Flugblätter gegen den Klassenfeind

Die wilden Jahre um '68 – Am kommenden Mittwoch vor 100 Jahren wurde Axel Cäsar Springer geboren. Von Alexander Riebel
Foto: dpa | „Tausend Seelen wohnen in meiner Brust“: Der Verleger Axel Cäsar Springer und Ehefrau Friede an seinem 70. Geburtstag am 2. Mai 1982.
Foto: dpa | „Tausend Seelen wohnen in meiner Brust“: Der Verleger Axel Cäsar Springer und Ehefrau Friede an seinem 70. Geburtstag am 2. Mai 1982.

„Enteignet Springer“ – das war die Forderung der Studentenbewegung um '68. Der Gründer der „Bild“-Zeitung hat polarisiert, und seine Zeitung kann das noch heute. Am Dienstag wäre Axel Cäsar Springer 100 Jahre alt geworden, und Tilman Jens, der Sohn des bekannten Rhetorikprofessors Walter Jens, hat ein Buch über ihn geschrieben. Das Buch ist keine Biographie über Springer, eher ein sehr persönlicher Essay, rückblickend und versöhnlich und zugleich eine sehr lesenswerte Analyse besonders der damaligen Ereignisse.

Deutlich werden dabei auch die ambivalenten Züge Springers. Er war nicht nur der aktive Machtmensch, sondern auch der kontemplative religiöse. Er wollte nicht nur die Wiedervereinigung in die eigene Hand nehmen, indem er zwei 1958 Wochen in Moskau auf ein Gespräch mit Präsident Nikita Chruschtschow wartete. Er wollte die Nation retten, „meine Legitimation, meine Beglaubigung war das deutsche Anliegen“. Springer hatte auch ein Chalet in der Schweizer Alpen, auf dem ein Glockenturm nicht fehlen durfte. Ein Brandstifter hat es ihm abgebrannt, aber an die Ruinen stellte Springer die kupferne Gedenktafel, mit einem Spruch des Mystikers Nikolaus von Flüe: „Was die Seele für den Leib ist, ist für Gott der Staat. Wenn Gott aus dem Staat vertrieben wird, ist er dem Untergang geweiht.“ Wer so dachte, konnte bei Studenten nichts gewinnen; am Donnerstag titelte „Bild“-online in einem Beitrag über Springer sogar „Der Glaube gab ihm die Kraft“.

Der Kampf zwischen den 68ern und dem Springer-Konzern nimmt den größten Teil des Buches ein. Es ist spannend zu verfolgen, wie damals auf beiden Seiten ausgeteilt wurde. Dabei stand das „Feindbild“ Springer keineswegs im langen Schatten des Dritten Reichs. Jens hebt hervor, dass er niemals Parteigänger Hitlers gewesen sei, dass seine erste Frau Martha Else aber eine jüdische Mutter hatte. Auf Befehl Gobbels' ließ er sich 1938 scheiden, heiratete dann aber bald seine zweite von fünf Frauen. Wie auch immer, auffällig ist das spätere lebenslange Credo Springers für Israel.

Aber zurück zu '68: „Der studentische Krieg gegen Springer damals ging, wie absehbar, dramatisch verloren“, schreibt Jens. „Zu ungleich waren die Waffen: was konnten hektografierte Flugblätter gegen Rotationsmaschinerie des Klassenfeinds bewirken?“ Und die Linie Springers sieht Jens wohl beim heutigen Bild-Chefredakteur Kai Diekmann in dessen Buch „Der große Selbstbetrug“ weitergeführt, der der Generation Dutschke die Schuld am heutigen Werteverfall gibt. So schreibt Diekmann im Vorwort: „Haben die Veränderungen, für die gemeinhin Achtundsechzig steht, also Selbstverwirklichung, Bindungsangst, Kinderfeindlichkeit und Kapitalismuskritik, diesem Land die Zukunft genommen?“ Er bejaht seine rhetorische Frage.

Die Kampfeslust der damaligen Zeitungen des Springer Verlags reichte sogar bis zur Provokation von „gewaltsamer Bürgerwehr“ gegen die linken Krawalle, wie Jens schreibt. Die „Bild“-Zeitung führte dabei ihren eigenen Kampf, als sie am 7. Februar 1968 schrieb: „Und man darf auch nicht die gesamte Drecksarbeit der Polizei und ihren Wasserwerfern überlassen.“ Nach Maßstäben des Allmächtigen dürfe man ein Zeitungshaus nicht bewerten, fasst Jens die Mentalität des Verlegers zusammen: „Im Klartext: Haltet endlich den Mund, Ihr Pfarrer! Ihr Gollwitzers und Scharfs, mengt Euch nicht länger ein! Die Natur einer Kirche von Springers Gnaden verlangt nach Akklamation zur bestehenden Ordnung.“ Interessant auch der Hinweis von Jens, dass die Springer-Zeitungen keineswegs einheitlich gesteuert wurden, sondern eher zufällig die Linken mal als Nazis und dann wieder als Kommunisten tituliert haben. Eine Karikatur Rudi Dutschkes in der BZ vom 15. Februar 1968 zeigt die Vermischung von Rechts und Links, als auf seinem Gürtel SDS (Sozialistischer Studentenbund) in Nazirunen zu lesen war. Die „Welt am Sonntag“ ging ebenfalls im Februar 1968 sogar so weit, die SA mit dem SDS zu vergleichen, was Jens mit den Worten kommentiert: „Wer die Verbrechen von Hitlers Mordbatallionen explizit mit dem Ungehorsam und der gelegentlichen Rechtsbeugung der 68er gleichstellt, der tut nicht nur den Studenten gehörig unrecht, der bagatellisiert auch die Verbrechen des Holocaust-Staats.“ Dass die 68er nur gelegentliche Rechtsbeugungen vollbracht hätten, ist nun wiederum eine Bagatellisierung der damaligen Herausforderung des Staats bis an seine Grenzen. Heinrich Böll war einer, an dem sich die Feindschaft zwischen Verlag und Linken kristallisierte. „Bild“ meinte 1972, Bölls Sprache könne ein „Gemeinschaftswerk Eduard Schnitzlers und Joseph Goebbels“ sein; Böll wiederum wünschte den Springer-Mitarbeitern, „die Gräten im Weihnachtskarpfen waren nicht zu weich und haben sich tatsächlich quergelegt“.

Schließlich will Jens versöhnen, Orden oder Rübe runter seien kein „Qualitätsnachweis von Streitkultur“. Er sieht das Springer-Haus an der Dutschke-Straße, dem irdischen Gegenstück zur Normalität, die für beide im Himmel eingekehrt sei: „Da sind sich Axel und Rudi auf einmal ganz nah.“ Von hier aus gesehen sind alle nur Menschen und der Schrecken ist verflogen. Aber kann man das Boulevard damit entschuldigen, dass es eben Boulevard ist?

Tilman Jens: Axel Cäsar Springer – Ein deutsches Feindbild. Herder Verlag 2012, 180 Seiten, ISBN-13: 978-345130- 542-9, EUR 16,99

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