Friedrich Schiller ohne Pathos

Marbach am Neckar hat die Feierlichkeiten zum 250. Geburtstag des Dichters beendet

„Durch diese hohle Gasse muss er kommen“, „man soll den Tag nicht vor dem Abend loben“, „der Mohr hat seine Arbeit getan, der Mohr kann gehen“: Dem größten Sohn der Stadt kann man in diesem Jahr in Marbach am Neckar nicht entgehen. An allen Ecken, in allen Straßen Zitate von Friedrich Schiller und 24 riesige Bücher, von denen jedes ein Werk des „Dichters der Freiheit“ darstellt, das es zu erraten gilt. Mit einer Party zum 250. Geburtstag in der gesamten Innenstadt unter dem etwas flapsigen Motto „Happy birthday, Schiller!“ ging das Jubiläumsjahr am vergangenen (verkaufsoffenen) Sonntag fröhlich-locker und nicht ganz ohne kommerzielle Nebengedanken zu Ende.

Am Geburtshaus des Dichterfürsten kommt (nicht nur) in diesem Jahr natürlich niemand vorbei. Dabei ist das Fachwerkhaus in der Niklastorstraße eher klein, bescheiden und unscheinbar. An diesem Wochenende drängeln sich die Besucher. Seit dem Geburtstag am 10. November haben sich unter anderem Ungarn, Japaner, Italiener und Deutsche aus allen Gegenden des Landes ins Gästebuch eingetragen. „Raum ist in der kleinsten Hütte“ – dieses Zitat dürfte vielen einfallen, wenn sie durch die kürzlich renovierten kleinen, engen Zimmer schlendern, in denen so wenig vom großen Dichter zu sehen ist.

Doch die Atmosphäre des Hauses, das (vermutliche) Taufhäubchen des Babys Schiller, der Eintrag ins Taufbuch der evangelischen Gemeinde, ein leinener Kinderanzug und das Spinnrad der Mutter machen den Besuch allemal lohnenswert.

„Spät kommt ihr, doch ihr kommt“, steht auf den Türen der Stadthalle, in der am Samstagabend unter dem Titel „Weil es die Schönheit ist, durch welche man zu der Freyheit wandelt“ die Schauspieler Walter Sittler und Berit Fromme sehr subjektiv den Freiheitsspuren in Schillers Werken folgen. Im Rahmen einer szenischen Lesung bringen sie „auf den Brettern, die die Welt bedeuten“ Wohlbekanntes, aber auch Unbekanntes zu Gehör. Den Zuschauern im gut gefüllten, aber keineswegs ausverkauften Saal der Stadthalle bieten sie einen Querschnitt durch das Werk des großen Marbachers – von dem Volkslied „Die Gedanken sind frei“ über Schillers Antrittsvorlesung in Jena („Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?“) über die Ankündigung der Rheinischen Thalia und seine Betrachtungen über das Pathetische und einen Brief an Gottfried Körner bis hin zu ausgewählten Gedichten.

In mildem Dämmerlicht

Das Erstaunliche: Dem vom Fernsehen her vor allem als Kommissar bekannten Walter Sittler, der beispielsweise mit dem „Handschuh“ von 1797 glänzt, stiehlt Berit Fromme, Leiterin des Stuttgarter „Schauspiel Independent“ im Laufe des Abends immer mehr die Show. Selten hat man die so häufig strapazierte „Bürgschaft“ so eindringlich, spannend und mitreißend gehört wie in der Version der attraktiven Schauspielerin und Sängerin, die mit ihrer angenehmen, einschmeichelnden Stimme auch mit Gesangseinlagen brilliert. Zu wahrhaft majetätischer Größe findet sie nach der Pause, wenn sie zusammen mit Sittler Dialoge aus der „Jungfrau von Orléans“ und „Maria Stuart“ (mit Sittler als Elisabeth) interpretiert und dabei viele szenische Aufführungen des heutigen Regietheaters trotz kleiner Versprecher in den Schatten stellt. Ihren Monolog der nachdenklichen, zweifelnden, überraschend der Liebe begegnenden Johanna von Orléans werden die Zuschauer so schnell nicht vergessen.

Nur wenige Meter von der Stadthalle entfernt steht, ebenfalls auf der Schillerhöhe und hoch über dem Neckartal, ein Tempel der deutschen Literatur: Das erst vor wenigen Tagen von Bundespräsident Horst Köhler wiedereröffnete Schiller-Nationalmuseum. Drei Jahre lang ist der strahlendweiße klassizistische Bau saniert worden, und dementsprechend groß waren jetzt die Erwartungen, als das Haus sich am Sonntag im Rahmen eines „Tags der Offenen Tür“ den Besucherscharen präsentierte. Um es gleich vorwegzunehmen: Alle Kritiker, die in den ersten Tagen kaum ein gutes Haar an der Neukonzeption gelassen hatten, haben leider nur allzu recht. Das Schiller-Nationalmuseum ist ein magischer, mythischer Ort des deutschen Geisteslebens, doch drinnen hat man ihm jetzt alles Magische und Mythische ausgetrieben. Nur ja kein Kult um den großen Friedrich Schiller mehr, scheint die oberste Maxime gelautet zu haben. Jegliches Pathos wird peinlichst vermieden – um den Preis, dass man Schiller und die deutsche Literatur damit der Nüchternheit, Kühle und Sterilität des modernen Internet-Zeitalters ausliefert. Der zentrale Raum des Musen-Tempels, der hohe Schillersaal, bisher herausragender Ort der Verehrung, ist – leer. Nur noch die Wandreliefs zu seinen Balladen weisen auf einen der größten deutschen Schriftsteller hin. Wäre da nicht der weite, grandiose Ausblick über das Neckartal bis hin zum Hohenasperg, dem „Schicksalsberg der schwäbischen Dichter“ (Museumdirektorin Heike Gfrereis), so wäre die Enttäuschung bereits hier am Anfang groß.

Immerhin: Im Nordflügel des Museums, der ausschließlich Schiller, seiner Arbeitsweise, seinem Lebenslauf, seinem Erfahrungshorizont, seinen Abbildern und Hinterlassenschaften gewidmet ist, wird Dichtkunst noch einigermaßen anschaulich, besonders im Eingangsraum mit seinen fast drei Dutzend Porträts und zahlreichen Büsten und Totenmasken. Auch das Kabinett mit Schillers Hut, Weste, Hose und Strümpfen über die Tabakdosen, Schreibfedern, Löffel und Gläser bis hin zu seinen Handwärmern und Stücken macht Literatur sinnlich erfahrbar. Ansonsten aber Vitrinen, Vitrinen, mit Briefen, Büchern, Zetteln, Druckfahnen, Satzvorlagen und Manuskripten. Drüben, im anderen Flügel des Nationalmuseums, wo die schwäbische Dichterschule und andere wichtige deutsche Schriftsteller ausgestellt sind, wird das dann noch massiver. Hier wird selbst der literarisch hochinteressierte Besucher in Ratlosigkeit, ja beinahe schon in Verzweiflung gestürzt, wenn er etwa mit der Verwendung der Satz- und Pausenzeichen bei Klopstock, Kerner oder Mörike konfrontiert, sonst aber in puncto Orientierung ziemlich allein gelassen wird. Wirft man dann noch einen kurzen Blick ins benachbarte Literaturmuseum der Moderne und seine Dauerausstellung, so wird einem endgültig klar: Der unsinnliche, sich vor allem an Forscher, Kenner und Experten wendende Purismus ist hier Prinzip. Auch hier wieder nur lauter Vitrinen.

Drüben im Nationalmuseum werden im milden Dämmerlicht von 50 Lux und bei 18 Grad Raumtemperatur die wertvollen Originalpapiere technisch und konservatorisch mustergültig ausgestellt, und auch hier herrscht Halbdunkel. Heike Gfrereis und das Architekturbüro David Chipperfield haben klare Prioritäten gesetzt – für die Connaisseure und Wissenschaftler, denen philologische Delikatessen vorgesetzt werden, gegen die Laien und Liebhaber der Literatur, die hier – wie erst recht die bald zu erwartenden Schulklassen – eigentlich nicht mehr viel zu suchen haben. Kein Zweifel: Das ist ein Schaufenster des benachbarten Deutschen Literaturarchivs mit seinen unendlich vielen wertvollen Handschriften, aber eines, an dessen unattraktiv präsentierten Auslagen man am liebsten achtlos vorübergehen würde. Weniger wäre hier mehr gewesen.

Weniger elitär und einschüchternd geht es währenddessen unten in der malerischen Altstadt von Marbach zu. Dort haben inzwischen die Geschäfte geöffnet, verkaufen Schillerwein, Schillerlocken und Schillerbrot, und eine Buchhandlung gibt „Tells Apfel“ sogar kostenlos an ihre Kunden weiter. Bei Ladenlesungen in Buchhandlungen, Bürogeschäften, Juwelieren oder Optikern bringen die Künstler der „Akademie für das gesprochene Wort“ Geburtstagsgrüße für den Jubilar sowie Schillersche Texte zu Liebe und Schenken, Feiern und Natur zu Gehör. Zu den fetzigen Jazz-Klängen des „Acoustic Swing Trio“ strömt eine große Menschenmenge durch die lang gestreckte Marktstraße. Ob hier alle wegen Schiller gekommen sind oder doch nur wegen eines Einkaufsbummels am verkaufsoffenen Sonntag? Schiller jedenfalls ist in seiner Geburtsstadt lebendig.

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