Frauen des Widerstands

Nicht alle Frauen, die gegen Hitler waren, konnten zur Waffe greifen. Sand im Getriebe seines Unrechtsregimes waren sie trotzdem. Auf den Spuren von Frauen, die zu inhumanen Zeiten versuchten, anständige Menschen zu bleiben. Von Anna Sophia Hofmeister
Foto: IN | Das Erbe des Widerstands in die neue Zeit retten: Freya von Moltke.
Foto: IN | Das Erbe des Widerstands in die neue Zeit retten: Freya von Moltke.

Während am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg ausbrach, schnitt Annedore Leber emsig an langen Tischen Ärmelvorlagen und Rockbahnen zu. Keine ihrer Kolleginnen ahnte, dass sie als erfolgreiche Abteilungsleiterin in der Schnittmusterherstellung des Berliner Deutschen Verlags mit einem Mann verheiratet war, der getarnt als Kohlenhändler in Berlin-Schöneberg als Widerstandskämpfer tätig war – und das, obwohl er schon 1933 verhaftet, gefoltert und ins Konzentrationslager gesperrt worden war. Mit ihrer Arbeit sorgte Annedore Leber für den Unterhalt ihrer Familie; Julius Lebers Kohlenhandlung war nach seiner Freilassung als Ort für weitere Widerstandsarbeit zwar unverdächtig und daher bestens geeignet, warf aber nicht genug zum Leben ab. Ohne die Unterstützung seiner Frau hätte der SPD-Politiker und einstige Chefredakteur des „Lübecker Volksboten“ seine Widerstandsaktivitäten nicht in der Intensität durchführen können, wie er es tat, sagt die Historikerin Frauke Geyken. Vor allem nicht, als der Einmarsch der Deutschen in Polen auch der Arbeit im Untergrund einen harten Stoß versetzte. „Mit Kriegsbeginn hat sich alles verschärft, es hat sich alles radikalisiert. Für alle Beteiligten spielte das eine große Rolle“, sagt Geyken, die zum oft vergessenen Widerstand der Frauen das Buch „Wir standen nicht abseits. Frauen im Widerstand gegen Hitler“ (C. H. Beck Verlag, München 2014) geschrieben hat. Während die Mehrheit der Deutschen Hitlers militärische Erfolge bejubelte und begeistert Fähnchen steckte, rang man im Untergrund mit Entsetzen und Resignation. „Für Widerstandskämpfer war das insofern ein Dämpfer, weil es in dieser Situation, in der das Volk begeistert hinter seinem Führer stand, sehr viel schwieriger war, einen Staatsstreich durchzuführen“, sagt Geyken. Es waren oft die Frauen, die ihren regimekritischen Männern die Sorgenfalten aus der Stirn strichen und ihnen Kraft und Mut zusprachen. „Dass du Mut hast, Paulus, und vielen guten Willen, mir über diese bösen Zeiten wegzuhelfen, das weiß ich“, schrieb Julius Leber einmal an Annedore, die er gerne mit dem Spitznamen „Paulus“ ansprach. Leber wusste auch, dass das für sie alles andere als leicht war; dass auch seiner Frau die Verhaftung drohen konnte, das Konzentrationslager oder sogar der Tod. Doch er konnte sich ihrer sicher sein: Annedore Leber trug die Entscheidungen ihres Mannes, weil es auch die ihren waren. Mit ihrem Optimismus war sie ihm „eine Kraftquelle ohnegleichen“ und, obwohl sie nicht spionierte oder Bomben bastelte, eine gleichberechtigte Partnerin im Kampf gegen das Unrecht seiner Zeit.

„Wenn man sich dem Thema Widerstand nähert, trifft man zunächst einmal auf das Wort ,Widerstandskämpfer‘“, erklärt Geyken. Das Problem läge in dem Begriff „Kampf“. „Inzwischen ist man dazu übergegangen, Widerstandshandlungen differenziert zu betrachten und auch den Menschen Widerstand zuzugestehen, die man nicht so gut als Widerstands-„Kämpfer“ bezeichnen kann“, sagt sie. Im nationalsozialistischen Staat sei jedem und jeder ein Platz zugewiesen gewesen. „Wer sich aus seiner Rolle herausbewegte, machte sich gleich verdächtig, so dass man sehr vorsichtig sein musste.“ Je weiter das nationalsozialistische Unrechtsregime voranschritt, desto schwieriger sei es geworden, Widerstand zu leisten, weil jede Art von Widersetzen mit nackter Gewalt beantwortet werden konnte. „Deshalb sind wir heute bereit, auch kleinere Handlungen – wie zum Beispiel Menschlichkeit zu zeigen in einer inhumanen Zeit, Informationen zu beschaffen und weiterzugeben und ähnliches – als Widerstandshandlungen zu bezeichnen.“

Gerade bei den bürgerlichen Frauen ist eine andere Art von Widerstand zu beobachten. Kommunistische Frauen etwa verrichteten in ihrem Widerstandskampf oft dieselben Aktionen wie ihre männlichen Gesinnungsgenossen. Dass bürgerliche Frauen nicht sofort zur Waffe griffen oder Flugblätter verteilten, hing zum einen auch mit ihrem Selbstverständnis zusammen, sagt Geyken. „Zum anderen waren sie natürlich diejenigen, die direkte Verbindungen zu wichtigen Planern des Widerstands hatten: Es wäre sehr leichtsinnig gewesen, durch solche Aktionen aufzufallen. Das hätte das hinter ihnen stehende Unternehmen von Attentaten und Umsturz gefährdet.“ Annedore Leber, Freya von Moltke, Marion Yorck von Wartenburg und Rosemarie Reichwein, um nur einige wenige Gattinnen von Widerstandskämpfern zu nennen, waren gezwungen, sich im Alltag unauffällig zu verhalten. „Das hieß dann, den Hitlergruß zu sagen und sich an NS-Vorgaben zu halten. Um keinen Preis durfte das eigene Haus verdächtig werden“, erklärt Geyken.

Um jeder Gefahr vorzubeugen, schloss das für die Frauen, die alle vom Widerstand ihrer Männer wussten, auch den weitgehenden Verzicht auf Privatleben ein. Besuche, Freunde, Nachbarn – jeglicher Kontakt zu anderen geriet zu einer Gratwanderung. Insbesondere, wenn die eigene Wohnung als Versteck für Verfolgte diente, wie bei Antje und Robert Havemann, die sich gemeinsam für die kommunistische Widerstandsgruppe „Neu Beginnen“ einsetzten.

Ständig mussten sie sich verstellen. Das war nicht leicht. Emmi Bonhoeffer, die Schwägerin von Dietrich Bonhoeffer, deren Mann Klaus ebenfalls im Widerstand tätig war, erinnerte sich an eine heikle Begebenheit. In einer langen Warteschlange im Gemüseladen sagte sie zu ihrer Nachbarin: „Jetzt fangen sie schon an, in den Konzentrationslagern die Juden massenweise zu vergasen und zu verbrennen.“ Die Gemüsehändlerin rügte sie daraufhin, sie solle aufhören, Gräuelmärchen zu verbreiten, sonst komme sie ins Konzentrationslager. Auch von ihrem Mann erhielt Emmi Bonhoeffer Schelte für ihren Mut: Er bat sie eindringlich darum, derlei Äußerungen in Zukunft zu unterlassen. Nur das Militär könne einen Sturz Hitlers herbeiführen.

1940 hatte Julius Leber Kontakte zur Wehrmachtsführung geknüpft und Claus Schenk Graf von Stauffenberg, Carl Friedrich Goerdeler und Helmuth James Graf von Moltke kennengelernt. Doch noch bevor es zu dem berühmten Attentat Stauffenbergs kam, wurde Julius Leber von der Gestapo verhaftet. Seine Frau versuchte eine Woche lang, etwas von seinem Aufenthaltsort zu erfahren. Alle Mühe war umsonst. Als sie selbst nach einer Hausdurchsuchung abgeholt, aber bald wieder freigelassen wurde, versteckte sie sich für einige Zeit in einem Krankenhaus. Ihre Kinder hatte sie bei Verwandten untergebracht. „Und was dann folgte, ist nur als Wettlauf mit dem Tode zu bezeichnen“, schrieb Annedore Leber in einem Lebenslauf. Sie verlor. Julius Leber wurde, als „Landesverräter“ verurteilt, am 5. Januar 1945 in Berlin-Plötzensee hingerichtet.

Den Stempel „Landesverrat“, den die Zeitgenossen der 1950er Jahre den Widerstandskämpfern aufdrückten, wurden auch ihre verwitweten Frauen und Kinder nicht mehr los. Noch bis in die 70er Jahre hinein hatte das Thema Widerstand in Deutschland einen denkbar schlechten Stand. Ähnlich wie schon die Nationalsozialisten, die weiblichen Widerstand nicht ernst genommen und gerne als Folge „sexueller Hörigkeit“ abgetan hatten, verkannten auch nach dem Krieg Behörden und Politiker die Verdienste widerständiger Frauen. Widerstand hatte einen hohen Preis, das wussten auch die Menschen, die ihn deshalb nicht geleistet hatten. „Es gibt einfach sehr, sehr viele Leute, die vom Nationalsozialismus profitiert haben. Die haben auf Kosten anderer Karriere gemacht und hohen Wohlstand erreicht. In den NS-Organisationen hat man wunderbar irgendwelche Pöstchen und Titel ergattern können“, sagt Frauke Geyken.

Es ist viel verlangt, sich für Unangenehmes zu entscheiden. Nach dem Krieg wurde klar: Man hätte es trotzdem tun sollen. „Der Widerstand hielt denen, die ihn nicht geleistet hatten, einen Spiegel vor – auch deshalb stand man ihm feindlich gegenüber“, erklärt Geyken. Vor allem die verwitweten Frauen von Widerstandskämpfern hätten zu spüren bekommen, was es hieß, aus der neuen „Schuldgemeinschaft“, in der sich die Deutschen nach dem Krieg wiederfanden, ausgeschlossen zu sein: Etwa in den oft demütigenden Wiedergutmachungsverfahren oder auch in Anpöbeleien in der Schule oder auf der Straße, bei denen sie und ihre Kinder als Verräter beschimpft wurden. Clara Huber, die Frau von Professor Kurt Huber, der zusammen mit der „Weißen Rose“ Flugblätter verfasst hatte und deswegen 1943 hingerichtet worden war, erinnerte sich an einen Vorfall im Münchner Max-Gymnasium: Schüler wollten im Geschichtsunterricht wissen, wer denn Kurt Huber war. Und der Lehrer antwortete, „ein Hoch- und Landesverräter“. Clara Huber empfand dies als eine Diskriminierung und nachträgliche Schmach für ihren Mann. Frauke Geyken sagt dazu: „Das hat sich erst in den achtziger Jahren allmählich gewandelt. Da kamen neue Generationen ans Ruder, Historiker stellten neue Fragen, neue Quellen tauchten auf.“

Annedore Leber wurde nach ihrem Tod im Jahr 1968 einfach vergessen. Und das, obwohl sie sich nach dem Krieg unermüdlich für eine Anerkennung des Widerstands eingesetzt hatte. Während viele Frauen, deren Männer in den Gefängnissen und Konzentrationslagern der Nationalsozialisten getötet worden waren, nach dem Krieg schwiegen, knüpfte Annedore Leber Kontakte, besuchte mit Freya von Moltke Schulen und veröffentlichte Bücher. Wie auch Inge Aicher-Scholl und Marion Gräfin von Dönhoff waren sie darum bemüht, das Erbe des Widerstands hinüberzuretten in die neuen Zeiten, in denen der anbrechende Wohlstand Gedanken an dunkle Vergangenheiten verdrängte. Gerade auch wegen ihres Engagements, die Erinnerung an den Widerstand jenseits von Instrumentalisierungen durch die Politik, wie es in der DDR und auch in der BRD geschah, ist die Rolle der Frauen für den Widerstand nicht zu unterschätzen.

„Sie alle waren keine emanzipierten Frauen im heutigen Sinne“, sagt Frauke Geyken. „Einige wandten sich ausdrücklich gegen die Frauenbewegung in der Bundesrepublik.“ Mann und Frau seien als eine Einheit wahrgenommen und moderne Emanzipation von den Befragten als Trennung und Auflösung einer als beglückend erlebten Gemeinsamkeit empfunden worden. „Die Frau war dabei allerdings nicht Anhängsel, sondern ,Kameradin‘, gleichberechtigte, kompetente und politisch denkende Gesprächspartnerin, die ihre eigene Rolle auszufüllen hatte. Und in diesem Sinne war sie doch emanzipiert“, sagt Geyken.

Vor allem waren diese Frauen in sich aufrecht und frei. Man könnte Widerstand als eine Art „Spielraum“ betrachten, der Möglichkeiten des Lebens erweitere, sagt Geyken. Menschlichkeit zu beweisen in unmenschlichen Zeiten fordert irgendwann eine bewusste Entscheidung – insbesondere, wenn man dafür lebensbedrohliche Folgen in Betracht ziehen muss. „Die Frauen wussten, dass sie wahrscheinlich das Leben ihrer Männer würden opfern müssen, sie wussten nicht, wie es ihnen selbst und ihren Kindern ergehen würde“, sagt Geyken. Das erforderte großen Mut und viel Anstrengung.

Und die Männer wussten ganz genau, was sie an ihren Frauen hatten. Schon die bloße Anwesenheit der Frau als Kraftquelle dürfe nicht unterschätzt werden, sagt Geyken. „Du hast mir, geliebte Clara, in diesen schweren Monaten so unendlich viel Liebe erwiesen und mir die Leidenszeit so verschönt, dass ich nicht weiß, wie ich Dir danken kann“, schrieb Kurt Huber aus dem Gefängnis an seine Frau. Und Julius Leber schrieb an Annedore in einem seiner letzten Briefe: „In diesen drei Wochen warst du für mich die ganze Welt.“ Deshalb sind, vor allem was die bürgerlichen Frauen betrifft, Sätze wie: Die Frauen hätten die Männer ja „nur“ unterstützt, geringschätzig, davon ist Frauke Geyken überzeugt. Sie hätten ihre Männer unterstützt und das sei äußerst wichtig gewesen: „Denn ohne diese Unterstützung hätten diese Männer den Widerstand gar nicht leisten können.“

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