„Freiheit, das kostbarste Gut des Deutschen“

Die Umstände am Tag der Verhaftung Sophie Scholls sind noch immer unklar – Zu einem Vortrag an der Katholischen Akademie in München. Von Dorothea Schmidt
Foto: dpa | Sophie Scholl, undatiertes Bild.
Foto: dpa | Sophie Scholl, undatiertes Bild.

Was hätten wir gedacht, wie gehandelt, wie gefühlt an jenem Tag als die Studenten der Ludwig-Maximilians-Universität München auf dem heutigen Geschwister-Scholl-Platz standen und einer NS-Gruppe zuhören mussten, die skandierte, die Scholls sollten auf den Bäumen dieses Platzes gehängt werden? Davon berichtete eine „Freundin der besten Freunde der Weißen Rose“, wie sie es formulierte. Sie war damals heimlich gegangen. Ihre Stimme zitterte leicht, als sie nach dem Vortrag über die Weiße Rose von Professor Hans Günter Hockerts in der Katholischen Akademie ans Mikrofon trat.

Der Vortrag war hauptsächlich ein Stück Aufarbeiten der deutschen Geschichte. Was die Zeitzeugin deutlich machte, war das Faktum, wie schwierig es war, Hitler die Stirn zu bieten. Es erforderte Todesmut. „Klatschen Sie jetzt, wenn Ihnen das Leben lieb ist“, zitierte eine Doktorandin einen weiteren Zeugen, der Ihr von derselben Episode vor der Uni erzählt hatte.

Die Mitglieder der Weißen Rose besaßen heroischen Mut. Sophie und ihr Bruder Hans verteilten am 18. Februar 1943 in der Münchner Uni 1 500 Flugblätter. Sophie warf einige in den Lichthof. In den Flyern rief die Gruppe auf, „endlich aufzustehen, die Peiniger zu zerschmettern und ein neues, geistiges Europa aufzurichten“. Sie forderten vom „Staat Adolf Hitlers die persönliche Freiheit, das kostbarste Gut des Deutschen zurück, um das er uns in der erbärmlichsten Weise betrogen hat“.

Der Hausmeister hatte die beiden beobachtet und umgehend der Gestapo gemeldet. Vier Tage später wurden die Scholls zusammen mit Christoph Probst hingerichtet, dessen Flugblattentwürfe Hans bei sich getragen hatte, zwei Monate darauf die übrigen Gruppenmitglieder: Alexander Schmorell, Willi Graf und Kurt Huber.

Sie waren mutig, aber auch etwas leichtfertig gewesen, betonte der Historiker Hockerts mehrfach und rüttelte an ungelösten Fragen über die Weiße Rose. Daran konnten auch neue Quellen nichts entscheidend ändern, die in den 1990er Jahren erschlossen wurden. Immer noch sind Quellenangaben porös, Interpretationen behutsam formuliert. Nach wie vor unklar ist etwa, warum die Weiße Rose an jenem Tag fast jede Vorsicht fallen ließ: wegen Übermüdung, psychischem Druck, Ungeduld?

Unbeantwortet ist auch, ob Hans am Tag der Verhaftung Probst verriet – oder ob die Gestapo seinem Komplizen bei der Hausdurchsuchung auf die Schliche kam. Schleierhaft ist, warum die Weiße Rose ihren Arbeitsort nicht von verdächtigem Material befreite und sich auf Aussagen einigte, um im Fall eines Verhörs nicht durch Widersprüche aufzufallen.

Neben Unklarheiten gibt es aber auch neue Erkenntnisse über das Denken und Fühlen der Widerständler. Hockerts nannte Bücher, darunter eines, das in diesem Jahr erst herauskommt: Gesammelte Briefe von Alexander Schmorell und Christoph Probst und die Biographie „Sophie Scholl“ von Barbara Beuys.

Aus diesen Quellen, aber auch aus Stasi-Verhörakten und den Flugblättern geht hervor, wie sehr die Mitglieder der Gruppe auf Wahrheits- und Gottessuche waren. Hockerts betonte, dass es nicht um eine bestimmte Konfession ging, wenn auch zunehmend der Katholizismus ins Blickfeld rückte. Wichtiger waren der christliche Gott selbst und humanistische Werte. Darüber hinaus hielten sich die Widerständler an große Literaten. Sie untermauerten eigene Aussagen in den ersten vier Flugblättern mit Zitaten von Goethe, Schiller und Dostojewski. Dostojewskis Aussagen zum Herdenmenschen tauchten in den Flugblättern immer wieder als Gegenpol zum freien Menschen auf, der die Freiheit nicht jemand anderem in die Hände legt, sondern eigenverantwortlich handelt. Die Weiße Rose rief außerdem auf, Hitler im Alltag bei jeder Gelegenheit zu sabotieren. Und sei es, dass sie Geld und warme Kleidung für Soldaten verweigern, um das das Regime bat. Jedes Blatt endete zudem mit der Aufforderung „Abschreiben, weiterverbreiten“. Erfolgreich waren die Flugblattaktionen nicht. 35 von 100 Angeschriebenen brachten ihren Brief sofort zur Gestapo.

Die Gruppe änderte ihre Strategie. Das fünfte Flugblatt wandte sich an alle Deutschen, nicht mehr nur an das Bildungsbürgertum und wurde über den Münchner Raum hinaus verschickt. Der Name „Weiße Rose“ wurde gestrichen, Literaturzitate verschwanden und statt 100 Blätter wurden 6 000 verteilt – dank einer heimlich angeschafften Druckmaschine.

Nie fielen die Studenten der SS in die Hände. Bis zu jenem Februartag, an dem sie leichtfertig zur Sache gegangen sind. „Sie haben von ihrer eigenen Denkweise auf andere geschlossen“, erklärte Hockerts und führte dafür als Beispiel die Versammlung am 16. Februar 1943 in der der Münchner Gauleiter Paul Giesler mit Gewalt aus dem Gebäude geführt wurde, nachdem er Studentinnen beleidigt hatte. Die Weiße Rose interpretierte die Reaktion der Kommilitonen als symptomatisch. Es sei aber nur eine spontane Protestreaktion gewesen, wie die Doktorandin aus dem Publikum bemerkte.

Ob die Fehldeutung den Mangel an Vorsicht am 18. Februar erklären könnte, ist offen. Ebenso die Frage, warum sich Hans und Sophie wehrlos abführen ließen. Von freiwilliger Aufopferung könne nicht die Rede sein. „Sie wollten sich geschickt rausreden“, mutmaßte Hockerts. Hans war eloquent und habe darauf vertraut. Vergeblich.

Die Weiße Rose habe keine Wellen geschlagen. „Es ist ihr aber gelungen, Zeichen zu setzen“, stellte Hockerts fest und resümierte: Rechte wie die Freiheit des Menschen seien nicht selbstverständlich. Auch heute müssten solche Werte gepflegt werden. Tagtäglich.

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