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Fürchtet euch nicht

Viele dachten, wir steuern auf ein Wohlfahrtsparadies zu, das keine Zwietracht mehr kennt. Seit dem Ukraine-Krieg wissen wir, dass wir uns das Böse und die Widersprüchlichkeiten nicht einfach wegwünschen können.
Ukraine-Konflikt - Odessa
Foto: Petros Giannakouris (AP) | Das Gute ist voller Rätsel, doch führt es eine machtvolle Klinge. Eine Frau und ihre Tochter schauen aus dem Fenster eines Zuges, mit dem sie vor dem Krieg in der Ukraine fliehen wollen.

Beim Philosophen Schelling finden wir das Wort: „Alles, was wird, kann nur in Unmut werden, und wie Angst die Grundempfindung jedes lebenden Geschöpfes, so ist alles, was lebt, nur in heftigem Streit empfangen und geboren.“ Er schrieb dies um 1811. Damals tobte Napoleon durch Europa, die Franzosen hielten Deutschland besetzt. Die industrielle Revolution war in vollem Gange. Viele Menschen fühlten sich verunsichert, suchten Halt in der privaten Behaglichkeit des Biedermeier. Es war ein bisschen wie heute, allerdings ohne Internet.

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Wahrheitsschatz aller Kulturen

Was Schelling uns mitteilt, gehört zum Weisheitsschatz aller Kulturen. Leben pulsiert beständig in Polaritäten. Das wussten schon die Alten. Der Grieche Heraklit wusste: „Kampf ist Vater von allem.“ Bei den Chinesen ringen die Prinzipien Yin und Yang miteinander. In der Bibel lässt der All-Einzige das Seiende aus dem Chaos, dem Tohuwabohu, zur Welt kommen. Erleuchtete Menschen verraten bisweilen, die Wahrheit sei paradox. Und auch der moderne Feminismus deutet alles, was geschieht, aus dem ewigen Gezänk zwischen Mann und Frau.

Umso erstaunlicher, dass sich unsere Gegenwart immer konfliktscheuer zeigt und der Streit, die Auseinandersetzung, die Uneinigkeit einen so schlechten Leumund genießt. Ein allgegenwärtiges Lamento besagt, unsere Gesellschaft sei gespalten – als ob es in einem freiheitlich und demokratisch verfassten Gemeinwesen etwas Sonderbares sei, wenn die Menschen über Fragen von Zuwanderung, Klimawandel, Pandemie-Management und neuerdings wieder Krieg in Europa verschiedene Meinungen vertreten.

Stattdessen läuft eine dauerhafte Rasterfahndung nach Abweichlern von einem politisch korrekten Meinungskorridor, Impfgegner werden zu Volksschädlingen deklariert, mit Schlagworten wie Kampf gegen Rechts, Nazis, Rassismus oder Sexismus werden Nutzer der sozialen Medien oft genug willkürlich gemaßregelt. Eine Allensbach-Umfrage im Juni 2021 ergab, dass nur 45 Prozent der Befragten die Meinungsfreiheit gewahrt sehen. 44 Prozent gaben an, es sei besser, vorsichtig zu sein. Heikle Themen seien Islam (59 Prozent), Vaterland und Patriotismus (28 Prozent) sowie die Gleichberechtigung der Frauen (19 Prozent).

Denken verblüht

Wo das Sprechen auf immer mehr Tabus stößt, verblüht auch das Denken. Denn Denken bedeutet bekanntlich, Unterschiede zu machen. In ihrem Gleichstellungsfuror aber wollen progressive Sturmtruppen Differenzen möglichst beseitigen. Das Allzumenschliche wird kurzerhand zu Stereotypen erklärt, die es zu bekämpfen gilt. Männer und Frauen finden sich auf einmal in Geschlechterrollen wieder, die nicht nur hinterfragt, sondern am besten gleich überwunden und durch die amorphe Figur Mensch ersetzt gehören. Ebenso ergeht es den Nationen, die einer vereinheitlichten Menschheit weichen sollen.

Wohin wir blicken, marschieren wir Einebnungen entgegen. Gegensätzlichkeiten, Widersprüchlichkeiten, Fremdheiten und Anderssein werden von der Wokeness-Bewegung, die sich anschickt, unsere westliche Kultursphäre zu dominieren, als Zumutungen empfunden. Wer sich dem widersetzt und diesen breiförmig blubbernden Toleranzmief durchlüften will, gilt als menschenverachtend und irgendwie rechts.

Aus der Komfortzone

In der Folge macht sich eine Müdigkeit breit, eine Vitalitätsarmut, die auch unsere technische Mobilität und eine schnaufende Eventindustrie nicht verbergen kann. Zündende gesellschaftliche Ideen fehlen seit langem. Der politische Diskurs rotiert in einer Beschwichtigungsspirale und ist zur Propaganda eines leerlaufenden Moralismus verkommen. Auch unser Kulturleben performt in Dauerschleife Bekenntnisse. Welches zeitgenössische Kunstwerk vermag uns noch aus den Angeln zu heben und zu verwandeln? Alles kreist um sich selbst. Diese Geistesschläfrigkeit scheint auch eine ontologische Windstille zu sein.
Der deutsch-koreanische Philosoph Byung-Chul Han beschreibt diesen Zustand: „Jede Verletzung soll vermieden werden. Leiden und Leidenschaft sind Figuren der Negativität. Sie weichen auf der einen Seite dem negativitätslosen Genuss.“

Doch in dieser Komfortzone erscheinen auch die Dämonen, „die psychischen Störungen wie Erschöpfung, Müdigkeit und Depression, die auf ein Übermaß an Positivität zurückzuführen sind“. Das Verdrängte holt uns immer wieder ein. Wie ist es zu dieser Seinsermattung, diesem Nachlassen von existenzieller Spannkraft gekommen? Noch einmal Byung-Chul Han: „Der moderne Glaubensverlust, der nicht nur Gott oder das Jenseits, sondern auch die Realität betrifft, macht das menschliche Leben radikal vergänglich. Nichts verspricht Dauer und Bestand.

Angesichts dieses Mangels an Sein entstehen Nervositäten und Unruhen.“ Dieser Glaubensverlust in der Moderne wurde bei Jean-Paul Sartre zu einer anthropologischen Konstante erkoren: „Mensch sein heißt danach streben, Gott zu sein, oder, wenn man lieber will, der Mensch ist grundlegend Begierde, Gott zu sein.“ Und tatsächlich ist der Prozess der Aufklärung bis hinein in die Postmoderne gekennzeichnet von einer eskalierenden Selbstermächtigung der menschlichen Spezies.

Gottähnliche Allmacht

Die Schweizer Autorin Monika Hausammann nennt das Aufschwingen des Menschen zu gottähnlicher Allmacht „die große Verkehrung“. In ihrem jüngst unter diesem Titel bei Fontis erschienenen Buch stellt sie den modernen Personenbegriff dem biblischen Denken gegenüber. Für das zeitgenössische Individuum, sagt sie, gilt „das Konzept des leeren Gefäßes“. Der Mensch werde als „ein Wesen von identitätsloser Leere, von tierhafter Unschuld und im Grunde jenseits der Verantwortung“ gedacht.

„Er ist weder gut noch böse, er ist einfach: zufällig und ausschließlich sich selbst gehörend.“ Und weil dieser Mensch nur sich selbst gehört, aber nirgends dazu, sagt Hausammann, „hat alles außerhalb seiner Person als Funktion dem Werden eines absoluten Ich dienstbar gemacht zu werden“. Humanismus und Aufklärung postulieren eine sinnleere Existenz, der wir mit einem „Dennoch der Selbstverwirklichung“ zu trotzen haben. Hausammann spricht von einer „Aufforderung zu einer Ich-Herrschaft“ und „einer uferlosen Einsamkeit im Angesicht einer übermenschlichen Aufgabe“. Hingegen ist das biblische Bild vom Menschen von einer umfassenden Zugehörigkeit durchdrungen. „Der Mensch der Bibel ist zu jeder Zeit Gewollter und Geliebter, Angesprochener und in die Verantwortung Berufener. Hierin ist seine Gottesebenbildlichkeit begründet“, schreibt Hausammann.

Verelendung der Zeitgenossen

Es liegt auf der Hand, dass Zeitgenossen, die meinen, nur sich selbst zu gehören, in ihrer existenziellen Verelendung dazu neigen, das, was sie für ihre Wirklichkeit halten, möglichst passförmig zu gestalten. Darum diese Konfliktscheu, darum die Flucht vor Widerspruch, darum der Hang zu träger Weltgemütlichkeit – als sei alles ein Stück von mir. Siebzig Jahre wachsender Wohlstand und Frieden haben diese Seinsbehäbigkeit gemästet. Fünf Jahrzehnte Klangteppich der Achtundsechziger haben dies mit kritisch dräuendem Lebensgefühl verschleiert. Denn, so der Historiker Hans-Ulrich Wehler, von den „ursprünglichen politischen Zielen“ dieser Bewegung sei „nur eine einzige Forderung: freie Bahn für den Individualismus im Verein mit einem unbeschwerten Lebens- und Konsumgenuss, übrig geblieben“.

Der Ukraine-Krieg hat viele Gewissheiten verblassen lassen. Die Doktrin des Pazifismus erscheint auf einmal nicht mehr überzeugend, auf einmal stehen die Beschwichtiger und ewigen Verhandler mit leeren Händen da, weil ein Angreifer alles überrollt und Entscheidungen erzwingt. Auf einmal wird Clausewitz hervorgeholt, der den Krieg als Mittel der Politik verstand. Auch Carl Schmitt kommt in Erinnerung, der jenen als souverän bezeichnet, der über den Ausnahmezustand gebietet.

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Auf einmal beobachten wir, wie ukrainische Männer ihre Frauen und Kinder ins sichere Ausland bringen und selbst ihr Land verteidigen. Und wer angesichts dessen die Wiederkehr traditioneller Rollenmuster und feministische Rückschläge beklagt, blamiert sich als ein aus der Welt gefallener Ewiggestriger. Ja, es steht vieles auf dem Kopf. Wir spüren, der Unmut ist zurück. Wir merken, dass die Angst vor der Pandemie, die uns zwei Jahre in Bann schlug, ein lindes Vorspiel sein könnte für das, was uns an Unheil noch drohen kann.

Nicht verzagen

Die Idylle des Goetheschen Osterspaziergangs, all das bunte Gewimmel, des Volkes wahrer Himmel, zufrieden jauchzet groß und klein, scheint einstweilen zu pausieren. Das Böse, das Bedrohliche, das Beängstigende, das Unbequeme tritt wieder hervor wie ein längst vergessener Bekannter.

Trotzdem haben wir keinen Anlass, zu verzagen. Die andere Seite der Angst ist die Liebe. Das Gute ist voller Rätsel, doch führt es eine machtvolle Klinge. Nie haben wir mehr Gelegenheiten zu helfen als in Zeiten der Not. Sogar im Grauen der Konzentrationslager wurde musiziert. Fürchtet euch nicht, heißt es in der Bibel immer wieder. Denn Mut ist keine Bürde, sondern sinnstiftend.

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