Ganz auf der Höhe seiner Zeit

In der Frankfurter Schirn wird Edvard Munch als Künstler der Moderne gezeigt. Von Antonia von Alten
Foto: Museum | Geschwindigkeit der Moderne: Galoppierendes Pferd von Edvard Munch, 1910.
Foto: Museum | Geschwindigkeit der Moderne: Galoppierendes Pferd von Edvard Munch, 1910.

Die Kunsthalle Schirn direkt am Frankfurter Dom hat sich zum Programm gemacht, die Werke von Künstlern, bei denen man das Gefühl hat, alles schon gesehen zu haben, noch einmal unter neuen Aspekten zu betrachten.

Aktuelles Beispiel: Edvard Munch. Der norwegische Maler gilt als bahnbrechend für den Expressionismus, sein Bild „Der Schrei“ ist berühmt wie nur wenige andere. Viele seiner Werke sind aber eher unbekannt. Mit „Edvard Munch – Der moderne Blick“ rückt die Schirn das Spätwerk des Norwegers in den Vordergrund und zeigt eine unbekannte Seite des Künstlers: Edvard Munch war ganz und gar modern, lautet die These dieser rund 130 Werke umfassenden Schau.

Edvard Munch wurde 1863 in L?ten in der norwegischen Provinz Hedmark geboren. Er wuchs in der norwegischen Hauptstadt auf, die zu seiner Zeit Kristiania hieß. Der Vater Christian Munch war ein tief religiöser Militärarzt mit bescheidenem Einkommen. Seine zwanzig Jahre jüngere Ehefrau starb an Tuberkulose, als Edvard erst fünf Jahre alt war. Edvard selbst war von schwacher Gesundheit, aber seine ältere Schwester Sophie war das nächste Opfer der Schwindsucht. Tod und Krankheit begleiteten die Familie Zeit seines Lebens und sollten Munchs Werk ebenso maßgeblich prägen wie seine chronische manisch-depressive Störung. Auf Wunsch des Vaters begann Munch 1879 ein Ingenieurstudium an einer Technischen Schule in Kristiania, ein Jahr später wurde er an die Königliche Zeichenschule zugelassen. Mehrere Aufenthalte in Paris führten ab 1885 zu Munchs Bruch mit dem impressionistischen Stil.

Nach dem Tod seines Vater 1889 und einer tiefen Depression entwickelte Munch in einer Art expressivem Symbolismus Metaphern und Bildformeln für innere Erlebnisse und wurde zum Wegbereiter des Expressionismus. Munchs zunehmender künstlerischer Erfolg zu Beginn des 20. Jahrhunderts ging mit ruhelosen Aufenthalten in Paris und Berlin einher und wurde zunehmend von Alkoholproblemen und psychischen Konflikten begleitet. Nach einem Nervenzusammenbruch und einer mehrmonatigen Behandlung im Spätsommer 1908 ließ sich Munch wieder fest in Norwegen nieder. 1916 erwarb Munch das Anwesen Ekely in der Nähe von Kristiania, wo er bis zu seinem Tod am 23. Januar 1944 zurückgezogen lebte.

Munch – so die gängige Auffassung – ist ein Künstler des 19. Jahrhunderts, dessen symbolistische oder expressionistische Malerei in einem Atemzug mit der Paul Gauguins oder Vincent van Goghs genannt wird. Zwar wurde Munch 1863 geboren und begann in den 1880er Jahren zu malen, jedoch entstanden drei Viertel seiner Werke in der Zeit nach 1900. Gestorben ist Munch 1944 im selben Jahr wie die Wegbereiter der Moderne Piet Mondrian und Wassily Kandinsky.

Diesen ganz anderen Blickwinkel nimmt die Frankfurter Ausstellung ein. Gezeigt wird der „moderne“ Munch vor allem der Jahre nach 1900, der sich für Fotografie, den Film, das Theater, die Zeitschriften und die Politik seiner Zeit interessiert, der mit dem elektrischen Licht oder der gerade entdeckten Radioaktivität experimentiert.

Nicht dem einsamen und depressiven Künstler, der sich ausschließlich der Darstellung seines inneren Universums widmete, gilt das alleinige Interesse, sondern dem Maler, der auf der Höhe der ästhetischen Debatten seiner Zeit war und demonstriert, dass er sich in seinem Schaffen beständig im Dialog mit den neuesten Darstellungsformen befand.

Edvard Munch gehörte einer Künstlergeneration an, die sich zur Jahrhundertwende der Fotografie zuwandte. 1902 erwarb er in Berlin eine kleine Kodak-Kamera und begann damit, neben Aufnahmen von Gemälden und Orten, mit denen er Erinnerungen verband, auch verstärkt Selbstbildnisse zu machen. Nach heutigem Kenntnisstand dürfte er in der Geschichte der Fotografie der Erste gewesen sein, der Selbstporträts am ausgestreckten Arm machte – eine Praxis, die heute im Zeitalter der Handykamera allgemeine Verbreitung gefunden hat. Munch war auch ein begeisterter Cineast und übernahm Effekte aus dem Kino in seine Malerei: „Galoppierendes Pferd“ nimmt eine klassische Filmperspektive ein, in der Züge, Reiter, Tierherden auf das Publikum im Kino zurasten und es damit bereits in den Vor-3D-Zeiten ausreichend erschreckten.

Der Künstler an der Schwelle zum Tod

Die Begeisterung Munchs für das neue Medium ist letztlich nur eine andere Seite des innerlichen und gefühlsbetonten Künstlers: Schließlich brachte Kino von Anfang an auch große Gefühle auf die Leinwand. Die Frankfurter Ausstellung zeigt viele bekannte Munch-Gemälde, die um Emotionen wie Liebe, Angst oder Trauer kreisen. Über die Jahre hinweg fertigte er viele Varianten seiner Schlüsselmotive an. Sechs Versionen von „Das kranke Kind“, sieben von „Mädchen auf der Brücke“ und zehn von „Vampir“ offenbaren die Wiederholung als eine der wesentlichen Konstanten in Munchs Werk. Wie zeigt man Trauer, Verzweiflung, Angst? Diese Fragen trieben den Künstler um und führten dazu, dass er die Bilder, Fotos und Filmsequenzen so oft wiederholte. Besonders beschäftigte sich Munch mit dem Motiv einer weinenden, nackt vor einem Bett stehenden Frau. Zwischen 1906 und 1930 schuf er sechs Gemälde sowie mehrere Zeichnungen, eine Fotografie, einen Druck und eine Skulptur zu diesem Thema.

Die Beschäftigung mit dem eigenen Tod wird für Munch in den letzten Lebensjahren ein starkes Bedürfnis. In dem großformatigen „Selbstbildnis zwischen Uhr und Bett“, das vermutlich um 1940 entstanden ist, erscheint der Tod metaphorisch als Übergang zwischen zwei Welten. Zwischen dem Mahnmal der abgelaufenen Zeit – der Standuhr ohne Zeiger und Zifferblatt – und dem Bett – dem Ort, an dem man geboren wird und die meisten auch sterben – steht der Künstler an der Schwelle zum Tod, bereit, den letzten Schritt zu tun.

Die Ausstellung, die zum ersten Mal in Deutschland zu sehen ist, ist eine Kooperation der Schirn mit dem Centre Pompidou in Paris und dem Munch-Museum in Oslo. Bis zum 23. Januar war sie in Frankreich zu Gast und belegte Platz sechs der besucherstärksten Ausstellungen in der Geschichte des Centre Pompidou: Fast 500 000 Menschen besuchten die Ausstellung. Vom 28. Juni bis 12. Oktober sind die Arbeiten in der Tate Modern in London zu sehen.

Bis 13. Mai, Schirn Kunsthalle Frankfurt, Römerberg. Tel.: 069/2 99 88 20. Geöffnet Di. bis So. 10–19, Mi. und Do. 10–22 Uhr. Eintritt 10,– Euro. Katalog 39,80 Euro. www.schirn.de

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