Friedensarbeit mit der Piccoloflöte

Mit seiner Friedensmesse wollte Karl Jenkins auf die weltweiten politischen Konflikte aufmerksam machen. Von Barbara Stühlmeyer
Foto: Stühlmeyer | „Gott wird alle Tränen von ihren Augen abwischen“, heißt es in einem Text bei Jenkins aus der Offenbarung des Johannes.

Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil kam der bis dahin breit fließende Strom von Messkompositionen zwar nicht zum Erliegen, aber er wurde doch wesentlich schmaler. Gerade große Komponisten sahen keinen Sinn mehr darin, ihre Kraft und Inspiration einer Gottesdienstform zu widmen, die ihren künstlerischen Anspruch mehr oder weniger komplett aufgegeben und sich radikal einer deutlich weniger qualitätvollen, als pastoral konnotierten Feierform zugewandt hatte. Die Wortlastigkeit dieser Gottesdienste, bei denen im Extremfall nahezu jeder Schritt paraphrasiert oder kommentiert wurde, ließ kaum noch Raum für die Grundhaltung des Glaubens, das Hören. Einige bemerkenswerte Ausnahmen bestätigen jedoch die leider geltende Regel, dass Messkompositionen heutzutage fast ausschließlich Gebrauchsmusik sind.

Man schrieb das Jahr 1999, als der 1944 geborne Sir Karl Jenkins eine Messe mit dem Titel „The Armed Man – A Mass for Peace“ komponierte. Damals wie heute standen die Zeichen der Zeit weltweit auf Konflikt. Ganz ähnlich wie Benjamin Britten sein War-Requiem verstand auch der am 17. Februar 1944 unter dem Namen Karl William Pamp Jenkins in Wales geborene Musiker seine Messe als Mahnung zum Frieden und dedizierte sie den Opfern des Kosovokrieges. Auf den ersten Blick mag dies überraschen, denn der Titel des Werkes, der übersetzt „der bewaffnete Mann“ bedeutet, erscheint wenig friedfertig. Aber das Gegenteil ist der Fall. Denn dieses interkulturelle Opus zeigt die vielfältigen Möglichkeiten auf, in der religiöse Komponisten, die ihr Ohr am Puls der Zeit haben und zugleich ausgewiesene Kenner der Musikgeschichte sind, tönende und zum Frieden anstiftende Netzwerke weben können. Der Titel der Messkomposition Jenkins bezieht sich nämlich auf ein weltliches französisches Lied aus der Renaissance, das bereits mehr als 40 Messkompositionen zugrunde liegt. Im französischen Original „L'homme armé“ beschreibt der Text die Ambivalenz der auch in der Mitte des 15. Jahrhunderts kritischen politischen Situation. Konstantinopel war, als das Lied, das vor einem bewaffneten Mann warnt, entstand, gerade von den Türken erobert worden. Die Auseinandersetzung zwischen den Weltreligionen Christentum und Islam war virulent. Aufrufe, sich zu bewaffnen und zur Wehr zu setzen, wechselten mit Mahnungen zum Frieden. Letztere griffen vor allem Komponisten auf und legten, wie beispielsweise Guillaume Duffay, die dorische Melodie von „L'homme armé“ ihren Messkompositionen zugrunde. Sie interpretierten den Text in Relation zum Erzengel Michael und wollten die Gläubigen so auffordern, nicht mit Gewalt, sondern im Vertrauen auf Gott und die himmlischen Heerscharen auf die aktuelle politische Situation zu reagieren.

Karl Jenkins, der als Sohn eines Kirchenmusikers seine ersten musikalischen Erfahrungen an der Orgel und im Kirchenchor sammelte und immer wieder bedeutende geistliche Chormusik komponiert, verbindet in seiner Messe für den Frieden Teile des lateinischen Ordinarium Missae mit biblischen Texten aus dem Buch der Psalmen, der Offenbarung des Johannes, dem islamischen Gebetsruf, einem hinduistischen Text, der die konflikthaften zwischenmenschlichen Beziehungen thematisiert, sowie Worte der Schriftsteller Rudyard Kipling, Alfred Lord Tennyson und Sankichi Toge, eines Überlebenden des Bombenangriffs von Hiroshima. Jenkins nutzte die angesichts der Jahrtausendwende wachsenden Ängste vor militärischen Auseinandersetzungen, um mit seiner Messe die Schrecken des Krieges hörbar zu machen und zugleich ein Zeichen der Hoffnung zu setzen.

Der Beginn setzt das Dröhnen der Stiefel einer marschierenden Armee in Klang um – ein bedrohlicher Effekt, der durch die eine Militärband symbolisierenden schrillen Töne der Piccoloflöte noch verstärkt wird, die das Titelthema der Messe, das Lied „L'homme armé“ spielt. Jenkins Musik bildet das menschliche Ringen ab, in dem der Wille zum Frieden und das im Innern der Seele verwurzelte Sehnen, den Streit zu beenden, immer wieder von flammendem Hass zurückgedrängt werden, und erst die tief empfundene Schuld der Kriegsheimkehrer, denen die Stille des Todes, die über den Schlachtfeldern hängt, in den Ohren dröhnt, Raum für die notwendige Vergebung und Umkehr schafft, die dann im Benedictus die Hoffnung auf Frieden Klang werden lässt und in den Text „Gott wird alle Tränen von ihren Augen abwischen“ aus der Offenbarung des Johannes mündet.

Karl Jenkins ist ein Komponist, der auf vielen Ebenen seine Gottes- und Welterfahrung in Klang umsetzt. Mit seiner Jazzband war er ebenso erfolgreich wie mit der Komposition von Werbe- oder Filmmusik. Unter seinen geistlichen Werken ist neben der Messe für den Frieden besonders sein Projekt „Adiemus – Songs of Sanctuary“ bekannt geworden, das er 1995 komponierte. Kompositionstechnisch knüpft Jenkins in diesem Werk für Instrumente und Stimmen an das Modell des gregorianischen Hallelujajubilus an. Denn den Vokalparts in diesem Werk liegen keine Texte, sondern Vokalisen zugrunde. Die Stimmen werden wie Instrumente behandelt und die Zielvorstellung des Komponisten ist der wortfreie Jubel, der jedes intellektuelle Verstehen übersteigt.

Jenkins reiches Motettenwerk – auch Teile seiner Messe für den Frieden, wie beispielsweise das Benedictus werden als Solomotetten in Gottesdiensten und Konzerten gesungen –, gleicht einer Sammlung von Eintrittstoren in sakrale Klangwelten. In kristalliner Form verwebt Jenkins hier die Klangwelt afrikanischer Eingeborenenchöre mit der Gesangstechnik der bulgarian white voices, überlagert Silbengewebe mit Textelementen wie in seiner Motette Healing light, die den traditionellen keltischen Segen „Möge der tiefe Friede der rollenden Welle mit Dir sein“ vertont, und kreiert so für jeden Text ein Klanggewand, das eine spezifische Facette seiner eigenen geistlichen Erfahrungen in der klanglichen Realisation mit anderen teilt.

Die enge Verbindung von bildlichem und klanglichem Erleben realisierte Jenkins in einer Aufführung der Messe „The armed Man“ in Zusammenhang mit einer Filmproduktion, die in Südafrika unter der Leitung des Komponisten präsentiert wurde und seitdem in der New Yorker Carnegie Hall und zahlreichen anderen Konzerthallen zu hören und zu sehen war.

Welche Sensitivität Jenkins für die Verbindung optischer und klanglicher Phänomene hat, wird aus einer autobiografischen Notiz des Tonsetzers deutlich. Bei einem Besuch in Venedig entdeckte er auf einem Spaziergang ein in einer Kunstgalerie ausgestelltes Bild, das ihn magisch anzog. Es schien ihm in Farbe und Form darzustellen, was er in tönenden Netzwerken komponierte. Jenkins erwarb das Bild. Als er ein Jahr später die Gelegenheit hatte, den Künstler Andrea Vizzini persönlich kennenzulernen, erfuhr er, dass der Maler das Bild unter dem Einfluss von Jenkins' Musik geschaffen hatte. Ein Zu-Fall mit Bindestrich, einer von vielen, die die Musik dieses bemerkenswerten Komponisten begleitet und deren Faszination auf die Hörer ausstrahlt.

Die Messe für den Frieden „The Armed Man“ kann auf der gleichnamigen CD, erschienen beim Label Warner, nachgehört werden.

Themen & Autoren

Kirche