Feuilleton

Flannery O'Connor.: Verborgene Gnade

Über das Leben und Werk der Schriftstellerin Flannery O'Connor. Von Professor Hans-Rüdiger Schwab
Flannery O'Connor
Foto: IN

Lang hat ihr Leben nicht gedauert, keine vierzig Jahre, ein Drittel davon im Schatten unheilbarer Krankheit. Was Flannery O'Connor während dieser Zeit geschrieben hat, zählt zum Feinsten der neueren amerikanischen Literatur. Abweichend von dessen üblicher Vergabepraxis wird posthum, acht Jahre nach ihrem Tod, die erstmalige Edition „Sämtlicher Kurzgeschichten“ mit dem National Book Award ausgezeichnet. Auf ihnen, knapp über dreißig an der Zahl, beruht das Ansehen dieser Autorin noch mehr als auf zwei Romanen. Einen davon, „Wise Blood“ („Die Weisheit des Blutes“, 1952) hat John Huston 27 Jahre nach seinem Erscheinen verfilmt. Die Adaption des zweiten für das Kino, „The Violent Bear it Away“ („Die Gewalt tun“, 1960), befindet sich in Planung.

Mary Flannery O'Connor stammt aus den Südstaaten. In Savannah/Georgia wird sie am 25. März 1925 geboren. Als Tochter einer alten Familie ursprünglich irischer Herkunft zählt sie zur katholischen Minderheit des protestantischen „Bible Belts“. Nach einem kurzen journalistischen Schnupperkurs erhält die graduierte Sozialwissenschaftlerin die Möglichkeit, das renommierte Programm „Kreatives Schreiben“ an der Universität von Iowa zu belegen. Auch sie selbst entdeckt hierbei ihre Begabung.

Als extrem scheu wird sie beschrieben und wenn sie spricht, dann näselnd im schleppenden Tonfall der Herkunftsregion. Trotzdem geht Flannery O'Connor (wie sie sich jetzt nur mehr nennt) zunächst in den Norden, nach New York und Connecticut. Wenig später erhält sie die Diagnose Lupus erythematodes: ein seltener Defekt des Autoimmunsystems, an dem schon der Vater gestorben war. Allenfalls fünf weitere Jahre noch soll ihre Lebenserwartung betragen. Sie kehrt in die Heimat zurück, auf das Farmhaus der Familie bei Milledgeville im historischen Zentrum Georgias. Starke Medikamente führen zum Haarausfall. Da auch die Hüftgelenke beeinträchtigt werden, ist sie mit Dreißig auf Gehhilfen angewiesen. Gleichwohl unterhält Flannery O'Connor eine rege Vortragstätigkeit zu Themen der Literatur und des Glaubens.

Auf spendierter Pilgerreise unterwegs fürchtet sie sich in Lourdes nachgerade vor der Möglichkeit des Wunders. Bei einer Audienz erteilt Pius XII. ihr seinen besonderen Segen. Am 3. August 1964 stirbt Flannery O'Connor in Milledgeville an den Folgen eines durch ihre Krankheit ausgelösten Anfalls. Allerlei Federvieh ist auf der elterlichen Farm ihre Leidenschaft. Heimisches zum Teil: Enten, Gänse und Schwäne, doch ebenso exotische Arten wie Strauße, Emus oder Tukane. Um die hundert Pfauen hält sie dort. Dem „König der Vögel“ widmet sie nicht nur einen Essay, als Hoheitssymbol begegnet er auch in den erzählerischen Texten. Jeden Morgen am Schreibtisch sitzend, pflegt die disziplinierte Autorin zugleich fleißig die Korrespondenz mit Freunden. Viel erhellt aus diesen Briefen über die Anschauungen einer warmherzigen und witzigen Persönlichkeit, so sehr sie sich zuweilen als griesgrämiges Landei geben mag.

Zur angebotenen Mitarbeit im ehrwürdigen „New Yorker“, dem Flaggschiff aller amerikanischen Kulturzeitschriften, hat Flannery O'Connor, wie auf den Literaturbetrieb überhaupt, keine Lust. Dafür rezensiert sie zwölf Jahre lang, bis zu ihrem Tod, Bücher für regionale Diözesanblätter, wo jeweils eine Obergrenze von 300 Wörtern gilt. In diesem Rahmen bringt sie die Substanz der Werke auch schwieriger theologischer Autoren wie Guardini, Maritain oder Teilhard de Chardin auf den Punkt. Mit einem Christentum nach dem Muster des liberalen Protestantismus, das „die Wahrheit immer vager und vager und immer mehr relativ“ sowie sich „vom Gefühl anstatt vom Gedanken abhängig“ machen würde, will sie schon früh nichts zu tun haben. Am Ende stünde dabei nur, „dass Religion unsere eigene herzige Erfindung ist“. Statt bloß subjektiver Bewusstseinsinhalte zieht sie die Gültigkeit des Objektiv-Wahren vor.

Die eigene Religion nimmt Flannery O'Connor sehr wichtig. Im Jahr 2013 erst wurde aus dem Nachlass auch ihr „Gebets-Tagebuch“ („A Prayer Journal“) veröffentlicht. Die Notizen eröffnen Einblicke in das intimste Selbst der jungen Frau während ihrer entscheidenden Entwicklungsphase zur Schriftstellerin. Auf fast kindliche Weise wendet sie sich hilfesuchend direkt an ihr transzendentes Gegenüber: „Lieber Gott“, heißt es da etwa, „ich kann dich nicht so lieben wie ich möchte“, oder: „Lieber Herr, bitte lass mich nach dir verlangen. Es wäre die größte Wonne.“ Ein weiterer, für sie höchst bezeichnender Wunsch folgt nach: „Gern wäre ich auf intelligente Weise heilig.“ Dann wieder sickern Fragen und Zweifel durch, auf die sie ohne Antwort bleibt: „Gibt es kein Heranreichen an diesen lieben Gott? Kein Entkommen aus uns selbst? In etwas Größeres hinein?“

Tatsächlich kann dieses schmale und (wie die „New York Times“ schrieb) „bezaubernde Buch“ als Keimzelle zur Deutung von Flannery O'Connors späteren Arbeiten in deren „klassisch“ gewordener „Brillanz“ gelesen werden. Stets aufs Neue geht es um den Konflikt, wie ihre katholische Frömmigkeit sich mit den Bedingungen der literarischen Moderne versöhnen ließe, deren Repräsentanten sie zu dieser Zeit exzessiv verschlingt. „Ich empfinde sein Problem, Gnade zu erlangen“, trägt sie zu einer paradigmatisch gewordenen Leitfigur ein: „Bitte gib mir die notwendige Gnade, o Herr, und bitte lass es mir nicht so schwer fallen wie es Kafka geworden ist.“ Erkunden möchte sie, ob das Herz aller Dinge derart wahrnehmbar wäre, dass wenigstens bruchstückhaft sich ein verborgener spiritueller Charakter zu erkennen gäbe, die vieldeutige Evidenz des Übernatürlichen. Und vermag ein von religiösen Überzeugungen imprägnierter Text zugleich jenes Kunstwerk eigenen Rechts zu sein, das sie anstrebt? Die entstehenden Arbeiten finden darauf eine sehr spezielle Antwort.

Wer sie erstmals zur Hand nimmt, mag zunächst befremdet reagieren, wo nicht gar verstört. Behelfsweise ordnet man die Eigentümlichkeiten dieser Texte bisweilen der Rubrik des „Southern Gothic Style“ zu, einer durch die Vorliebe für Groteskes und Grausiges mitten in der Welt des vermeintlich Normalen gekennzeichneten Schreibweise. Von allen Abgründen innerer und äußerer Verdorbenheit jedenfalls sind das charakteristische Personal von Flannery O'Connors literarischem Südstaaten-Kosmos wie die dort obwaltenden Zustände beherrscht: eine Gemengelage aus Borniertheit und Stumpfsinn, aus Ressentiment und Hass, aus Fanatismus, Wahn und Niedertracht, immer wieder voller Grausamkeit und Gewalt. Unerbittlich präzise wird dies geschildert, in lakonischer Verknappung, mit feinem Gespür für Details. Bilder und Vergleiche verstärken gern jenes Ungeheuerliche, das da beschrieben wird. Als wiederkehrendes Bauelement der Texte artikuliert sich ein Humor, der ätzend und beißend ist, rabenschwarz und bitterböse. Darauf, dass „maximale Ernsthaftigkeit“ und „maximale Komik“ einander bedingen, legt die Autorin bei solch „rationaler Verwendung des Irrationalen“, wie sie es nennt, ausdrücklich Wert.

„Mein Eindruck ist“, verteidigt Flannery O'Connor in einem Essay die „drastischen Mittel“ ihrer Erzählstrategie, „dass Schriftsteller, welche die Dinge im Licht des Glaubens sehen, heutzutage das schärfste Auge für das Groteske, das Perverse und das Unakzeptable haben“. Sie selbst beschreibe Figuren, „die in einer Welt leben, in der offensichtlich etwas fehlt“. Das Ziel jener „Schock“-Ästhetik, deren sie sich bedient, ist eine Erkenntnis stiftende Konfrontation der Leser mit ungeschminkter Realität. Grob gesagt geht es ihr um die Darstellung von Wirrnis, Gebrochenheit und Elend menschlichen Lebens, religiös gewendet: um seine (meist nicht einmal bewusste) Befleckung mit der „Erbsünde“. Aufklärerisches Sendungsbewusstsein von deren allmählicher Beseitigung wird von ihren Texten immer wieder unterlaufen. In dieser Skepsis eben weiß sie sich im Einklang mit der literarischen Tradition des Südens. Erziehung und Sozialreformen (so wünschenswert auch immer sie sein mögen) richten substanziell nichts aus. „Das Böse“ ist für Flannery O'Connor mehr als „nur eine Frage eines besseren Wohnungs- und Gesundheitswesens, der Hygiene usw.“ Obendrein hat das moderne Vertrauen auf humanitären Fortschritt durch Wohlstand und Emanzipation zur Folge, dass man blind für die Notwendigkeit der Gnade wird.

Deren Wesen aber ist Flannery O'Connors Lieblingsthema. Versöhnliche Schlüsse gibt es bei ihr nicht. Auch wenn in vielen Erzählungen die Beziehung zur Transzendenz nahezu unausgesprochen bleibt, steuern diese oft auf eine Eskalation zu, wo die selbstgefälligen Fiktionen oder Lebenslügen der Figuren aufgesprengt werden und sie unversehens die wahre Bestimmung ihres Daseins zu ahnen beginnen. „Der letzte Schleier der Illusion wurde ihm wie von einem Wirbelwind von den Augen gerissen“, heißt es abschließend etwa von der Hauptfigur der Geschichte „Andauerndes Frösteln“. „Die Gnade verändert uns“, kommentiert Flannery O'Connor, „und Veränderung ist schmerzhaft.“ „Gewaltsamkeiten“ gehen ihr voraus und folgen ihr nach. Die große Kunst der Autorin jedoch zeigt sich darin, dass sie es dem Leser überlässt, deren Wirken nachzuspüren. Den pädagogischen Zeigefinger im Sinne einer impliziten Theologie erhebt sie nicht.

So verhält es sich auch mit Flannery O'Connors berühmtester Kurzgeschichte, „A Good Man is Hard to Find“ („Ein guter Mensch ist schwer zu finden“, 1953), die ihrer einzigen noch zu Lebzeiten erschienenen Sammlung des Genres den Titel gegeben hat. Das Motto zu diesem Band zitiert den Kirchenvater Kyrill von Jerusalem: „Der Drache sitzt am Straßenrand und beobachtet die Vorübergehenden. Passt auf, dass er euch nicht verschlingt. Wir sind unterwegs zum Vater der Seelen, aber wir müssen an dem Drachen vorbeigehen.“ In einem Essay fügt die Autorin dem hinzu: „Egal, welche Form dieser Drache annimmt: jede Geschichte, die in die Tiefe geht, wird von diesem geheimnisvollen Weg an ihm vorbei oder in seinen Rachen erzählen.“ Leben ist eine höchst gefährliche Angelegenheit.

Die gut zwanzig Seiten der Geschichte zeichnen eine Irrfahrt mit tödlichem Ausgang nach. Vordergründig handelt es sich um die Spritztour einer weißen Durchschnittsfamilie mit sechs Mitgliedern, vom Baby bis zur Großmutter (plus Katze), ganz wie aus den zeitgenössischen TV-Serien. Gespräche und Verrichtungen stellen sie in ihrer Banalität bloß. Einigermaßen bizarr manövriert man sich auf entlegener Landstraße in die Panne hinein. Ein Wagen stoppt. Ihm entsteigt jener flüchtige Gewaltverbrecher, von dem gerade in der Zeitung zu lesen war, samt zwei Kumpanen. „The Misfit“ nennt er sich, der von dieser Gesellschaft Verworfene. Nacheinander werden fünf der Familienmitglieder in den Wald abgeführt und erschossen. Übrig bleibt allein die nicht nur ihrer nostalgischen Fixiertheit wegen schrullig anmutende Großmutter. Ihren Versuch, einen Mörder konventionell religiös zur Besserung zu überreden, kontert dieser stoßweise mit philosophisch unterfütterten Ansichten über sein Leben in einer Wirklichkeit, an der nichts stimmt. Jede andere Sichtweise hält er für bodenlos: „Jesus war der einzige, der die Toten wieder zum Leben erweckt hat (…) und er hätt's nicht tun sollen. Er hat alles durcheinandergebracht.“ Denn, wie der „Misfit“ – „fast“ mit „einem Fauchen“ – hinterher schickt, „'s gibt kein anderes Vergnügen als 'ne Gemeinheit begehen!“ „Einen Augenblick“ nur wird die Großmutter während dieses realen Albtraums etwas „klarer im Kopf“. Als sie die Hand ausstreckt, um den Wüterich zu berühren, da sie in ihm ihr „Baby“ zu erkennen meint, durchsiebt er sie mit drei Kugeln. Sterbend „lächelt ihr Gesicht zum wolkenlosen Himmel hinauf“. Zwei Sätze des „Misfits“ folgen noch, zuerst mit Bezug auf die schon vorher variierte Redewendung des Titels: „Sie wär eine gute Frau gewesen, wenn jemand dagewesen wär, der sie jede Minute ihres Lebens totgeschossen hätte.“ Und schließlich: „Es gibt kein richtiges Vergnügen im Leben!“ Ende der Geschichte.

Beispielhaft kreuzen sich hier die typischen Grundzüge von Flannery O'Connors Methode: das Ineinander von exakter Milieuskizze, einer Figurenzeichnung an der Grenze zur Karikatur, dem zwischen Komik und Entsetzen angesiedelten Ablauf des Geschehens sowie dessen gesellschaftskritische und existenzielle Unterfütterung. Ganz unverkennbar kommt den Akteuren jeweils auch Verweischarakter zu. Nur welcher? Für die rätselhafte Gestalt des „Misfits“ etwa sind – vom simplen Psychopathen über einen durch seine Abweisung verzweifelten Amokläufer bis hin zum nihilistischen Rebellen – wohlbegründet sehr verschiedene Deutungen geltend gemacht worden. Erkennt die ihrer eigenen Tadellosigkeit zuvor so gewisse Großmutter sich mit dem Glaubensunfähigen plötzlich als wesensverwandt? Eröffnet er ihr durch seine Aggression im Moment des Todes die Chance zur verwandelnden Selbsterkenntnis? Und überkommt den Mörder danach in aller kruden Schrägheit gar eine Idee von dem, was da eigentlich geschehen ist?

Die schon kurz nach Veröffentlichung der Geschichte einsetzende Vielfalt der Interpretationen hat Flannery O'Connor zu einer brieflichen Selbstaussage veranlasst. Für sie ist der satanische „Misfit“ ein Bote des Guten wider Willen, indem er die Großmutter zum – wie dies immer zu sein pflegt – durch Verletzung heilenden Einbruch der Gnade befreie. Ihre eigenen, auf den „christlichen Mysterien“ gründenden „Annahmen“, fährt sie fort, werde freilich „ein Großteil des modernen Publikums nicht teilen. Dazu kann ich nur sagen, dass es vielleicht andere Wege als meinen gibt, die Geschichte zu lesen, aber keinen anderen, auf dem sie hätte geschrieben werden können.“ Sowie, diese perspektivische Unterscheidung ferner explizierend: „Eine Geschichte taugt nichts, so lange sie sich nicht erfolgreich der Paraphrase widersetzt.“

Darin aber besteht der unhintergehbar komplexe Kern jener Kunst, um welche die Autorin als junge Frau Gott gebeten hatte. Plakativ äußert sich das Religiöse darin nie. Wohl aber lässt es sich finden.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe

Weitere Artikel
Themen & Autoren
Amerikanische Schriftsteller Autor Buchautorinnen und Buchautoren Emanzipation Emotion und Gefühl Familien Franz Kafka Gewalt John Huston Sozialwissenschaftler

Kirche

Schwules Paar
Rezension
Eine Wegweisung im LGBTIQ - Dschungel Premium Inhalt
Daniel Mattson legt in seinem autobiografischen Buch "Warum ich mich nicht als schwul bezeichne" tiefe Gedanken über Sexualität, persönliche Freiheit und die Lehre der Kirche vor.
19.09.2021, 17 Uhr
Barbara Stühlmeyer
Papst in der Slowakei
Bratislava
In das reale Leben eintauchen Premium Inhalt
Die Pastoral muss kreativ begleiten und motivieren. In der Slowakei will die Kirche dafür den richtigen Weg finden. Papst Franziskus ermutigte bei seinem Besuch dazu. Ein Gastkommentar.
18.09.2021, 19 Uhr
Thomas Schumann