Freunde fürs Leben

Karge Schönheit in Maarten't Harts „Der Schneeflockenbaum“

Vier Themen ziehen sich durch alle Romane des niederländischen Schriftstellers Maarten't Hart: der Calvinismus, die Musik, die Liebe und die Natur. Und zu diesen vier Hart'schen Topoi gehört auch, dass die Musik vor allem von Johann Sebastian Bach stammt und dass die Liebe meist unglücklich verläuft. So auch in seinem neuen Roman Der Schneeflockenbaum.

Ein vierjähriger Junge sitzt im Sandkasten und möchte seine kleine Freundin Ansje mit einer Sandburg beeindrucken. Das geht so lange gut, bis neben ihnen ein anderer kleiner Junge still und unermüdlich zu graben beginnt und Ansje auf unerklärliche Weise damit zu sich lockt.

Das „mickrige Kerlchen“ heißt Jouri und wird dem Sandkastenmuster sein Leben lang folgen: Ihn interessieren nur die Mädchen und Frauen, die der (namenlose) Ich-Erzähler begehrt, und keine kann Jouris unschuldigem Charme widerstehen. Trotz des Liebesschmerzes, der ihm immer wieder zugefügt wird, bleiben der Ich-Erzähler und sein Konkurrent lebenslange Freunde. Erstaunlich, aber wahr: Nichts kann sie wirklich trennen.

Vielleicht, weil sie beide als Außenseiter aufwachsen in den frühen 50er Jahren des letzten Jahrhunderts – der Ich-Erzähler leidet unter heftigen Blähungen und wird zum verachteten Gespött der Schulkameraden, den niemand neben sich haben möchte, Jouri ist der Sohn eines geächteten Nazi-Kollaborateurs.

Und spätestens hier ahnen Maarten't Hart-Kenner den dunklen Hintergrund dieser Geschichte. Der Ich-Erzähler, Alter Ego des Autors, wächst im streng calvinistischen Milieu auf. Es gelten strikte Lebensregeln, die Bibellektüre ist die einzige erwünschte Literatur, die Mutter kann 150 Psalmen auswendig, Musik ist verpönt. Diese Welt entbehrt nicht einer gewissen kargen Schönheit und Poesie, sie wird auch nicht diffamiert. Der Junge will ihr gleichwohl unbedingt entfliehen und die engen Geistesfesseln hinter sich lassen. Dass es eine andere, weitere Welt gibt, erfährt er ausgerechnet bei Jouris Vater, dem Nazi-Kollaborateur. Dieser einsame Sonderling, der seine Familie mühsam mit Fahrradreparaturen über Wasser hält, liebt die Musik und spielt in seiner Werkstatt zerkratzte Schallplatten ab. In dem Jungen, den die Klänge im Innersten ergreifen und berühren, der beim allerersten Hören von Musik „das ruhige, mutige, kraftvolle Gebet zu einem Gott“ vernimmt, von dessen schier überweltlicher Existenz für ihn ganz persönlich er bis zu diesem Zeitpunkt keine Ahnung hatte, findet er eine verwandte Seele. Gemeinsam hören sie Brahms und Liszt, Schubert und Beethoven, Mozart und Bach.

Der deutsche Titel des Romans „Der Schneeflockenbaum“, im niederländischen Original Verlovingstijd (Verlobungszeit), führt ein wenig in die Irre, obwohl beides eine Rolle spielt. Vor allem handelt das Buch von einer Freundschaft, die nichts zerstören kann.

Die Freunde verlieren sich aus den Augen, dann kreuzen ihre Wege sich wieder, und nie hören sie auf, aneinander zu denken. Darüber werden nicht viele Worte verloren, erst gegen Ende der Geschichte, auf einer langen Autofahrt, reden die nunmehr erwachsenen Männer über ihre gegenseitige Bewunderung, über Neid und Eifersucht. Sie sind beide Naturwissenschaftler geworden, Jouri Physiker, der Ich-Erzähler Biologe mit dem Schwerpunkt Parasitenforschung. In ihren Berufen gehen sie den Zusammenhängen der Natur auf den Grund und versuchen, der Schöpfung ihr Geheimnis zu entreißen. Die jeweils sorgfältig voreinander gehüteten Geheimnisse ihres Lebens jedoch erahnen sie wohl beim Anderen, sprechen sie aber nicht aus.

Ein bei aller drastischen Deutlichkeit zartes und leichtes Buch, das abwechselnd zu Tränen rührt und immer wieder Gelächter hervorlockt.

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