Freiheit in der digitalen Welt

Ein Podium des Katholikentags in Leipzig fragte, wie sich die vernetzte Gesellschaft verändert. Von Heinrich Wullhorst
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Foto: dpa | „Wir verkaufen keine Kundendaten“, sagte Facebook-Vertreterin Eva-Maria Kirschsieper auf einem Podium des Katholikentags.

„Der digitale Mensch muss aufpassen, dass er nicht seine eigene Freiheit verliert“, das treibt den evangelischen Theologen Peter Dabrock von der Universität Erlangen um. In einer Diskussionsveranstaltung des Katholikentages, die sich mit gesellschaftlichen Veränderungen in der zunehmend vernetzten Welt befasste, ging es um die Frage „Der digitale Mensch – gefällt mir?“ und damit um das Thema, wie die vernetzte Gesellschaft uns verändert.

Der Berliner Journalist Stephan-Andreas Casdorff führte behutsam, aber bissig, durch die interessante Diskussion, an deren Anfang die Vizepräsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZDK), Karin Kortmann, im Gespräch mit Tobias Herbst, Mitglied der Präsidialversammlung des Deutschen Evangelischen Kirchentags (DEKT), im Dialog der Generationen über Nutzungsverhalten im Internet debattierte.

Dabei wurde deutlich, dass die Herangehensweise an das Thema Internet und Datensicherheit in der Generation 50plus offenbar eine andere ist, als bei dem Mitte 20-jährigen Tobias Herbst. So erklärte der jüngere Diskussionspartner, er habe die Debatte um die Finanzhilfen für Griechenland vorwiegend in dem Informationsnetzwerk Twitter verfolgt, bei dem der Autor mit jeweils 140 Zeichen auskommen muss. Wenn man hier auf Experten treffe, die Sachen auf den Punkt bringen könnten, sei dies sehr hilfreich, zumal man mit ihnen dann auch unmittelbar in den Austausch treten könne. Beim Thema Datensicherheit ist Tobias Herbst eher auf der Seite der vorsichtigen Internetanwender: „Ich unterscheide durchaus, welche Daten für die Öffentlichkeit bestimmt sind und welche ich nur einem engen privaten Kreis zur Verfügung stelle.“ Karin Kortmann sieht die Datenfrage etwas gelassener. Sie stellte fest, dass ihre Daten ohnehin an verschiedenen Stellen bekannt seien. Bei ihr gelte aber der Maßstab, den sie auch bei Anderen gerne im Internet angelegt sehen würde: „Man sollte prüfen, ob das, was man im Kopf hat, auch wichtig für die Öffentlichkeit ist.“

„Wann ist ein Mensch denn eigentlich gut?“, fragte Ethikprofessor Dabrock in seinem Impulsreferat. „Reicht es dazu aus, verträglich mit anderen umzugehen? Ist man dann schon ein besserer Mensch?“ Zwar reiche der digital vernetzte Mensch vielleicht näher an die Pfingstvision desjenigen heran, der in vielen Sprachen kommunizieren könne, dennoch dürfe man die Gefahren der Vernetzung dabei nicht außer Acht lassen. Es gehe um Überwachung und darum, in bestimmte Tunnel gezogen zu werden, aus denen man dann möglicherweise nur noch schwer herauskomme. „Wenn eine Suchmaschine darüber entscheidet, welche Antworten mir persönlich zur Verfügung gestellt werden, schränkt das ja gerade die Freiheit, die man vom Internet erwartet, wieder erheblich ein“, erklärte der Ethiker. Das Internet könne den Menschen weder besser noch schlechter machen. Mit Luther gesprochen, sei der Mensch an sich ohnehin bereits „wurzelhaft böse“. Daher könne er mit sich selbst nie wirklich ins Reine kommen. Hoffnung gebe den Menschen allerdings die von Luthers Theologie betonte unverdiente Zusage aus Gnade: „Du darfst sein und gut leben“. Diese Hoffnung strahle immer in unser Leben hinein, ob „offline, online oder onlife“. In dem anschließenden Streitgespräch diskutierte Dabrock dann mit der Netzaktivistin Anke Domscheit-Berg und Bundesjustizminister Heiko Maas über die Chancen und Grenzen der Digitalisierung. Ergänzt wurde das Podium durch Eva-Maria Kirschsieper. Sie ist beim Social-Media-Anbieter Facebook in Deutschland für die Beziehungen zur Politik zuständig. Domscheit-Berg forderte mehr staatliche Regulierung des Internets. In der realen Welt gebe es schließlich auch Kartellgesetze, die Monopole begrenzen würden. „Im Internet gibt es so etwas nicht“, betonte die junge Politikerin aus den Reihen der Linkspartei. Sie kritisierte darüber hinaus den Kommunikationsstil, der im Internet oftmals herrsche und mit dem an vielen Stellen eine rüde Sprache, die auch bösartige Beleidigungen beinhalte, verbunden sei. In der realen Welt finde man derartige Ausreißer demgegenüber selten. „Wir müssen lernen, in der digitalen Welt die Mindeststandards gesellschaftlichen Handelns ebenfalls zur Geltung zu bringen“, forderte Domscheit-Berg. Ein größeres Problem sei, dass der Ausstieg aus bestimmten Netzwerken oder das Fernbleiben aus ihnen zu einer sozialen Ausgrenzung führten. Dies habe sie bei ihrem Sohn festgestellt, der als einziges Kind nicht in der WhatsApp-Gruppe seiner Schulklasse gewesen sei. So sei er vom gesamten Informationsfluss ausgeschlossen worden. Daraufhin habe er dann die Entscheidung getroffen, doch bei WhatsApp mitzumachen. Die Netzaktivistin wünschte sich offene Schnittstellen zwischen verschiedenen Plattformen, die einen realen Wettbewerb und mehr Beteiligungsoptionen sicherstellen könnten. Darüber hinaus hoffe sie auf mehr Projekte wie „Wikileaks“, die mehr politische Transparenz sicherstellten.

Der Bundesjustizminister sprach sich ebenfalls für klare Verhaltensregeln im Internet aus. Was in der realen Welt Standard sei, müsse auch im Internet gelten. Beleidigungen, die im digitalen Raum ausgesprochen werden, müssten ebenso zur Anzeige gebracht und geahndet werden, wie dies auch sonst der Fall sei. Dabei sei allerdings der Staat gefordert, sich personell und technisch so aufzustellen, damit auch die Strafverfolgungsbehörden in die Lage versetzt würden, so zu handeln, wie es erforderlich sei. Die Politik werde durch das Internet weder besser noch schlechter. Die sozialen Netzwerke würden an der ein oder anderen Stelle einen schnelleren und direkten Einblick in die Gedankenwelt der Menschen bieten. Dabei könne es sich allerdings nur um die Verschaffung eines ersten Eindrucks handeln, der dann in der realen Welt zu verifizieren sei. Das derzeitige Kartellrecht reiche nicht aus, um den Konzentrationsprozessen in der digitalen Welt gerecht zu werden. „Deshalb müssen wir auch dort neue Antworten finden“, machte Heiko Maas deutlich.

Die Facebook-Vertreterin wehrte sich gegen die Kritik an ihrem Unternehmen, es würde seine Monopolstellung ausnutzen und auch nicht achtsam mit den Daten seiner Kunden umgehen. „Wir verkaufen keine Kundendaten“, machte Eva-Maria Kirschsieper deutlich. Ein aus dem Zuschauerraum angeregtes Geschäftsmodell mit einem bezahlten und einem freien Internetzugang, das dem Zahler die Möglichkeit gebe, mehr Einfluss auf das zu nehmen, was er sehen wolle und was nicht, wird es nach Aussagen der Unternehmensvertreter nicht geben. „ Wir wollen unseren Usern dabei helfen, ihre Interaktion zu verbessern. Wir zeigen den Menschen auf ihrer Facebookseite, was sie interessiert.“ Das Internet bekomme man ohnehin nicht „zurück in die Flasche“. Kirschsieper stellte allerdings klar, es gebe eine Fülle von digitalen Anwendungsmöglichkeiten, die die Kommunikation der Menschen miteinander erleichtern würden. So würden ihr Mann und sie bei der Kommunikation mit einer Flüchtlingsfamilie eine Software einsetzen, die das deutsche gesprochene Wort sofort in Arabisch übertragen würde.

Theologieprofessor Dabrock bemühte gegen Ende der Veranstaltung noch einmal Martin Luther mit dem Zitat: „Das, woran du dein Herz hängst, das ist dann dein Gott“. Diese Gefahr bestehe bei Menschen, die sich völlig dem Internet auslieferten.

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