Fünfzig Hauptwerke der Philosophie (20): Beginn der Vernunftkrise

Unter den Fachleuten herrscht seit jeher Einigkeit, dass der Spätscholastiker Wilhelm von Ockham (ca. 1285–1349) neben dem großen Gelehrten der Hochscholastik, Thomas von Aquin (1224–1274), und Johannes Duns Scotus (ca. 1266–1308) zu den prägenden Philosophen der Scholastik gehört. Dass der aus einem Dorf südwestlich von London stammende Ockham allerdings auch zu den bedeutendsten Denkern zählt, was die gerade in der Postmoderne wieder hochaktuelle Sprachphilosophie angeht, dessen wurde man sich erst in den letzten Jahrzehnten wirklich bewusst.

Über Ockhams Herkunft ist so wenig bekannt, dass man nicht einmal weiß, ob er englisch- oder französischsprachig aufwuchs. Fest steht hingegen, dass seine frühe Bildung durch die franziskanische Schule geprägt ist. Über seine philosophischen Studien bis 1310 gibt es nur wenige Berichte, aber man weiß, dass er sich ab 1310 der Theologie zuwandte. Ab 1321 lehrt er Philosophie und beginnt, erste Kommentare zur Logik zu verfassen. Als 1322 nach wachsender Kritik die erste Anklage wegen häretischer Lehren vor das päpstliche Gericht kam, entschloss sich Ockham 1324, England den Rücken zu kehren und nach Avignon zu gehen, der damaligen Residenz des Papstes. Aber auch hier kann er nicht lange bleiben: Nach dem Bruch mit dem Papst im sogenannten Armutsstreit über die Erhaltung des Armutsideals des Franziskanerordens, in dem Ockham die Überzeugung vertritt, es sei eine Ketzerei zu behaupten, Jesus und seine Jünger hätten Eigentum besessen, flieht er 1328 in einer Nacht- und Nebelaktion erneut; zunächst nach Italien, später weiter nach München, wo er den Rest seines Lebens verbringt.

Viele tiefgreifende geistige Umbrüche seiner Zeit sind von Ockham maßgeblich mit angestoßen und getragen worden. Ausschlaggebend dafür ist vor allen Dingen Ockhams Position im berühmten Universalienstreit: In der Frage, ob Allgemeinbegriffen eine eigene Wirklichkeit zukomme, bezog er mit seiner nominalistischen Position deutlich Stellung gegen den Realismus eines Thomas von Aquin und dessen Lehrer Albertus Magnus (1200–1280).

Einen Großteil der dazu notwendigen logischen Überlegungen findet man in seinem Werk „Summa logicae“, von dem man annimmt, dass es noch 1324 in London fertiggestellt wurde. Verfasst für die im Rahmen des Theologiestudiums geforderte Philosophieausbildung und dem Schema der aristotelischen Logik entsprechend, liefert das dreiteilige Werk (Begriffsanalyse, Satzlehre und logische Beweise bis hin zur Untersuchung von Fehlschlüssen) ein umfassendes Instrumentarium für die Analyse von Sprache. Obwohl Ockham seine Logik selbstverständlich nicht aus dem Nichts aufbaute, sondern vielmehr eine starke Tradition der Logik aus dem 13. und 14. Jahrhundert als Sprungbrett nutzte, die zunächst auf Boethius, aber über diesen hinaus bis auf Aristoteles zurückgeht, gilt die „Summa logicae“ bis zum heutigen Tag als eine der eigenständigsten Arbeiten in der Logik überhaupt. Wer sich einmal auf die komplexe wissenschaftliche Sprache einlässt, kann mit dem Gewinn rechnen, sich eine umfassende Verständnisgrundlage für das gesamte ockhamsche Denken erarbeitet zu haben.

Eine zentrale Stellung nimmt zweifelsohne die Suppositionslehre Ockhams ein: Ein bestimmter Begriff bezeichnet nicht per se nur eine bestimmte Sache, sondern erhält seine Bedeutung erst aus dem Satzzusammenhang heraus. Dasselbe gilt für die Termini „wahr“ und „falsch“, die so zu konnotativen Begriffen werden. Da außerdem alles Existierende dinglich und damit singulär ist, erweist sich das Universale nur als ein fictum, eine „anschauliche Einzelvorstellung“. Universales und Singulares stellen ein und dasselbe Objekt dar, unterschieden allein durch die Betrachtungsweise unseres Intellekts. Jede Hierarchie oder weitere denkbare Kategorie ist daher nichts Reales, sondern nur eine Schöpfung unseres Denkens. Diese Rückführung aller Erkenntnisse auf empirische Erfahrungen wendet sich vor allem gegen das platonische Schauen der Ideen im Einzelobjekt. Wir haben hier Ockhams berühmtes „Rasiermesser“ vor Augen, mit dem er den „Bart Platons“ – stellvertretend für die Metaphysik – abschneiden will.

Eine solche Erkenntnistheorie hat schwerwiegende wissenstheoretische und anthropologische Konsequenzen: Denn erfahrene Wahrheit beschränkt sich auf eine blitzartige Momentaufnahme des Außendinges und ist immer in der Subjektivität verankert. Damit werden aber in letzter Konsequenz die Sinne Grundlage allen Verstehens. Dass es keiner Synthesis bedarf, um die menschliche Vernunft intelligent zu machen, ist nicht nur eine schwerwiegende Kritik an der augustinischen Illuminationsthese, sondern läutet ein neues ratio-Verständnis ein, das Jahrhunderte später im abendländischen Rationalismus mündet und schließlich in seiner zugespitzten Form in der großen Vernunftkrise des 20. Jahrhunderts kulminiert.

Über dieses neue Wesensverständnis der menschlichen Vernunft hinaus wird auch das Verhältnis von Logik und Theologie, Wissen und Meinung neu bestimmt. Der Unterschied liegt nicht in verschiedenen Propositionen, sondern allein in differenten Gründen der Zustimmung. Das hat weitreichende Folgen: Wissen und Offenbarung, Philosophie und Theologie brechen plötzlich auseinander. Und so wundert es wenig, dass einer der maßgeblichen Vorwürfe gegen Ockham lautete, er beschleunige den Zerfall der Natur und Mensch umfassenden Gesamtordnung.

Auf der anderen Seite bietet ein derartiges neues Realitätsverständnis nun seinerseits die Grundlage für die aufkommenden Naturwissenschaften und lässt die Frage entstehen, ob für Ockham trotz des im Subjektiven verankerten Wahrheitsverständnisses schon ein objektives Erkennen im Sinne der modernen Wissenschaft möglich ist. Einiges scheint dafür zu sprechen: Zwar verfügen wir Ockham zufolge nur über ein mittelbares Wissen von den Dingen, da die Termini nur für die Dinge stehen, nicht aber mit ihnen identisch sind. Dennoch ist unser Wissen ein Wissen von den Dingen, das heißt es bezieht sich zwar auf Bewusstseinsinhalte, diese wiederum haben aber wirkliche Dinge als Voraussetzung. Die so aufgestellte Sinnbeziehung verbindet Sprache mit Welt, durch sie nimmt der Intellekt am Hier und Jetzt teil.

Mit dieser neuen Stoßrichtung des Philosophierens erwies sich Ockham Zeit seines Lebens als selbstbewusster und selbstständiger Denker. Autoritäten konnten seine Meinung nur wenig beeinflussen. Kein Wunder also, dass seine Lehre, obwohl er gerade auf philosophischem und theologischem Gebiet großen Einfluss hatte, keineswegs unangefochten blieb. In der Epistemologie hatten selbst überzeugte Schüler wie Adam de Wodeham (ca. 1300–1358) Schwierigkeiten, ihrem verehrten Lehrer zu folgen.

Oft wurde erst in der Neuzeit die ganze Bedeutung seiner Vorstöße erkannt und ausgeschöpft. So knüpfte Locke mit seinem antirealistischen konzeptualistischen Nominalismus, in dem Inhalt und Umfang des Allgemeinbegriffs nicht mehr auseinander gehalten sind, an das von Ockham noch nicht eindeutig gelöste Problem zwischen Konzeptualismus und Nominalismus an. Weitere Echos seiner Logik können bis in den Anfang von Hobbes' Leviathan hinein aufgespürt werden. Und schließlich trägt Ockham einen maßgeblichen Anteil daran, dass die syllogistische Logik und die Modallogik so weit fortgeschritten sind oder die Präpositionallogik die Form hat, die wir heute kennen.

Angesichts der Bedeutung der Schriften Ockhams für das Denken der Neuzeit scheint es umso erstaunlicher, dass sich – anders als etwa im englischsprachigen Raum – kaum deutsche Übersetzungen finden lassen. Nicht nur für die Sprachphilosophie, sondern vor allen Dingen für ein umfassenderes Verständnis der abendländischen Geistesgeschichte wäre eine Änderung dieses Zustandes mehr als wünschenswert.

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