben junger Menschen erlebte; der geheime Transport in die Niederlanden in der Silvesternacht; schließlich die Deportation ins Konzentrationslager. Gerade nachts – wohl im Schutz der Finsternis? – finden die schlimmsten Gewaltverbrechen statt. Aus ihrem Wesen heraus ist die Nacht vielgestaltig und wandelbar, sie ist eine gestaltete Finsternis. In der Freude über den Tagesanbruch, ein Symbol für einen neuen Anfang, liegt auch die Trauer ihrer Vollendung.

Die jüdisch-christliche Philosophin Edith Stein schreibt in ihren Autobiographischen Schriften „Aus dem Leben einer jüdischen Familie“ in liebevoller Erinnerung an die Gebete ihre Großmutter: „In der Synagoge und auf dem Friedhof betete sie mit der größten Sammlung und Innigkeit, ebenso am Freitagabend, wenn sie die Sabbatlichte anzündete und die zugehörigen Gebete sprach. Am Schluss pflegte sie hinzuzufügen: 'Herr, schick uns nicht so viel, wie wir ertragen können'.“

Edith Stein war ein Familienmensch. Sie erzählt von der Bedeutung der jüdischen Feste in ihrer Familie. „Jüdische Feste beginnen am Vorabend, wenn der erste Stern am Himmel steht.“ Vor allem Pessach (das Paschafest), zeitlich etwa mit Ostern zusammenfallend, sowie das Neujahrsfest und der Versöhnungstag feierte die Familie Stein. Weiter erinnert sich die Philosophin an „(...) das ‘Fest der ungesäuerten Brote', die Erinnerung an den Auszug der Kinder Israels aus Ägypten“, das zu ihrer Zeit noch so gefeiert worden sei, „wie der Herr es mit den Jüngern feierte, als er das allerheiligste Altarsakrament einsetze und von ihnen Abschied nahm“. Man schlachte zwar kein Lamm mehr, aber noch immer würden unter den vorgeschriebenen Gebeten ungesäuerte Brote und bittere Kräuter verteilt, welche an die Verbannung erinnerten. Man las die Schriften über die Befreiung des Volkes aus Ägypten. Die Nacht der Nächte. So weit zunächst Edith Stein.

Nur beim Herbstanfang sind Tag und Nacht an allen Orten der Erde gleichlang. Die Nacht ist vielen Menschen wichtig. Es gibt Nachtmenschen und Tagmenschen. Unabhängig davon, wie lang oder kurz Tag und Nacht sind. Dabei muss es nicht immer um religiöse und spirituelle Motive gehen. Durchwachte Nächte kennt jede und jeder. Um Kranken beizustehen wacht man die Nacht am Bett. Wir kennen die Totenwache und die Ehrenwache. Nachtwächter sorgen für Sicherheit, während man selbst schläft. Den Maler Rembrandt van Rijn hat die „Die Nachtwache“ (1642) berühmt gemacht. Auch Immanuel Kant scheint eine seiner wesentlichen philosophischen Einsichten nachts gehabt zu haben. „Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: Der gestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir“, schreibt er. Es lohnt sich also, wach zu bleiben. Manchmal kann man nicht einschlafen, oder man wacht nachts auf. Nicht immer sind Sorgen der Grund hierfür. An die Nacht stellt man in gewisser Weise den Anspruch, die Hektik des Tages auszugleichen. Unsere Vorstellung von Nacht ist geruhsam und geborgen. Im Wort der Nachtruhe findet diese Vorstellung einen verbalen Ausdruck. Nicht nur Eltern, die selbst Kinder haben, wissen, dass die Nachtruhe zwar eine ganz gute Idee ist, in der Praxis jedoch meist nicht herzustellen.

Wir scheinen zu vergessen, dass viele Menschen nachts arbeiten und tagsüber schlafen. Dazu gehören nicht allein Polizistinnen und Ärzte, sondern auch Flugdienstbegleiterinnen und Flugdienstbegleiter. Wer viel unterwegs ist, weiß, dass die Zeit an den jeweiligen Ort gebunden ist. In erster Linie scheint das Wesen der Nacht an subjektive Vorstellungen bestimmter Zustände gebunden zu sein. Um sich schöne Gefühle zu machen, zieht man in der Montag-Nachmittag-Disco „Über 30“ die Vorhänge zu. Es geht um einen Wandel, denn im grellen Nachmittagslicht verträumt zu schwofen, gelingt den meisten Menschen nur noch auf Hochzeiten.

Im Alltag spielt also die Nacht eine zusehends größere, wesentliche, mehrdeutige Rolle, wenn man sich dessen nur einmal bewusst ist. Umso erstaunlicher ist es deshalb, dass sich gegenwärtig die religiösen Feste dagegen auf den Nachmittag und frühen Abend zurückziehen – wo doch die Nacht historisch gesehen gerade im Bewusstsein religiöser Menschen eine so große Rolle spielt. Ist es eine neue Bequemlichkeit? Die Kinderchristmette beginnt heute zwischen 15 und 16 Uhr. Ist das notwendig, denn welches Kind geht an Weihnachten denn schon um halb Acht Uhr abends schlafen? Vielleicht fehlt uns mittlerweile das Gespür für das Besondere und die Bereitschaft, aus dem durchrationalisierten Alltag auszubrechen. Die Dinge des Tages werden in eine pragmatische Ordnung gebracht und der Reihe nach begangen und abgehakt. So „funktioniert“ vieles nur allzugut. Kritisches Denken wird so betäubt. Wir sind langweilig geworden. Das ist schade, gerade für Menschen, die religiös musikalisch bleiben oder werden wollen.

Denn mit Geheimnissen ist es anders. Die Jünger sind eingeschlafen, als Jesus zum Ölberg ging. Dass Menschen die Nacht gemeinsam an einem Ort wachen, scheint unmöglich. Unvorstellbar scheint ein Warten um des Wartens willen, Dasein um des Daseins willen. Warten auf das, was kommen wird. Warten heißt entschleunigen. Der Sabbat (Sonntag) ist für den Menschen da und nicht der Mensch für den Sabbat (Sonntag). Dieser Imperativ scheint heute dringender denn je zu sein. Gerade Dinge, die man um ihrer selbst willen tut, sind ganz besonders wertvoll. Nicht von außen werden Qualitäten zu etwas hinzugefügt, sondern aus sich selbst heraus ist das Sein. Das gilt für die menschliche Würde. Die lange Nacht des Christentums, die Osternacht, ist zu einem Wohlfühl-Ereignis geworden. Die Auferstehung wird in sehr billiger Münze entgegengenommen. Dass Jesus in den Hades hinabgestiegen ist, bevor er auferstanden ist – das bedeutet etwas! – scheint man zu vergessen. Die lange Nacht des Karsamstags verstört kaum noch.

Aus philosophischer Sicht ist die Nacht das Entgegengesetzte, das Andere. Wir können weder Nacht noch Tag behalten. Keine Nacht ohne Tag, kein Tag ohne Nacht. Die Dunkelheit kommt und geht, als solches ist sie unsichtbar. Der nahtlose Übergang des einen in das andere macht das Geschehen vollkommen. Es ist ein ständiger Prozess und unaufhörliches Werden. Dies Einssein in der Verschiedenheit ist ein tief religiöser Gedanke.

Was die Nacht zur Nacht macht, bedenkt auch Edith Stein. Sie führt ihre Reflexion über die Nacht in der „Kreuzeswissenschaft“. Es geht ihr um die Auseinandersetzung mit Johannes vom Kreuz. Über die „Kreuzesbotschaft“ schreibt sie: „Kein Mensch ist je in eine so dunkle Nacht eingegangen wie der Gottmensch in Gethsemani und auf Golgatha. In das unergründliche Geheimnis der Gottverlassenheit des sterbenden Gottmenschen vermag kein forschender Menschengeist einzudringen (...). Wenn sie nicht davor zurückschrecken, sondern sich willig hineinziehen lassen in die Dunkle Nacht, dann wird sie ihnen zum Führer.“ Edith Stein trägt den „Gesang von der Dunklen Nacht“ von Johannes vor: „O Nacht, die Führer war, o Nacht, viel liebenswerter als die Morgenröte! O Nacht, die du verbunden, Die Liebste dem Geliebten, In den Geliebten die Geliebte umgewandelt!“. Darin sieht Stein „(...) äußerste Verlassenheit und eben in dieser Verlassenheit die Vereinigung mit dem Gekreuzigten (...). Kreuz und Nacht sind der Weg zum Himmlischen Licht: das ist die frohe Botschaft vom Kreuz“.

Der neue Weg, der sich vor einem auftue, führe durch undurchdringliches Dunkel, weiß Stein. Die Philosophin fragt, wer den Mut habe, sich dahinein zu wagen? Tagsüber habe man die seelischen Kräfte wie den Willen, den Verstand und das Gedächtnis geübt. Aber in der Nacht würden sie irgendwann ihren Dienst versagen, erfährt sie auch selbst, die Übungen „werden zur Qual, unerträglich öde und fruchtlos“, denn am liebsten „möchte die Seele ganz still verweilen, ohne sich zu rühren, alle Kräfte ruhen lassen“. Zeitvergeudung.

Edith Stein fragt nach dem Symbol der Nacht und findet zwei: die Nacht als „Wahrzeichen“ und als „kosmischer Ausdruck“. In der Reflexion zur Beziehung zwischen der Nacht, dem Leiden und dem Kreuz baut sie auf dem platonischen Gedanken auf, zwischen Urbild und Abbild zu unterscheiden. Zwischen beidem bedarf es keiner inhaltlichen Übereinstimmung. Sie kommt zu dem Schluss, dass es um eine symbolische Formung geht, die man über ihre Ausdruckserscheinung, den echten geistigen Gehalt, versteht. Symbolische Formungen sind vielschichtig, weil sie sowohl Potenz, wie auch Akt sein können und sind. Stein entfernt sich von der ursprünglichen Idee des Symbols als eines auseinandergebrochenen Zeichens. Ihr Symbol-Verständnis beruht auf metaphysischen Einsichten. Die Formung ist hierbei der tatsächlich in der Lebenswelt auffindbare geistige Gehalt, eine Art Verwurzelung. Menschen streben, ebenso wie Pflanzen, dem Licht entgegen. In der symbolischen Formung werden Transzendenz und Lebenswelt ein Ganzes. Hier steht sie auch Ernst Cassirers philosophischem Ansatz nahe. Der Platonismus ist, mit der Annahme ewiger Ideen, die leistungsstärkste Grundlagenforschung der Philosophie. Aber, wie jeder Platonismus, bleibt er die Letztbegründung der Beziehung, die zwischen ewigen Ideen und Wirklichkeit bestehen, schuldig. Symbolische Urzusammenhänge jedoch sind erfahrbar. Wer Edith Steins Schriften kennt, weiß, welch hohen Stellenwert sie der bildenden Kunst in ihrem philosophischen Denken einräumt. Sie sind, so schreibt sie in „Zum Problem der Einfühlung“, „Ausdruckserscheinungen des lebendigen Geistes“ per se. Sie spricht von Emotionalität. Sie bedenkt Emotionalität, als sei sie eine Weise von spirituell aufgeladener Atmosphäre. Darin kommt ihre doppelte, letztlich dreifache Ausrichtung zwischen Naturwissenschaft, Philosophie und Spiritualität zum Tragen.

Über die kosmische Nacht schreibt sie: „Die Nacht hingegen ist etwas Naturhaftes: das Gegenteil des Lichtes, uns und alle Dinge umhüllend (...). Ehe wir das Was (der Nacht) zu fassen suchen, müssen wir uns aber klar machen, dass schon die kosmische Nacht ein doppeltes Gesicht hat.“ Den Begriff des Kosmos interpretiert sie gemäß der alten Griechen als Harmonie zwischen Denken und Sein. Sie schreibt: „Der dunklen und unheimlichen Nacht steht die 'mondbeglänzte Zaubernacht' gegenüber.“ Sie sei von mildem, sanftem Licht und verschlinge die Dinge nicht. Alles Harte und Scharfe sei gedämpft. Dennoch mache uns die Nacht mit etwas bekannt, was wir zuvor nicht sehen konnten. Darauf zu warten wird sich lohnen.

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