Fotografiere Dich selbst!

Mit dem Smartphone von sich selbst ein Porträt („Selfie“) zu machen und dieses in sozialen Netzwerken zu verbreiten, hat Konjunktur. Ist das Kunst oder Narzissmus? In jedem Fall wohl nicht so geheimnisvoll wie die Selbstinszenierungen früherer Zeiten. Von Alexander Ertl
Foto: dpa | Celebrities, wie etwa Paris Hilton, gehören zu den „Selfie-Profis“ von heute.
Foto: dpa | Celebrities, wie etwa Paris Hilton, gehören zu den „Selfie-Profis“ von heute.

Offenen Mundes sieht das Mädchen ihr Spiegelbild mit dem schwarzen Haarzopf an. Mit neugieriger Miene, doch gleichermaßen hochkonzentriert, hockt es mit seinen Knien auf dem Polster eines umgedrehten Stuhles. Zum Inventar des Raumes gehört auch ein Esstisch mit Kaffeetasse. Alles deutet auf eine angemessene bürgerliche Atmosphäre hin. Anastasia, wie die junge Frau heißt, lässt sich aber von ihrer Umgebung nicht sonderlich beeindrucken. Sie versucht nicht nur ihr Ebenbild im Spiegel anzuvisieren, sondern auch mit ihren fast noch kindlich anmutenden Fingern den Auslöserschalter ihres Photoapparats zu bedienen.

Anastasia drückt den Knopf ihrer Kodak Brownie und das Bild prägt sich auf dem Film ein. Die entwickelte Photographie wird die 13-Jährige ihren Freundinnen zukommen lassen und auf die Rückseite des Abzugs notieren: „Ich habe dieses Photo gemacht, wie ich mich vor dem Spiegel selbst ansehe. Das war knifflig und meine Hände zitterten dabei.“ Damit hat sie ein Phänomen der gegenwärtigen Popkultur passend umschrieben: das Ich, das von sich selbst ein Bild herstellt. Kurzum: Anastasia Nikolajewna Romanowa (1901–1918), russische Großfürstin und Tochter des letzten Zaren, hat ein Selfie gemacht. Vermutlich das erste der Weltgeschichte.

Wie sehr es sich von den Selfies unterscheidet, die heute in den sozialen Kommunikationsmitteln präsent sind, zeigt ein Detail ihrer Aufnahme: der große, weiße Schatten am linken Rand des Bildes. Verirrte sich hier ein Gespenst auf das ansonsten realistische Ambiente? Wohl nicht. Die Belichtungszeit der damaligen Apparate betrug 30 Sekunden. Eine Zeit, in der sich das photographierte Objekt auf keinen Fall bewegen durfte. Irgendeine Person – vielleicht das Kindermädchen oder ein Geschwisterchen – dürfte den Photographieversuch unterbrochen und somit Bewegung in die Aufnahme gebracht haben. Künstler- und Pioneerpech, doch die Leistung bleibt.

Zumal die arme Anastasia, die wie alle anderen Familienmitglieder der Romanows im Zuge der Revolution von 1918 gelyncht wurde, nicht auf die digitalen Hilfsmittel von heute zurückgreifen konnte: Smartphones, iPads oder andere mobile Geräte.

Im 21. Jahrhundert muss niemand mehr still stehen wegen langer Belichtungszeiten. Selfies können ganz spontan realisiert werden. Was sie zu Beginn auch wurden. Mittlerweile liegt der Clou aber darin: Die wenigsten Selfies entstehen ungeplant, vielmehr werden sie nach den Vorstellungen ihrer Schöpfer komponiert, mal mehr, mal weniger gelungen. Tatsächlich: Selfies zu fabrizieren ist eine Kunst, bei der sich Anfänger mittlerweile deutlich von „Profis“ unterscheiden. Einsteiger, die gerade erste Gehversuche mit ihrer Handykamera machen, lächeln auf ihren Bildern oft unbeholfen-freundlich, während sich Fortgeschrittene bewusst unschuldig oder lasziv geben. Der neutral-distanzierte „Pass-Blick“ ist bei Selfie-Könnern verpönt. Gefordert wird dagegen voller Körpereinsatz: Man spielt mit der Kamera, man runzelt die Stirn oder zieht eine Schnute (Fachbegriff: „Duckface“). Es geht schließlich um was: Der Schnappschuss des eigenen Körpers ist zum Medium der aktuellen Befindlichkeiten geworden und da es viel Selfie-Konkurrenz gibt, hat nur der eine Chance, ausreichend Aufmerksamkeit und Bewunderung zu erhalten, der seine Emotionen mit Mimik und Gestik leicht erkennbar und originell auf den Punkt, also aufs Bild bringt.

Dass man dabei nicht allzuviel Zauber, Innerlichkeit oder echte Emotionen erwarten sollte, sah bereits der Medien- und Kulturkritiker Neil Postman (1931–2003) voraus, als er allgemein über die Sprache der Photographie schrieb: „Ihr Bildvokabular beschränkt sich auf die konkrete Darstellung. Anders als Wörter und Sätze liefert uns das Photo keine Idee und keinen Begriff von der Welt, es sei denn, wir bedienen uns wiederum der Sprache, um das Bild in eine Idee zu verwandeln. Das Photo als solches kann mit dem Unsichtbaren, dem Entrückten, dem Inneren, dem Abstrakten nichts anfangen. Es spricht nicht vom ,Menschen‘, sondern von ,einem Mann‘ oder ,einer Frau‘.“

Vorbei die Zeiten von Anastasia. Vorbei die Zeiten, als der Literaturwissenschaftler Roland Barthes (1915–1980) beim Anblick Jérôme Bonapartes (1784–1860) einen Zauber verspürte. Der Bruder des korsischen Kaisers war gut hundertzwanzig Jahre vor dem Erscheinen von Barthes' Schrift „La chambre claire“ (1980) abgelichtet worden und darum war es mithilfe der Photographie möglich, ihm ins Gesicht zu blicken. Für echte Selfie-Maker dürfte Barthes' Entzücken („Ich sehe die Augen, die den Kaiser gesehen haben“) nur schwer nachvollziehbar sein. Ebenso schwer wie das ätzende Urteil des Protagonisten Franz-Josef Murau im Roman „Verfall“ des österreichischen Schriftstellers Thomas Bernhard (1931–1989). O-Ton Murau: „Alle wollen sie fortwährend als schön und als glücklich abgebildet sein, während sie doch alle hässlich sind und unglücklich. Sie flüchten hinein in die Fotografie, schrumpfen mutwillig auf die Fotografie zusammen, die sie in totaler Verfälschung als glücklich und schön oder mindestens als weniger hässlich und weniger unglücklich zeigt.“ Die ungeschminkte Wahrheit ohne Sonnenbrille, Eyeliner und Kamera sieht aber anders aus. „Der schöne Mensch auf der Fotografie ist in jedem Falle der hässlichste, der glücklichste in jedem Fall der unglücklichste.“ Da könnte was dran sein, oder?

Bedeutet dies also, dass der Inszenierungsmodus des Selfies kurzfristig vielleicht doch zum Scheitern verurteilt ist? Droht früher oder später einfach die visuelle Übersättigung? Lässt sich die Welt noch einmal zurückdrehen in die photographische Unschuld der Vor-Anastasia-Zeit? Traut man der vom Jenaer Soziologen Hartmut Rosa diagnostizierten Kulturtheorie der Beschleunigung und der damit gleichzeitig einhergehenden Entfremdung des Lebens, in welchem der Gradmesser für Glück eine möglichst hohe „Erlebnisdichte pro Zeiteinheit“ geworden sein soll, so ist Vorsicht angesagt.

Viele Menschen sind geradezu süchtig danach, vor anderen das eigene Leben auszubreiten. Mit dem ständig steigenden Erfahrungskonsum müssen die Erlebnisse auch alle festgehalten werden, nicht für die Nachwelt, sondern um sich in der Community weiterhin als eine interessante Persönlichkeit zu präsentieren und dadurch jene Aufmerksamkeit zu bekommen, die so leicht mit Wertschätzung verwechselt werden kann. Photographien wie Selfies sind in einer solchen digitalen Erlebnisumwelt von vornherein nicht auf emotionalen Detailreichtum angelegt, sondern schlichter bildgewordener Mitteilungsdrang. Da verzeiht man es dann auch schon mal, lediglich „ein bestimmtes Bruchstück des Hier und Jetzt (zu) photographieren“ (Neil Postman). Wogegen eigentlich nichts zu sagen wäre, denn lediglich Bruchstücke der Wirklichkeit haben auch frühere Generationen und Zeitalter, Künstler und Fotografen zum Zirkulieren gebracht. Was heute neu ist, ist die Dichte und eben die Geschwindigkeit, mit der man mit Bruchstücken der Wirklichkeit konfrontiert wird. Und oft mit solchen, die inszeniert sind.

Man nehme nur das Material, das einem bei einem schnellen, willkürlich gewählten Facebook-Aufruf entgegentritt: Eine Schulklasse etwa befindet sich auf Abschlussfahrt und alle halten ihr Gesicht in die Kamera. Im Hintergrund ist unscharf, aber erkennbar der Eiffelturm. Klare Aussage: Wir sind in Paris. Oder: Eine junge Frau winkt mit ihrem frisch erworbenem Führerschein in die Kamera. Will sagen: Führerscheinprüfung geschafft. Noch ein Beispiel: Eine junge Dame trägt Traueranzug, weil sie gleich zur Beerdigung des Großvaters geht. Botschaft: Ich bin traurig oder seht her, was für ein schickes, schwarzes Kleid ich trage. Eine solche Flut von Selbstporträts ist schon neu und dazu angetan, das Bewusstsein von Dingen zu verändern, die gewesen sind und den Erinnerungsschatz zu betrügen. Wer soll und kann schließlich all die aus der Wirklichkeit entrissenen Bilder deuten und in einen größeren Sinnzusammenhang einordnen? Selfies zeigen also nicht die eine objektive Wirklichkeit, sondern viele Wirklichkeiten, die das Subjekt erschafft. Für Selfies macht man sich so zurecht, wie man von den anderen gerne gesehen werden möchte. Selfies können daher geradezu künstliche Welten vorführen, die so wirklich erscheinen mögen, dass sie in einem relativistischen Zeitalter schon wieder zur Realität werden. Sie erschaffen Illusionen, was sein könnte und erschaffen dadurch auch ein gewisses Image einer Person, wie sie sich dem schaulustigen Betrachter präsentieren will.

Will man diese wirkliche Unwirklichkeit ergründen, hilft es, zu verstehen, dass derjenige, der auf einem Selfie zu sehen ist oder das Smartphone hält, eigentlich in einer Dreifach-Rolle agiert: Er ist Fotograf, Regisseur und Model. Weshalb Erich Kästners gut gemeintes Epigramm („Merk dir, du Schaf,/ weil es immer gilt:/ Der Fotograf/ ist nie auf dem Bild“) längst ad acta gelegt werden kann. Selfies führen vor Augen, dass der Photograph und die abgebildete Person ein und dieselbe sind. Narzissmus und Egozentrik sind damit die Türen geöffnet.

Aber vielleicht gibt es ja doch einen Ausweg aus dem Aufmerksamkeits- und Darstellungswahn. Seit kurzem sind nämlich immer mehr Shelfies populär geworden. Photographien, die – frei nach dem englischen Wort für Bücherregal „shelf“ – das Stillleben gelehrter Menschen zeigen, nämlich deren Bücherschränke. Ein langweiliges Motiv? Die Fortsetzung der Egozentrik mit Bildungsprotzerei? Möglich. Vielleicht aber auch ein Weg, einen visuellen Raum zu schaffen für mehr Innerlichkeit. Denn, frei nach der Erkenntnis „Sage mir, welche Bücher Du gelesen hast, und ich sage Dir, welcher Mensch Du bist“, setzen Shelfies mehr auf das Wort und die innere Welt, das geistige Tun, die Reflexion anstelle von Events. Vorausgesetzt natürlich man hat die Bücher, die man zeigt, auch wirklich gelesen. Und man verbringt nun nicht die Tage damit, anstelle des Lesens die Privatbibliothek aus allen möglichen Positionen und Perspektiven zu inszenieren und zu fotografieren.

Da hatten es die Malergenies der Vergangenheit noch einfacher. Vor allem Albrecht Dürer (1471–1528) demonstrierte sich als eine Ausreißergestalt. In einer leicht schrulligen, um 1520 entstandenen Aktaufnahme zeigt sich der gut Fünfzigjährige seinem Publikum splitterfasernackt, lediglich eine Badehaube bedeckt sein Kopfhaar. Mit dem Verfertigen von Selbstporträts hatte er früh begonnen. Mit Selfies sein Geld zu verdienen, dazu muss man heute aber echten Celebrity-Status haben oder gute Kontakte zur Showwelt. Doch auch dann besteht die Gefahr, wie Anastasias Kindermädchen oder Geschwisterchen zu enden, als photographisches Gespenst.

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19.09.2021, 17 Uhr
Barbara Stühlmeyer