„Figuren wie im römischen Alltag“

„Utrecht, Caravaggio und Europa“ faszinieren in München. Von Constantin und Ulrike von Hoensbroech
"Heiliger Hieronymus, meditierend",  Caravaggio,1605/6
Foto: Die Pinakotheken | Solch dramatischen Realismus wie bei Caravaggio hatte man zuvor nicht gesehen: „Heiliger Hieronymus, meditierend“, 1605/6.

Auf bis zu 150 Millionen Euro wird der Schätzpreis für ein Gemälde veranschlagt, das Ende Juni im französischen Toulouse auktioniert wird. Fünf Jahre hatte die Darstellung von „Judith und Holofernes“ auf einem Dachboden gelegen. Möglicherweise stammt die im Jahr 1606 oder 1607 gemalte berühmte alttestamentarische Szene von Michelangelo Merisi, genannt Caravaggio (1571–1610). Doch vielleicht stammt das Bild auch von einem der sogenannten Caravaggisten?

So jedenfalls wird eine berühmte Malschule bezeichnet, die im frühen 17. Jahrhundert im niederländischen Utrecht begründet wurde und sich der Verarbeitung der Werke des frühbarocken italienischen Meisters widmete. „Utrecht, Caravaggio und Europa“ heißt denn auch treffend eine faszinierende Ausstellung über diese Schule und ihre Vertreter. Die Werke sind jetzt in der Alten Pinakothek in München zu sehen. Zuvor wurde die Schau mit rund 70 Gemälden von 17 Künstlern im Utrechter Centraalmuseum gezeigt, das schon seit vielen Jahren eine enge Kooperation mit dem Kunstmuseum in der Münchner Maxvorstadt pflegt.

In vier großen Themenkomplexen werden die Werke der niederländischen Caravaggisten und ihrer europäischen Pendants präsentiert: Helden, Heilige, Christus, Sünder. So wird deutlich, wie jeder dieser Künstler in der Zeit des europäischen Caravaggismus von 1600 bis 1630 sich diesen vielfach bearbeiteten und abgebildeten Themen näherte. Auch wenn die Motive und Themen dieselben waren, schufen doch die Künstler jener Zeit ihre Werke jeweils mit ihrem individuellen kulturhistorischen Hintergrund.

Ausgangspunkt für diese kunstgeschichtlich hoch spannende und nachhaltig stilbildende Zeit war die Kunde über den Maler Caravaggio, der mit einem neuartigen Realismus, seiner Art der thematischen Darstellung und dem mysteriös anmutenden Umgang mit Licht und Dunkel in seinen Bildern so etwas wie eine Revolution ausgelöst hatte. „Wunderliche Dinge tut er“, wie der niederländische Schriftsteller und Zeichner Karel van Mander in seinem 1604 verfassten „Schilder-Boeck“ (Maler-Buch), der ersten nördlich der Alpen verfassten kunsttheoretischen Schrift, über Caravaggio vermeldete. Rom war damals das kulturelle Zentrum der Welt und zog Künstler aus ganz Europa an, die dort vor allem die Kunst der Antike und der Renaissance studierten. Rund 2 700 Künstler waren damals in der ewigen Stadt registriert, darunter annähernd 600 aus dem Ausland.

Für die drei jungen Utrechter Maler Hendrick ter Brugghen (1588–1629), Gerard van Honthorst (1592–1656) und Dirck van Baburen (1592/93–1624), die sich im Anschluss an ihre Ausbildung auf den Weg nach Rom gemacht hatten und dort auf Caravaggios unkonventionelle Gemälde trafen, muss es gleichsam ein Schock gewesen sein. „In der niederländischen Malerei gab es damals zwar schon eine lange Bildtradition, die Natur detailgetreu und ungeschönt wiederzugeben“, sagt Bernd Ebert von der Alten Pinakothek, Sammlungsleiter für Holländische und Deutsche Barockmalerei, und fügt hinzu: „Aber solch einen dramatischen Realismus wie in den Werken von Caravaggio, mit Figuren, die dem römischen Alltagsleben entsprungen zu sein scheinen, hatten sie noch nie gesehen.“ Caravaggio selbst haben sie nicht mehr kennengelernt; der Maler musste im Jahr 1606 die Metropole verlassen, nachdem er bei einer Schlägerei einen Mann getötet hatte.

Gleichwohl bedienten sich die Holländer – und viele andere Künstler auch – bei Caravaggios Meisterwerken als Vorlage für eigene Werke. Dabei durften sie sich prominenter Fürsprache sicher sein. Schließlich hatte doch Karel van Mander allen malenden Lehrlingen geraten, erst einmal „te stelen and te rapen“, also zu stehlen und zu rauben. Anders ausgedrückt: die Werke bedeutender Meister zu studieren und nachzuahmen. Dass sie es dabei aber nicht einfach beim Kopieren beließen, sondern sich selbst und die Bearbeitung der vielfach bekannten Schilderungen über Helden der Antike, testamentarische Begebenheiten, Überlieferungen über das Leben Christi oder Heilige weiterentwickelten, zeigt eindrucksvoll diese Ausstellung.

Besonders deutlich wird dies bei der „Grablegung Christi“. Bei diesem monumentalen Altarbild (drei mal zwei Meter) von Caravaggio aus den Vatikanischen Museen (bis zum 20. Mai im Original zu sehen) wird den Betrachtern der Leib Christi wie in einer Theaterszene geradezu präsentiert. Die im Bild dargestellten Personen suchen den unmittelbaren Kontakt mit den Betrachtern. In der Darstellung dieser Szene durch Dirck van Baburen hingegen bleiben die Betrachter lediglich Zuschauer, eigentlich nur Zaungäste, die beobachten können, welche körperlichen Anstrengungen die dargestellten Personen unternehmen, damit ihnen der massige Leichnam nicht entgleitet.

Eine andere Gegenüberstellung: Gerard van Honthorst folgte dem Rat von van Mander und zeichnete im Jahr 1616 Caravaggios Gemälde „Die Kreuzigung des heiligen Petrus“ nach – mit einem neuen Detail: Bei van Honthorst ist zu sehen, wie das Holz durch die Wucht der eingeschlagenen Nägel splittert. In seinen späteren Werken fand van Honthorst schließlich seinen eigenen unverwechselbaren Stil. Bekannt wurde er vor allem dadurch, dass bei ihm – anders als bei Caravaggio – die Lichtquelle nicht außerhalb, sondern innerhalb des Bildes ist und dadurch völlig anders die Effekte von Licht und Schatten inszeniert sind. Das hat ihm den Beinamen „Gherardo delle notti“ (Gerhard der Nächte) eingebracht.

Wie sehr aber insbesondere die Holländer den Realismus eines Caravaggio weiterführten, zeigen beispielsweise Bilder von Hendrick ter Brugghen. In den lebensnahen Darstellungen von Personen des Alltags, etwa von Musikern oder Trinkern, werden auch realistische Details wie faule Zähne, glasige Augen oder dreckige Füße abgebildet. Eine andere grandiose Gegenüberstellung ist die „Berufung des heiligen Matthäus“.

Bei Caravaggio sitzt der ehemalige Zöllner und spätere Evangelist am linken Bildrand vertieft in die vor ihm liegenden Münzen. Er bekommt offenkundig gar nicht mit, dass mehrere Personen auf ihn zeigen. Die Betrachter sind Beobachter der Szene. Bei Hendrick ter Brugghen hingegen spiegelt sich der dramatische Moment völlig anders wider. Deutlich ist der ausgestreckte Zeigefinger der ansonsten nur im Profil angedeuteten Gestalt Christi zu sehen. Der in der Bildmitte sitzende Matthäus antwortet auf die Ansprache Christi, indem er mit einem Zeigefinger auf sich selbst zeigt, mit dem anderen auf das vor ihm liegende Geld. Er sieht sich vor die existenzielle Lebensentscheidung gestellt: Beim bisherigen Leben bleiben oder dem Ruf Christi folgen? Die frappierende Wirkung dieser atmosphärisch so dicht gemalten Begebenheit mag nicht zuletzt durch die derart realistisch eingefangene Körpersprache und den Gesichtsausdruck des Evangelisten manchen Betrachtern suggerieren, dass die Frage an sie selbst gerichtet ist.

Geöffnet bis 21. Juli, Alte Pinakothek München, Barer Straße 29, täglich außer Mo. 10.00 bis 18.00 Uhr, Di. bis 20.00 Uhr.

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30.08.2021, 07  Uhr
Georg Blüml
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